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Darum ist Thors Entwicklung in "Avengers 3: Infinity War" so zwiespältig
Von Julius Vietzen — 19.05.2018 um 16:21
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Den Donnergott aus „Thor“ und „Thor 2 - The Dark Kingdom“ erkennt man in „Thor 3: Tag der Entscheidung“ kaum wieder. „Avengers: Infinity War“ macht für unseren Autor zwar schon vieles besser, ganz zufrieden ist er aber auch noch nicht…

Marvel Studios 2018

Ich bin kein großer Fan von „Thor 3: Tag der Entscheidung“. Was genau mich an dem völlig unpassenden Humor und der irritierenden Figurenzeichnung stört, habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich dargestellt und ich will mich hier nicht wiederholen. Eines steht jedoch fest: In „Avengers 3: Infinity War“ finde ich den Donnergott (Chris Hemsworth) wesentlich besser. Dennoch bin ich auch hier nicht ganz damit zufrieden, wie die Figur behandelt wird, sondern etwas hin- und hergerissen: Auf der einen Seite bin ich froh, dass sie nicht mehr so albern und verweichlicht ist, wie in großen Teilen von „Thor 3“, auf der anderen Seite trauere ich aber der positiven Entwicklung nach, die der Donnergott am Ende von „Tag der Entscheidung“ nahm.

Schluss mit lustig

Thor ist in „Avengers 3“ endlich wieder Thor, das lässt sich auf jeden Fall festhalten – er ist also wieder als die Figur erkennbar, die im Verlauf von „Thor“, „Thor 2“, „The Avengers“ und „Avengers 2“ etabliert wurde. Das liegt vor allem daran, dass die Autoren Christopher Markus und Stephen McFeelywie bereits vorher angekündigt – auf den überzogen-albernen Humor aus „Thor 3“ verzichtet haben.

Gleichzeitig darf Thor natürlich trotzdem noch lustig sein (wie auch schon in seinen andere Auftritten vorher) und hat auch in „Avengers 3“ wieder einige Lacher, aber dadurch verkommt er nicht wie in „Tag der Entscheidung“ zu einem Clown, sondern bleibt ganz er selbst: Wenn er etwa Rocket (Stimme im Original: Bradley Cooper / deutsche Stimme: Fahri Yardim) konsequent als Karnickel bezeichnet oder nicht weiß, ob Kevin Bacon Mitglied der Avengers ist, dann ist das nicht nur eine gelungene Fortführung der in „Guardians Of The Galaxy“ begonnenen Running Gags, es passt auch wunderbar zu Thor – denn woher soll der Donnergott wissen, was ein Waschbär ist oder wer gerade bei den Avengers mitmischt?

Ein tragischer Thor

Fast genauso wichtig ist aber: In „Infinity War“ wird Thor endlich als die tragische, emotional versehrte Figur gezeigt, die sie im MCU ist. Thor lebt seit 1.500 Jahren, wie er an einer Stelle verrät, hat aber in dieser Zeit (soweit wir wissen) keine großen Konflikte durchstehen müssen. Doch in den letzten zehn Jahren seines langen Lebens verliert er dann seine Eltern Frigga (Rene Russo) und Odin (Anthony Hopkins), seine Heimat Asgard wird zerstört, sein nun heimatloses Volk von einem verrückten Massenmörder zur Hälfte ausgelöscht und sein Bruder Loki (Tom Hiddleston), den er trotz allem liebt, und sein bester Freund Heimdall (Idris Elba) werden vor seinen Augen ermordet. Klar, Thor ist ein übermenschliches Wesen mit unglaublichen Kräften, doch diese Ereignisse gehen nicht spurlos an ihm vorbei. In dieser Hinsicht ist er sehr menschlich – und das ist auch völlig richtig so, denn nur so kann sich das Publikum mit ihm identifizieren.

In „Avengers 3“ darf Chris Hemsworth so in einer entscheidenden Szene auch mal sein ganzes schauspielerisches Können zeigen: Sogar der sonst nicht eben für sein Feingefühl bekannte Rocket merkt offenbar, wie sehr die bisherigen Ereignisse den Donnergott mitgenommen haben und sucht an Bord des von den Guardians Of The Galaxy ausgeliehenen Shuttles das Gespräch mit ihm. Thor versucht zunächst, seine Trauer mit Witzeleien und aufgesetzter Härte zu überspielen, doch nach und nach zeigen sich Risse in dieser Fassade, der Schmerz und der Verlust kommen zum Vorschein und wenn man genau hinschaut, entdeckt man sogar das Glitzern einer Träne im verbliebenen Auge des Donnergotts – ein stark gespielter, wahnsinnig intensiver Moment.

Auge der Entscheidung

Doch noch in derselben Szene nimmt die bisher so überzeugende Darstellung der Figur eine unschöne Wendung: Rocket greift in seine Tasche und überreicht Thor ein neues Auge – und im Handumdrehen ist eine der wenigen guten Entwicklungen aus „Thor 3“ wieder rückgängig gemacht.

Nicht, dass ich dem Donnergott nicht seine beiden Augen gönne, aber die Augenklappe verlieh Thor nun einmal ein passend martialisches und – betrachtet man den ebenfalls einäugigen Odin – königliches Aussehen. Und noch viel wichtiger: Der Verlust eines Auges war ein gelungenes Spiegelbild des Verlusts seiner Freunde und seiner Familie und die leere Augenhöhle samt Narbe ein perfektes Symbol für seine bereits angesprochene emotionale Versehrtheit. Es ist mir völlig unverständlich, dass Marvel das nun wieder rückgängig gemacht hat.

Sturmbrecher statt Mjölnir

Und genauso unverständlich finde ich es, dass man Thor in „Avengers 3“ nun wieder eine Waffe in die Hand drückt, nachdem er in „Tag der Entscheidung“ doch eigentlich gelernt hatte, dass er gar keine braucht, um seine Kräfte zu entfesseln: „Bist du Thor, Gott der Hämmer?“, fragt ihn Odin in einer großartigen Szene, woraufhin bei seinem Sohn endlich der Groschen fällt – und anschließend räumt der neu erstarkte Donnergott auch ohne seinen Hammer Mjölnir mächtig unter Helas (Cate Blanchett) Schergen auf.

Ich verstehe natürlich die erzählerischen Gründe für die Entscheidung, Thor eine neue Waffe zu geben: Die Filmemacher wollen ihn, parallel zur heimlichen Hauptfigur Thanos (Josh Brolin), auf eine Heldenreise schicken. Dafür muss Thor dem Titanen am Anfang von „Avengers 3“ unterliegen, nur um ihn nach überstandenen Abenteuern – dem Schmieden der Axt Sturmbrecher – schlussendlich doch noch zu besiegen, auch wenn er ihn nicht von seinem fatalen Fingerschnipser abhalten kann.

Doch Thors Heldenreise hätte auch anders aussehen können: Warum lassen die Regisseure Joe und Anthony Russo den Donnergott nicht am Anfang deswegen unterliegen, weil er seine Kräfte an Bord eines Raumschiffes im Weltall nicht entfalten kann – wie sollte das bei Blitzen auch funktionieren? – oder weil Thanos die anderen Asen als Geiseln nimmt? Seine Heldenreise hätte dann einfach darin bestehen können, dass er ohne Bifröst rechtzeitig zur Erde zurückfinden muss, um dort Thanos zu einem neuen Duell herauszufordern, bei dem er dieses Mal auf Blitz und Donner zurückgreifen kann.

Vorfreude auf "Avengers 4"

Das hört sich vielleicht alles negativer an, als eigentlich gemeint ist, daher noch einmal: Mir ist der Thor aus „Infinity War“ lieber als der aus „Tag der Entscheidung“. Und ich bin schon jetzt sehr gespannt, wie die Russos Thors Geschichte in „Avengers 4“ fortführen: Wie wird der Donnergott etwa mit damit umgehen, dass Thanos die Hälfte des Lebens im Universum auslöschen konnte, nur weil er unbedingt noch seine persönliche Rache haben wollte und ihn nicht tötete, als er die Gelegenheit hatte? Es wäre durchaus möglich, dass Thor daran endgültig zerbricht.

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