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Warum der "Solo"-Flop das Beste ist, was "Star Wars" passieren konnte
Von Christoph Petersen — 29.05.2018 um 17:00
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Nachdem „Solo: A Star Wars Story“ an den Kinokassen deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, steht eine Kurskorrektur beim „Star Wars“-Franchise an. Jetzt heißt es Daumendrücken, dass Disney auch die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Disney

Gestern hat FILMSTARTS-Chefredakteur Carsten Baumgardt einen Artikel veröffentlicht, in dem er Erklärungsansätze dafür liefert, warum das Spin-off eine solch krachende Bruchlandung an den weltweiten Kinokassen hingelegt hat. Er führt darin eine Menge stimmiger Argumente für das Scheitern von „Solo: A Star Wars Story“ auf – aber wenn die „Star Wars“-Verantwortlichen um Kathleen Kennedy den Artikel lesen würden, bestünde trotzdem die ernsthafte Gefahr, dass sie die vollkommen falschen Schlüsse aus dem „Solo“-Desaster ziehen.

Denn in dem Artikel geht es nämlich zunächst einmal um Gründe, die mit der Terminierung des „Solo“-Kinostarts zu tun haben – im Sommer statt wie gewohnt einige Wochen vor Weihnachten; nur wenige Monate nach „Star Wars 8: Die letzten Jedi“; mitten zwischen den Box-Office-Abräumern „Avengers 3“, „Deadpool 2“ und „Jurassic World 2“. Das stimmt alles. Trotzdem lehne ich mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich jetzt einfach mal behaupte: „Solo“ wäre auch im Dezember kein Hit geworden!

„Solo“ ist kein schlechter Film, aber…

Ich habe „Solo: A Star Wars Story“ in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik 3,5 Sterne gegeben. Es hätten auch nur 3 werden können. Trotzdem finde ich nicht, dass „Solo“ ein schlechter Film ist. Ich lobe Ron Howard sogar ausdrücklich dafür, trotz des Produktionschaos noch ein Sternenabenteuer wie aus einem Guss hinbekommen zu haben. Aber um die reine Qualität geht es auch erst mal gar nicht. Das Problem ist vielmehr, dass man bei Disney offenbar immer noch glaubt, dass die Marke „Star Wars“ alleine genug sei, um das Publikum zu begeistern. Aber dass diese Zeiten (endgültig?) vorbei sind, hat man im Internet schon an den Reaktionen zu „Star Wars 8“ gemerkt – die miesen Einspielergebnisse von „Solo“ sind da jetzt nicht mehr als die Bestätigung dieses Trends.

In den Monaten vor dem Kinostart ging es immer nur darum, wie Ron Howard den Film noch retten will. Mir hat aber kein einziges Mal jemand in einem Trailer, Interview oder in den sonstigen Marketingmaterialien erklärt, warum ich mich eigentlich auf „Solo“ freuen soll. Was bietet mir der Film im Vergleich zu anderen Sommer-Blockbustern – außer natürlich dem Namen „Star Wars“ im Titel? Ich hatte vorab schlicht keinen Schimmer – und ganz ehrlich, nach dem Sehen des Films bin ich auch nicht viel schlauer…

Es nicht kaputtzumachen reicht nicht mehr

Selbst bei der vielgescholtenen Prequel-Trilogie war jeder „Star Wars“-Film ein Ereignis. Aber bei „Solo“ war das für mich nur der Fall, weil ich ihn bei der Europapremiere beim Filmfestival in Cannes gesehen habe – Stars und Sturmtruppler auf dem Roten Teppich und hinterher ein gigantisches Feuerwerk über dem Mittelmeer inklusive. Hätte ich den Film stattdessen ein paar Tage später regulär hier in einem halbvollen Kino in Berlin gesehen, bin ich mir gar nicht sicher, ob ich auch dann einen atmosphärischen Unterschied zu einem Besuch von sagen wir „Rampage“ oder „Pacific Rim 2“ gespürt hätte.

Die Disney-Manager behandeln „Star Wars“ aktuell wie eine megawertvolle chinesische Vase – und jedes Mal, wenn sie sie aus ihrer Vitrine hervorholen, ist die alleroberste Maxime, sie bloß nicht kaputtzumachen. Deshalb mussten auch die ursprünglichen „Solo“-Regisseure Phil Lord und Christopher Miller gehen, denn die „The LEGO Movie“-Macher haben die Vase „Star Wars“ jeden Tag am Set aufs Neue hoch in die Luft geworfen und es war alles andere als sicher, ob sie sie am Ende des Tages auch wieder auffangen würden. Aber Scherben bringen Glück – und ich hätte mir im Kino lieber einen richtig schön zertrümmerten Scherbenhaufen angesehen als eine mit Samthandschuhen herumgereichte Vase. Wertvolles Porzellan gehört ins Museum, aber nicht auf die Leinwand, denn im Kino will ich Aufregung (nicht zu verwechseln mit Action).

Also was nun?

Es gibt ein Beispiel für eine Franchise, die vor gar nicht allzu langer Zeit an einem ganz ähnlichen Punkt war wie jetzt „Star Wars“ – nämlich „X-Men“. Die Fox-Verantwortlichen waren damals dermaßen ratlos, was sie mit der Reihe noch anfangen sollten, dass sie sogar grünes Licht für „Deadpool“ und im Anschluss auch noch für „Logan“ gegeben haben. Diese Verzweiflung ist mit das Beste, was dem Genre der Studio-Comic-Blockbuster in den vergangenen zehn Jahren passiert ist. Nun erwarte ich mir von „Star Wars“ – Verzweiflung hin oder her – keine Filme mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren. Das ist es auch nicht, was die Reihe braucht. Aber Mut und Experimente und notfalls auch mal einen völlig in den Sand gesetzten „Star Wars“-Film – da hätte sich der „Solo“-Flop doch glatt gelohnt.

Deshalb ist es jetzt auch so wichtig, dass Kathleen Kennedy, Disney & Co. die Verzweiflung produktiv nutzen – und sich nicht selbst (allzu leichtfertig) beruhigen, indem sie einfach ein wenig am Release-Kalender herumdrehen. Wenn ein paar verschobene Kinostarts das einzige Ergebnis der ausbleibenden Zuschauer sein sollten, wäre das eine fatal kurzsichtige Schlussfolgerung. Auf lange Sicht ist die aktuelle Verzweiflung nämlich das größte Pfund, das die Macher bei der zukünftigen (und hoffentlich mutigen) Neugestaltung der „Star Wars“-Reihe haben. Möge sie ihnen noch eine möglichst lange Zeit erhalten bleiben.

Die FILMSTARTS-Kritik zu "Solo: A Star Wars Story"

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