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So fühlt es sich an, wenn man "The Dark Knight" heute zum ersten Mal sieht
Von Alexander Friedrich, Regina Singer — 21.08.2018 um 14:19
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Heute vor zehn Jahren kam „The Dark Knight” in die Kinos. Während Volontär Alexander Friedrich damals mit dem Batman-Film die Liebe zum Kino entdeckte, hat ihn Volontärin Regina Singer nun pünktlich zum Jubiläum das erste Mal gesehen. Ein Gespräch.

Warner Bros.

Am 21. August 2008, also heute vor genau zehn Jahren, startete „The Dark Knight“ in den deutschen Kinos. Christopher Nolans zweiter Batman-Film gilt für viele heute nicht nur als Meilenstein der Comicverfilmungen, sondern sogar als eines der größten Leinwandwerke überhaupt. Doch wie wirkt der nun zehn Jahre alte „The Dark Knight“ auf jemanden, der den Film heute zum ersten Mal sieht? Um diese Frage zu klären, haben sich zwei unserer FILMSTARTS-Volontäre anlässlich des Jubiläums des Dunklen Ritters zusammengesetzt und ausgiebig diskutiert, denn beide verbinden mit dem Film ein gänzlich unterschiedliches Erlebnis: Alexander Friedrich entdeckte dank „The Dark Knight” seine Leidenschaft für das Kino, während Regina Singer den Film nun zum ersten Mal überhaupt gesehen hat. Vorsicht, vor Spoilern wird nicht zurückgeschreckt!

Alexander Friedrich: Als ich „The Dark Knight” vor zehn Jahren das erste Mal gesehen habe, konnte ich zwar noch längst nicht all die Details erkennen, die in diesem Film stecken, doch ihm verdanke ich letztendlich meine Begeisterung für das Medium Film und den anschließenden Wunsch, mich auch beruflich damit zu beschäftigen. Erst durch „The Dark Knight” wollte ich mich mit dem Drehbuch- und Regiehandwerk so richtig auseinandersetzen und beschloss, Film zu studieren. Doch als Meisterwerk habe ich den Film erst nach dem dritten Mal wahrgenommen. Heute, an die 30 weitere Sichtungen später, belegt „The Dark Knight” in meiner persönlichen Liste der besten Filme aller Zeiten sogar den fünften Platz. Aber wie siehst du denn die Sache? Du hast den Film vor einigen Tagen ja das erste Mal gesehen.

Die FILMSTARTS-Kritik zu "The Dark Knight"

Regina Singer: Ich habe mich auf jeden Fall unterhalten gefühlt, zu meinen Lieblingsfilmen würde ich „The Dark Knight” aber nicht zählen, obwohl der Film stark angefangen hat. Die erste Szene mit dem Bankraub hat das Niveau sehr hoch gesetzt und ich mag es, wenn Sequenzen so unerwartet enden. Aber der Film konnte dieses hohe Niveau im weiteren Verlauf nicht halten. Es gab teilweise Szenen, die ich schwach inszeniert fand. Zum Beispiel die Szene, als Rachel vom Joker losgelassen wird und sie während der Benefizgala vom Penthouse hinabstürzt. Die Kamera folgt ihr in einer Fahrt von oben hinab in die Häuserschlucht und Rachel-Darstellerin Maggie Gyllenhaal streckt beim Fallen ihre Arme in die Luft. Ich nehme der Schauspielerin die Verzweiflung in diesem Augenblick einfach nicht ab.

Alexander Friedrich: Also war das der erste Moment, wo deine Begeisterung über den Film nachgelassen hat?

Regina Singer: Ja, ein Stück weit schon. Denn damit verbunden ist ja die gesamte Liebesgeschichte, die sich durch den Film zieht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Maggie Gyllenhaal im Film nicht überzeugend finde. Ich finde ihre Figur jedenfalls seltsam und verstehe nicht, wen sie liebt. Sie ist keinem Mann wirklich treu. Als Harvey Dent ihr den Antrag macht, sagt sie erst, sie ist sich nicht sicher. Man merkt, dass sie eine Vorgeschichte mit Batman hat und ihn noch nicht losgelassen hat und sich deshalb noch nicht auf etwas Neues einlassen kann. Aber auf der anderen Seite ist sie ja mit Dent zusammen! Sie will ihn nur nicht heiraten. Aber im Angesicht des Todes ändert sich das. Generell finde ich, dass diese Liebesgeschichte nicht hätte sein müssen.

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Für Regina Singer ein Dorn im Auge: Die Liebesgeschichte zwischen Bruce Wayne und Rachel Dawes

Alexander Friedrich: Also ich finde, sie hat sich nicht im Angesicht des Todes entschieden. Sie hat ja bereits vorher den Brief geschrieben, den sie Alfred gegeben hat und in dem sie Bruce eine endgültige Absage erteilt. Und warum sollte sie auch nicht einfach unsicher gewesen sein dürfen? Bruce hat ja schließlich zu ihr gesagt, dass die Stadt Batman nicht mehr braucht und das hat ihr Hoffnung auf eine Beziehung gemacht, doch letztendlich wurde ihr klar, dass das einfach nicht stimmt.

Regina Singer: Da sprichst du einen anderen Punkt an, der mich genervt hat: Am Anfang fand ich es noch okay, dass die Stadt irgendeinen Helden nötig hat. Aber im Laufe des Films wurde ständig gesagt: „Die Stadt braucht dich!“ – „Nein, die Stadt braucht dich, denn du bist so toll!“ – „Nein, du bist so toll!“. Das war so ein ständiges Hin und Her und hat die Frage aufgeworfen: Was ist mit dieser Stadt los? Warum ist sie so hilfsbedürftig? Verstehe ich es vielleicht nicht ganz, weil ich den ersten Film noch nicht gesehen habe?

Um wen geht es im Film eigentlich?

Alexander Friedrich: Das ist ein interessanter Punkt. Denn „Batman Begins” hatte ich damals auch noch nicht gesehen, sondern eben zuerst „The Dark Knight”. Darin wird Rachel ja auch von einer anderen Schauspielerin, nämlich Katie Holmes gespielt. Vielleicht wäre mit ihr ihre Figur für dich ganz anders rübergekommen. Ich persönlich halte Maggie Gyllenhaal für die deutlich bessere Besetzung. Aber es sind auch grundlegend zwei verschiedene Filme. Der erste Teil spielt zum Großteil bei Nacht und vieles wurde im Studio gedreht, während „The Dark Knight” sehr häufig am helllichten Tag spielt und die Szenen in Chicago gedreht wurden. Meiner Meinung nach muss man überhaupt alle drei Filme sehr getrennt voneinander betrachten.

Regina Singer: Das ist interessant. Denn dadurch, dass dokumentiert ist, wie sich Heath Ledger auf die Rolle des Jokers vorbereitet hat und die Tatsache, dass er kurz darauf gestorben ist, ist er für mich in den Mittelpunkt gerückt. Ich finde auch, dass er den Film getragen hat. Batman ist dadurch für mich in den Hintergrund gerückt, obwohl es ja schon hauptsächlich um ihn geht und seine Geschichte erzählt wird, weil er ja der Hauptprotagonist ist.

Alexander Friedrich: Störte dich das denn?

Regina Singer: Nein. Ich frage mich nur, ob das meine heutige Wahrnehmung ist, die die beiden gleichgesetzt hat, und ob das vor zehn Jahren anders war. Aus heutiger Sicht habe ich das Gefühl, der Joker hätte eine größere Rolle spielen müssen, weil die Hintergrundgeschichte in den letzten zehn Jahren so groß für mich geworden ist. Denn wenn ich „The Dark Knight“ gehört habe, dann habe ich an die Heath-Ledger-Geschichte gedacht. Vielleicht betrachtet man den Film mehr als „Gesamtkunstwerk“, wenn man ihn 2008 gesehen hat? Und nicht wie ich heute doch sehr auf Heath Ledger fixiert?

Wer ist der wahre Schurke?

Alexander Friedrich: Beim ersten Mal ist mir das zumindest mit der Rollenverteilung noch nicht so aufgefallen, sondern erst nach den weiteren Sichtungen. Ich habe es so interpretiert, dass beide im Grunde dieselbe Figur sind. Denn beide wollen eigentlich genau dasselbe erreichen, nur mit anderen Mitteln. Für mich sind Batman und der Joker Spiegelbilder voneinander. Beide haben als Ziel, die Stadt Gotham zu verändern und handeln dabei außerhalb des Gesetzes. Vor allem mit dem Schnitt werden diese gespiegelten Persönlichkeiten raffiniert verdeutlicht. Meine absolute Lieblingsszene ist die Verhör-Sequenz, nachdem der Joker in der Mitte des Films gefasst wurde. Während des Dialogs zwischen Batman und dem Joker sehen wir beide in einem normalen Schuss und Gegenschuss, die Kamera befindet sich zwischen ihnen. In dem Moment, wo der Joker sagt, Batman sei genau wie er ein Außenseiter, springt die Kamera jedoch hinter Batman, so dass wir seinen Rücken sehen. Er sieht also quasi in sein Spiegelbild. In diesem scheinbar unwichtigen Detail wurde für mich somit ein zentrales Element des Films klar. Obwohl Batman glaubt, im Recht zu stehen und der Gute zu sein, sind die beiden Charaktere eigentlich gar nicht so verschieden.

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Die beste Szene des Films? Batman und der Joker von Angesicht zu Angesicht

Die Menschen sind der wahre Protagonist

Regina Singer: Stimmt, die Szene mochte ich auch. Batman wirkte auf mich aber auch von Anfang an nicht wie der netteste Mensch der Welt. Teilweise erscheint er sogar sehr abgehoben in seinem Reichtum. Und wenn er nicht so wohlhabend wäre, würde er die Stadt in dieser Form ja gar nicht vor den Bösen und Kriminellen beschützen können. Da ich ihn von Anfang an nicht richtig als Figur greifen konnte, war ich auch unsicher, ob er überhaupt die Hauptfigur ist.

Alexander Friedrich: Das finde ich auch an diesem Film so faszinierend. Es geht darin gar nicht um Batman und auch nicht um den Joker, der Protagonist ist die Stadt. Bezeichnend ist dafür auch die allererste Einstellung des Films, denn diese zeigt die Skyline von Gotham. Und auch im Verlauf des Films zeigt Nolan immer wieder Panoramaaufnahmen als Szenenübergänge, doch jedes Mal wählt er dabei einen anderen Blick. Mal sehen wir tief in die Straßenschluchten hinein, mal horizontal in das Meer aus Wolkenkratzern, ein anderes Mal sehen wir die Stadt mitten in der Nacht, dann wieder am Tag – wir bekommen Gotham aus allen erdenklichen Blickwinkeln zu sehen, doch dabei zeigt Nolan auch ständig die Bürger und Menschen. Während scheinbar unwichtige Zivilisten in anderen Filmen eigentlich nur dazu dienen, einen bestimmten Moment auszufüllen, zeigt Nolan hier ganz klar: Diese Stadt lebt und es geht nicht um den Kampf zwischen Batman und dem Joker, sondern um die Seele von Gotham. Deshalb steht im Finale auch nicht der Kampf der zwei Gegenspieler im Vordergrund, sondern die zwei Fähren, wo die Insassen sich der moralischen Frage stellen, ob sie das andere Schiff in die Luft sprengen sollen.

Regina Singer: Vielleicht interpretiert man das erst so, wenn man den Film öfter sieht. Denn wenn ich an die Stadt denke, habe ich den Eindruck, dass sie total unfähig ist, da sie anscheinend unbedingt einen Helden braucht. Die Bewohner sind wie ein Haufen von Menschen, die nichts auf die Reihe kriegen und die von Mafia-Bossen regiert werden. Und dann gibt es zusätzlich einen Superhelden und einen richtig bösen Joker, die sich auch bekämpfen. Und keiner kann sich einigen, wer diese Stadt denn nun rettet. Und die Schiff-Szene könnte sehr, stark sein, doch alles drum herum – also der ohnehin große Showdown mit Batman und dem Joker – hat sie total klein gemacht: Wie sich die Passagiere fragen, ob sie einander töten sollen oder nicht, um selbst zu überleben, das ist eine starke moralische Frage im Film. Besonders stark finde ich den Moment, in dem ein Häftling diesen wichtigen Zündknopf aus dem Fenster wirft. Daher hätte die Szene ganz viel Potential, aber sie ist total untergegangen, durch Batman und Joker und vielleicht durch die Tatsache, dass für mich die Bewohner von Gotham von Anfang an unsichtbar sind. Die Szene hätte viel mehr Potential gehabt, wenn Nolan nicht so viel hineingepackt hätte.

Zu brutal: Dieser Moment aus "The Dark Knight" musste weichen

Alexander Friedrich: Ich glaube, dass das Aufgreifen von so vielen Themen auch sehr schwierig ist. Die meisten Filmemacher trauen sich auch gar nicht erst, so etwas überhaupt anzugehen. Gerade bei Superheldenfilmen geht es meistens nur darum, die Welt zu retten und daraus soll dann die Spannung resultieren, doch du kannst dir als Zuschauer denken, dass am sowieso Ende alles gut ausgehen wird, denn wie soll ein Sequel kommen, wenn die ganze Menschheit vernichtet wurde? Bei „The Dark Knight” ist das völlig anders, da du nicht weißt, was passieren wird. Denn es geht im Finale nur darum, welches Schiff explodieren wird oder ob sogar beide in die Luft fliegen. Du traust dem Joker jede Sekunde zu, dass er die Insassen per Fernzünder ins Jenseits befördert und daraus bezieht der Film auch so eine enorme Spannung. Und wo du die Hilflosigkeit und Ratlosigkeit der Menschen ansprichst, gerade das reizt mich eigentlich und in anderen Filmen spielt so etwas meiner Meinung nach erst gar keine Rolle. Nolan aber wagt diesen riskanten Schritt und traut sich, viel weiter zu gehen als andere Filmemacher.

Regina Singer: Ja, genau das fand ich zwar auch gelungen, ich finde aber, dass da nicht genug weitergedacht wurde. Mir hat einfach noch ein Stück mehr „Mensch” gefehlt, um es genau so zu sehen wie du. Aber lass uns über Harvey Dent reden, was sagst du zu seiner Figur?

Alexander Friedrich: Ja, ein schwieriger Punkt. Denn ich gebe durchaus zu, dass seine Wandlung vom heroischen Anwalt zum Superschurken zu schnell und abrupt vonstatten geht. Ich finde allerdings, dass der Charakter dennoch gut funktioniert und um Welten besser transportiert wurde als vorher von Tommy Lee Jones in „Batman Forever”, wo Two-Face zur Witzfigur degradiert wurde. Auch wenn Nolan bei Aaron Eckharts Version stark übertreibt, gefällt es mir einfach, dass er sich bei seiner Entwicklung so viele Gedanken gemacht hat und letztendlich kann ich diese auch insgesamt nachvollziehen.

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Der Schwachpunkt des Films? Aaron Eckhart als Harvey Dent alias Two-Face

Regina Singer: Da gebe ich dir zu 100 Prozent recht. Für mich ging der Wechsel von „sehr nett und empathisch” zu „rachsüchtig und skrupellos” auch zu schnell. Vielleicht ist hier für mich das generelle Problem, dass es in dem Film zu viele kleine Geschichten gibt. Und dadurch wird keine Geschichte wirklich groß. Wie ich zum Beispiel ja auch unsicher war, ob Batman die Hauptrolle spielt oder der Joker. Zwischenzeitlich dachte ich auch daran, dass Dent der Hauptprotagonist ist. Alle spielen eine größere Rolle, aber keine Figur ist wirklich groß. Auf der einen Seite mag ich sowas – also wenn viele gute Figuren gleichwertig nebeneinander spielen. Aber auf der anderen Seite hat es für mich nicht funktioniert. In diesem Film war mir das zu viel. Und dann kommt noch die Stadt Gotham als weiterer Protagonist dazu. Das sind zu viele Baustellen und die einzig fertige ist Heath Ledger, weil er so fantastisch spielt.

Alexander Friedrich: Heath Ledgers Performance hat mich eigentlich nie wirklich interessiert. Natürlich ist sie grandios, doch ich finde, dass vielmehr seine Figur so toll geschrieben ist. Denn ein guter Antagonist muss vor allem wissen, wo der größte Schwachpunkt seines Gegners liegt und der Joker greift genau diesen Schwachpunkt von Batman an. Dieser hat nämlich den Grundsatz, nicht zu töten und das nutzt sein Kontrahent aus. Der Joker weiß, Batman kann ihn nur besiegen, indem er ihn umbringt, doch dazu wird es nicht kommen. So ist der Bösewicht dem Helden stets überlegen. Alle loben so sehr Heath Ledger, doch ich finde, da steckt viel mehr dahinter.

"The Dark Knight" ist kein Comic-Film

Regina Singer: Das stimmt schon – der Joker weiß, dass es Batmans Grundsatz ist, nicht zu töten. Allerdings ist das auch keine allzu große Sache, oder? Ist es nicht selbstverständlich, dass der gute Protagonist niemanden töten möchte? Denn Mord an einem Mörder bleibt Mord. Wieso glaubt der Joker, dass ihn Batman nur dann besiegen kann, wenn er ihn tötet? Denn in der Verhörszene ist der Joker doch bereits im Gefängnis und könnte dort theoretisch bleiben, damit die Menschen sicher vor ihm sind. An dieser Stelle haben Batman und die Justiz doch schon gesiegt. Aber um deinen Punkt zu verstehen, müsste ich mir den Film vermutlich noch einmal ansehen…

Alexander Friedrich: Keine große Sache, aber für mich ist es das Fundament für den Konflikt des Films. Und dieser bezieht ohnehin seinen großen Reiz daraus, dass man bei jedem Mal etwas Neues entdeckt. Auch nach zwei Dutzend Mal sehe ich heute noch Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind und kann dann über solche Details wie dieses sprechen. Ich finde sogar, dass „The Dark Knight” ein Film ist, der mit jeder Sichtung noch besser wird. Heute würde man aber wohl ganz anders an diesen Film herangehen, denn man hat diese Erwartungshaltung, dass er damals den Superheldenfilm neu belebt hat. Dabei hat er für mich gar nicht den Anspruch, eine Comicverfilmung zu sein. Ich finde, Nolan benutzt die Vorlage nur als Kulisse, um ein grandioses Drama zu erzählen.

Regina Singer: Das stimmt, er versucht es zumindest. Ich mag an Superheldenfilmen zum Beispiel häufig nicht, dass es einen Bösen und einen Guten gibt, die sich gegenseitig bekämpfen und das war es. Wenn bei dem Kampf andere unbeteiligte Menschen sterben, ist das okay und wird kaum thematisiert, da man fast nur mit der guten Seite mitfiebert und will, dass der Superheld überlebt. Alleine, dass Nolan die Fähren-Frage in „The Dark Knight” eingeführt hat, ist gut. Auch wenn er das, wie schon gesagt, meiner Meinung nach nicht zufriedenstellend gemacht hat.

Der schmale Grat

Alexander Friedrich: Manche stört ja auch, dass Nolan ein sehr realistisches Setting gewählt hat und dann läuft darin ein Mann im Fledermauskostüm herum. Es ist eben ein sehr schmaler Grat, auf dem sich Nolan bewegt, doch für mich hat er es genau richtig gemacht und ich rechne es ihm an, dass er sich sogar traut, in politische Sphären vorzudringen.

Regina Singer: Was genau meinst du damit?

Alexander Friedrich: Weil sehr interessante Themen angesprochen werden, die auch heute viel relevanter sind als damals. Ein sehr brisanter Punkt ist, dass der Joker quasi den Terrorismus verkörpert, denn er will Chaos und vor allem Angst in der Stadt verbreiten und macht genau das Terrorismus nicht aus? Noch bezeichnender ist, dass Batman die einzige Möglichkeit, den Joker zu besiegen, darin sieht, sämtliche Bürger der Stadt überwachen zu lassen. Hier stellt Nolan eine unglaublich spannende und schwierige Frage, die heute aber viel aktueller ist als damals: Soll man Terrorismus mit totaler Überwachung bekämpfen?

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Batman muss über seine Grenzen hinaus gehen, um den Joker zu besiegen.

Regina Singer: Ja, die Szene zu diesem Punkt fand ich auch sehr interessant: Als Morgan Freemans Lucius Fox vor den Bildschirmen steht und versteht, dass Batman alle Bewohner der Stadt zu ihrer Sicherheit scannt. Ich mag es, dass Fox diesen einen Job erledigen und danach kündigen möchte. Sehr interessant ist es heute vor allem deswegen, weil das Abhören 2008 ja noch nicht so ein großes Thema war. Und den Joker habe ich noch gar nicht als Terroristen wahrgenommen. Wenn ich allerdings an seine Anschläge denke und mich an einige der letzten realen Terrorakte erinnere, ist das Thema sehr aktuell.

Alexander Friedrich: Ich finde es einfach großartig, dass der Film so wahnsinnig viele Themen zu bieten hat. Und unabhängig davon, ob Nolan vieles vielleicht zu oberflächlich anreißt – wenn man über einen Film so viel sprechen kann, dann hat eine Menge richtig gemacht.

Geht die Filmmusik völlig unter?

Regina Singer: Was sagst du zur Musik? Normalerweise achte ich sehr auf Filmmusik. Aber irgendwie kann ich mich dieses Mal nicht erinnern, dass mir etwas aufgefallen oder groß im Gedächtnis geblieben ist.

Alexander Friedrich: Interessant, dass du das sagst. Denn eigentlich ist der Score von „The Dark Knight” sehr dominant und gilt allgemein als eine der besten Filmmusiken überhaupt. Ich finde den Sound vor allem dahingehend so interessant, weil mit Hans Zimmer und James Newton Howard zwei Komponisten die Musik kreiert haben und das hört man auch. Denn die zwei haben nicht zusammen die Stücke erstellt, sondern jeder seine eigenen und diese zwei sehr verschiedenen Stile passen auch wunderbar zu diesem so ambivalenten Film. Allein schon deshalb lohnt es sich, den Film noch einmal zu sehen.

Regina Singer: Wenn ich einen Film sehe, den ich mag, habe ich oft das Bedürfnis, ihn immer und immer wieder anzusehen. Manchmal sogar direkt nach der ersten Betrachtung, wie zum Beispiel bei „Die Erfindung der Wahrheit” von John Madden. Aber bei „The Dark Knight” hatte ich das nicht. Ich würde ihn jetzt nur nochmal nach unserem Gespräch sehen wollen, um auf die Punkte zu achten, die du angesprochen hast.

Warum kein Film mehr wie dieser kommen wird

Alexander Friedrich: Kannst du denn nachvollziehen, warum so viel über den Film gesprochen wird und er heute diesen hohen Status genießt?

Regina Singer: Nein, kann ich nicht. Wenn ich zuvor an „The Dark Knight” gedacht habe, habe ich den Film wie gesagt primär mit Heath Ledger verbunden: Wie er sich auf die Rolle vorbereitet hat, wie die Dreharbeiten abgelaufen sind, wie grandios er gespielt hat und posthum geehrt worden ist. Die Tatsache, dass er nach den Dreharbeiten sehr jung verstorben ist, hat um diesen Film in meinen Augen einen kleinen Mythos geschaffen. Mit diesem Vorwissen und Gefühl, habe ich ihn jetzt zum ersten Mal gesehen und war gespannt auf Ledgers darstellerische Leistung, die mich ja auch nicht enttäuscht hat. Alles andere im Film war gut, in Ordnung – für mich ist der Film aber kein Meisterwerk. Er ist nett, mehr aber auch nicht. Deine Punkte kann ich teilweise nachvollziehen, obwohl man den Film wohl doch noch häufiger sehen muss, um alles so interpretieren zu können, wie du es gemacht hast. Was mir aber sofort eingeleuchtet ist, ist die Terror-Thematik und die Abhörfrage. Das finde ich gerade im Nachhinein sehr interessant. Meinst du, ein Film mit diesen Elementen würde heute so oder so ähnlich erscheinen?

Alexander Friedrich: Ich glaube, in der heutigen Zeit würde kein Film mehr wie „The Dark Knight” herauskommen, beziehungsweise würde man heute viel vorsichtiger und sensibler vorgehen. Heute sind wir bei so schwierigen und politischen Themen auch empfindlicher geworden. Ich glaube, dass man sich speziell bei einer Comicverfilmung so etwas nicht mehr zutrauen würde, denn Superheldenfilme sind längst eine eigene Marke geworden, eine perfekt geölte Produktmaschine, die bei so einem Ausnahmefilm nicht mehr funktionieren würde. Für mich persönlich ist „The Dark Knight” sogar der Zenit des modernen Films und ich glaube, dass nie wieder ein Film dieser Qualität jemals erscheinen wird, auch wenn Denis Villeneuves „Blade Runner 2049" im vergangenen Jahr schon verdammt nah dran war. Aber das ist eine andere Geschichte…

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