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    Darum setzt Netflix eure Lieblingsserien wirklich ab
    Von Björn Becher — 03.11.2018 um 18:00
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    Überraschend gab Netflix gerade das Aus für Publikumsliebling „American Vandal“ bekannt, nachdem zuvor schon das Ende für u. a. „Luke Cage“ und „Iron Fist“ publik wurde. Und es gibt einen Grund, dass es genau diese Serien trifft…

    Netflix

    2007 weitete das bis dato als Online-Videothek auf den Verleih von DVDs und Blu-rays via Postverstand spezialisierte Unternehmen Netflix sein Geschäftsfeld aus und begann Filme und Serien auch online im Abo zugänglich zu machen. Vier Jahre später folgte die Ankündigung, von nun an auch eigene Serien produzieren zu lassen, die exklusiv für Netflix-Kunden gemacht werden. Noch zwei Jahre später ging dann im Februar 2013 mit „House Of Cards“ das erste sogenannte „Netflix Original“ an den Start, hunderte folgten – längst nicht mehr nur Serien, sondern mittlerweile auch Filme, Talkshows und Stand-Up-Specials.

    Netflix galt dabei als Paradies für Film- und Serienmacher. Scheinbar völlig befreit vom Druck der Einschaltquote und dem damit verknüpften Werbewert einer Serie konnten Macher wie sonst vielleicht nur noch bei US-Pay-TV-Sender HBO (u. a. „Game Of Thrones“) auch unbequeme, riskante Stoffe umsetzen. Netflix-Serien galten so auch als nahezu absetzungssicher. Doch jedem muss klar gewesen sein, dass es dabei nicht bleiben kann. In einer Zeit, in der Netflix am Ende des Jahres 2018 allein rund 700 verschiedene Original-Serien haben wird, kann nicht alles ewig weiterlaufen. Überraschend dürfte für den Otto-Normalzuschauer aber sein, welch kleiner Hinter-den-Kulissen-Unterschied unter anderem darüber entscheidet, welche Serie weitergeht.

    Was Netflix gehört und was nicht

    Logisch ist natürlich, dass teure Serien es schwieriger haben als günstigere. Auch wird Netflix natürlich nicht an Serien festhalten, die kein Kunde mehr anschaut, wegen denen nur wenige Leute bei dem Streamingdienst registriert sind. Gerade die Absetzung der Marvel-Serien „Iron Fist“ und „Luke Cage“ überrascht daher kaum. Beide gelten als besonders teuer und auch wenn Netflix selbst keine Abrufzahlen veröffentlicht, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass das Interesse daran von der ersten zur zweiten Staffel jeweils massiv nachgelassen hat. Doch bei der gerade abgesetzten Serie „American Vandal“ sieht der Fall anders aus. Die Serie gilt als sehr günstig in der Produktion und ist (wie gesagt, offizielle Zahlen des Streamingdienstes gibt es nicht) nach Meinung verschiedenster Zuschaueranalyseuntersuchungen ein echter Hit und ein absoluter Publikumsliebling.

    „American Vandal“ dürfte so – wie zum Beispiel auch vorher schon die Sitcom „Everything Sucks!“ – Opfer einer aktuellen Strategie bei Netflix und auch bei vielen TV-Sendern sein: Es soll möglichst viel im eigenen Haus entstehen, dem Unternehmen selbst komplett gehören. Um dies zu verstehen muss man wissen, dass Netflix lange Zeit reine Abspielstätte war, aber kein Produktionsunternehmen. Netlix bringt zwar eigene Produzenten zu „House Of Cards“ und „Orange Is The New Black“ und hat volle Entscheidungsgewalt, diese Serien entstehen aber bei klassischen Produktionsfirmen, „Orange Is The New Black“ zum Beispiel bei Lionsgate Television – wird übrigens auch mit der kommenden siebten Staffel 2019 enden.

    Geld regiert die Welt

    Eigentlich ist das eine für Zuschauer uninteressante Unterscheidung. Am Ende des Tages ist es eine Netflix-Serie, die exklusiv für den Streamingdienst produziert und von den dort Verantwortlichen meist auch kreativ voll kontrolliert wird. Sagt der Streaminggigant, wir wollen Kevin Spacey nicht mehr dabei haben, fliegt Spacey so bei „House Of Cards“ raus. Doch der große Unterschied besteht im Geld. Eine externe Produktionsfirma will natürlich auch was verdienen. Genau diese Kosten fallen aber weg, wenn Netflix die Serien nun auch noch im eigenen Haus produziert (auch wenn ein eigenes Produktionsstudio mit entsprechendem Personal natürlich auch wieder Geld kostet).

    2016 kündigte der für die Inhalte bei Netflix zuständige Reed Hastings so an, dass man verstärkt auf diese wirklich eigenen Serien setzen wird – nun sehen wir die Ergebnisse davon. Eine Serie wie „The Ranch“, die komplett bei Netflix im Haus entwickelt wird, bekam so gerade erst eine vierte Staffel. Dabei ist sie aufgrund des wahrscheinlich sehr hohen Gehalts von Ashton Kutcher sicher nicht gerade günstig (aber wohl sehr beliebt). Dass Netflix noch mehr auf diese In-House-Produktionen setzen wird, sorgt dafür, dass es Serien, die von externen Firmen für Netflix gemacht werden, schwerer haben und aktuell gerade diese – wie „American Vandal“, wie die Marvel-Serien – verstärkt abgesetzt werden. Wer als Fan in Zukunft also das Absetzungsrisiko für seine Lieblingsserie bei Netflix beurteilen will, muss auch darauf schauen, welche Produktionsfirma dahinter steckt.

    Keine Angst: Viele Serien gehen trotzdem weiter

    Müssen also nun alle Fans von Serien, die von einer Produktionsfirma für Netflix produziert werden, Angst haben? Nein! Da Netflix so viele neue Serien immer wieder ins Programm aufnehmen will, ist es überhaupt nicht möglich, dies mit einer einzigen, zudem gerade noch im Aufbau befindlichen Produktionsfirma zu stemmen. Daher ist Netflix auch in Zukunft weiter auf die Zusammenarbeit mit anderen Firmen angewiesen und wird auch solche Serien fortsetzen. Die von Sony produzierte Serie „Atypical“ wurde daher jüngst genauso verlängert wie die von Warner verantworteten „Chilling Adventures Of Sabrina“, für die schon vor der Veröffentlichung der ersten Staffel eine zweite Season bestellt wurde. Es wird sich nur das Verhältnis verschieben und das bedeutet: Im Schnitt werden deutlich mehr dieser „halb-externen“ Serien abgesetzt.

    Wenn Netflix in Zukunft bei der Entscheidung über eine Serie nicht nur Kosten und Publikumsresonanz betrachtet, sondern auch die Produktionsherkunft betrifft dies aber nur Serien in den USA. Dort baut Netflix seinen eigenen Produktionsarm gerade immer weiter aus. Da man aber auch immer mehr im Rest der Welt produzieren will (gerade wurden ja auch zahlreiche weitere deutsche Serien angekündigt), ist man dort natürlich wiederum auf lokale Firmen angewiesen. Hier kann Netflix aktuell nur extern produzieren.

    Ein kleiner Hinweis noch an dieser Stelle, damit keine Missverständnisse aufkommen: Unterscheiden muss man von diesen beiden Varianten von Eigenproduktionen übrigens auch noch die ebenfalls auf dem Streamingdienst als „Netflix Originals“ vermarkteten sublizensierten Serien. Unter anderem „Better Call Saul“ oder „Riverdale“ werden für US-TV-Sender produziert, Netflix hat nur die Rechte für den Rest der Welt. Der Streamingdienst zahlt hier nur eine Lizenzgebühr, über Fortsetzung und Absetzung der Serie entscheiden aber in erster Linie die TV-Sender.

    Es gibt also quasi drei Arten von „Netflix Originals“ bei den Serien des Senders:

    • Serien, die Netflix mit einer eigenen Produktionsfirma umsetzt (Bspe.: „The Ranch“, „Santa Clarita Diet“)
    • Serien, die von externen Produktionsfirmen für Netflix umgesetzt werden (Bspe.: „House Of Cards“, „Stranger Things“)
    • Serien, die für TV-Sender produziert werden, Netflix aber in Teilen der Welt als eigene vermarktet (Bspe.: „Better Call Saul“, „Riverdale“)

    In-House-Trend im aktuellen TV-Geschäft

    Wie die Kollegen vom AV Club bemerken, ist Netflix mit dieser Strategie übrigens nicht allein im US-Serien-Geschäft. Auch die klassischen Fernsehsender setzen immer mehr auf Serien, die von zum selben Großkonzern gehörenden Schwesterfirmen umgesetzt werden. So werden zum Beispiel alle vier neuen Serien auf dem US-TV-Sender Fox auch von Produktionsfirma 20th Century Fox Television produziert.

    Per se hört sich das natürlich logisch an, alles im Haus behalten zu wollen, aber am Ende des Tages kann zum Beispiel eine eigenständige Firma wie 20th Century Fox Television mit einem riesigen Mitarbeiterstab nur schwer rentabel arbeiten, wenn es nur eins bis zwei Abnehmer (neben dem großen Sender Fox verfügt das Unternehmen noch über den kleineren Kabelkanal FX) gibt. So wird dort unter anderem aktuell „Modern Family“ für Disney-Tochter ABC (bald aber ja alles auch ein Unternehmen) oder „This Is Us“ für den zu NBCUniversal gehörenden Sender NBC produziert. Allerdings gibt es auch bei den Disney- und Universal-Sendern Tendenzen, immer mehr Serien nur noch von den eigenen Schwesterfirmen zu kaufen. Einige Experten befürchten schon, dass die Tendenz, alles In-House zu produzieren/einzukaufen, alles auch nur auf den eigenen Vertriebskanälen auszuspielen (nicht nur Disney arbeitet ja an einem eigenen Streamingdienst) am Ende des Tages sehr schädlich sein könnte. Schließlich schmort dann jeder nur noch in seinem eigenen Saft…

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