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    Das ist in "Climax" niemandem aufgefallen: Unser Interview mit Skandalregisseur Gaspar Noé
    Von Regina Singer — 07.12.2018 um 16:00
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    In Gaspar Noés neuer filmischen Tour de Force eskaliert die Party einer Techno-Tanzgruppe, als jemand LSD in die Sangria träufelt und so einen kollektiven Horrortrip auslöst. Wir haben den „Irreversible“-Regisseur in Berlin zum Interview getroffen.

    Wild Bunch Distribution
    Als wir das französische Regie-Enfant-terrible Gaspar Noé („Enter The Void“, „Love“) in einem Berliner Hotel zum Interview treffen, um mit ihm über seinen Cannes-Preisträger „Climax“ zu sprechen, hat er bereits einen wahren Gesprächs-Marathon hinter sich. Aber auch wenn man ihm die Erschöpfung leicht anmerkt, lacht er trotzdem laut und oft, während er uns davon berichtet, wie psychotische Zustände auch ohne Drogen entstehen können und warum „Climax“ in Russland und der Ukraine einen neuen Titel bekommen musste.

    Achtung: Spoiler! Wir sprechen mit Gaspar Noé auch über einige spätere Entwicklungen im Film. Wenn ihr also nicht gespoilert werden wollt, schaut euch „Climax“ erst an (es lohnt sich!) und kommt dann wieder hierher zurück, um das Interview zu lesen und zu erfahren, ob vielleicht gerade euch diese eine Sache aufgefallen ist, von der laut Noé bisher noch niemand Notiz genommen hat!

    FILMSTARTS: Warum hast du deinen Film „Climax“ genannt?

    Gaspar Noé: „Climax“ hört sich an wie „Ecstasy“ – und ich meine damit nicht die Droge! Den Titel hatte ich schon lange im Kopf und wusste von Anfang an, dass ich den Film so nennen will. Zu Beginn habe ich ihn anders genannt, weil ich nicht wollte, dass er jemandem rausrutscht. Nachdem ich mit „Love“ einen pornographischen 3D-Film gemacht habe, lässt dich ein Titel wie „Climax“ natürlich glauben, dass das wieder ein sexueller Film sei. Aber das ist überhaupt nicht das Thema.

    Das Lustige ist, dass die Verleiher in Russland und der Ukraine gesagt haben, dass sie den Titel ändern müssen. Ich habe mich darüber zunächst sehr geärgert, weil ich eigentlich froh darüber war, einen Titel gefunden zu haben, der überall funktioniert und nicht geändert werden muss. Aber dann habe ich erfahren, dass „Climax“ im Russischen „Menopause“ bedeutet. Stell dir vor, du machst einen Film über Tänzer, die verrückt werden und er heißt dann „Menopause“… [lacht] Das würde nicht funktionieren. Deswegen heißt er in Russland und der Ukraine jetzt übersetzt „Ekstase“.

    FILMSTARTS: Hast du damit inzwischen deinen Frieden gemacht?

    Gaspar Noé: „Ekstase“ ist schon besser als „Menopause“. Ich hätte den Film auch „Sangria“ nennen können, weil dieses Wort wirklich überall auf dem Planeten gleich heißt. Aber das hätte sich zu sehr nach einer Komödie angehört.

    Es geht nicht um Drogen

    FILMSTARTS: Welche Idee kam zuerst? Drogen, Tanzen, Musik...?

    Gaspar Noé: Der Film handelt nicht von Drogen, sondern von einer Party, die außer Kontrolle gerät und auf der alle leiden. Wir mögen es zwar, mal die Kontrolle über uns zu verlieren, aber nur solange wir kein Leid davontragen. In Paris trinken die Menschen viel und du siehst oft Schlägereien in Clubs oder Bars und viele Menschen gehen zu weit, dann haben sie ein Blackout, was bedeutet, dass ihr Verstand ihr falsches Verhalten nicht ertragen konnte und es ausradiert hat. So wird das Selbstbild geschützt. Ein oder zwei Mal kam ich vom Club nach Hause und konnte mich nicht erinnern, ob ich was Schlechtes gemacht habe. Das ist sehr beschämend.

    FILMSTARTS: Warum hast du dann einen Film darüber gemacht?

    Gaspar Noé: Man kann nicht mit Sicherheit sagen, ob im Film wirklich Drogen schuld sind oder ob das alles nicht nur Paranoia war. Paranoia können auch Placebos verursachen. Ich bin mir sicher: Wenn du jemandem auf einer Party sagst, dass du etwas in sein Getränk getan hast, dann würde diese Person verrückt werden – und das wohl noch bevor sich irgendetwas auf den Körper auswirken könnte. Nur die Vorstellung, dass jemand etwas in dein Getränk getan hat, kann dich schon verrückt machen.

    FILMSTARTS: Also ist gar nicht sicher, dass jemand in „Climax“ LSD in die Sangria getan hat?

    Gaspar Noé: Vielleicht ja, vielleicht nein. Wir können ja auch einfach darüber sprechen, wie Menschen auf Alkohol reagieren. Zum Beispiel ist der DJ im Film ein zwei Meter großer Mann – er kann zehn Mal mehr von was auch immer vertragen als das Kind, das auch von der Sangria getrunken hat. Vielleicht rastet der Junge nur aus, weil er betrunken ist. Oder was anderes: Wenn viele Menschen auf engem Raum sind und die Stimmung etwas irre ist, würdest du wahrscheinlich selbst auch psychotisch werden – wahrscheinlich auch dann, wenn kein Alkohol oder andere Mittel involviert sind.

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    Der DJ Daddy wird von Kiddy Smile verkörpert, der in seiner ersten Filmrolle zu sehen ist.

    "Climax" wirkt auf jeden Zuschauer anders

    FILMSTARTS: Du hattest kein Drehbuch im klassischen Sinne – wusstest du denn, dass der Junge sterben wird?

    Gaspar Noé: Ja, das wusste ich. Aber ich habe mich bis zum Schluss gefragt: Soll ich ihn tot zeigen oder nicht? Und es ist schon seltsam, aber die meisten Zuschauer mit eigenen Kindern kamen bisher aus dem Kino und sagten: „Das Kind ist nicht gestorben!“ Und ich frage dann: „Warum ist es nicht gestorben?“ [lacht] Ich denke zum Beispiel auch, dass jüngere Menschen den Film anders aufnehmen als ältere. Manchmal treffe ich Zuschauer, die viel Party machen und trinken und sie kommen total depressiv aus dem Film, weil er sie an all die Blackouts erinnert, die sie selbst mal hatten – all die schlechten Partys. Zuschauer mit Kindern flippen hingegen viel mehr bei der Szene aus, in der der Junge in die Kammer eingeschlossen wird und schreit und ihm keiner hilft.

    FILMSTARTS: Warum hast du dich überhaupt dazu entschieden, ohne Drehbuch zu arbeiten?

    Gaspar Noé: Wenn du ein Drehbuch schreibst, geschieht das in einer literarischen Form - und die ist nicht aus Bildern gemacht. Ich mag instinktive Entscheidungen. Und ich lasse die Menschen, mit denen ich arbeite, es waren ja diesmal überwiegend keine professionellen Schauspieler, lieber in ihren eigenen Worten formulieren. Und ich lasse sie lieber ihre eigenen Figuren entwerfen. Deshalb ist es von Vornherein wichtig, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die mit dir auf instinktive Weise zusammenarbeiten wollen. Meistens treffe ich im Leben instinktive Entscheidungen. Ich hatte aber das Skelett eines Drehbuchs. Das braucht man, wenn man entscheidet, wer im Film mitspielen soll. Und in diesem Fall fragte ich die Leute, was sie glücklich machen würde, was und mit wem sie gern spielen würden. Denn abgesehen von Sofia Boutella und Souheila Yacoub sind die anderen niemals davon ausgegangen, jemals in einem Film mitzuspielen.

    FILMSTARTS: Was war denn bisher das Beste, was jemand über deinen Film gesagt hat?

    Gaspar Noé: Manche Menschen sehen den Film als moderne Fabel oder Märchen. Manche als die Suche nach Vergnügen, der im Film von einem sadistischen Blickwinkel aus dargestellt wird, andere sehen ihn als Horrorfilm. Abseits der Kritiken ist es für den Regisseur auch aufregend, die Zuschauer nach dem Film zu sehen. Dann sind die Gespräche auf einem anderen Level und drehen sich nicht mehr um den Film, sondern über deren persönliches Leben. Es macht Spaß zu sehen, welche Bezüge sie zu ihrem eigenen Leben herstellen. Es passiert mir oft, dass Zuschauer zu mir kommen und sagen: „Was ist mit mir passiert?“ Aber das ist mir auch bei meinen vorherigen Filmen passiert.

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    Tanz, Musik und Horrortrip

    Davon hat bisher niemand Notiz genommen

    FILMSTARTS: Was ist im Film bisher noch niemandem aufgefallen?

    Gaspar Noé: Da ist eine Szene im Film – ich habe gedacht, die Zuschauer würden es bemerken, weil es für mich so offensichtlich ist. Aber am Ende des Films, wenn du den Club, den Schnee, das Licht und all das siehst, kommen drei Menschen. Es hätten Polizisten sein können, aber ich habe mich entschieden, Landpolizisten daraus zu machen. Sie stecken in grünen Uniformen und sehen militärisch aus. Ihre Outfits sehen der serbischen Armee während des Bosnienkriegs ähnlich. Und für mich war es offensichtlich, dass sie den Krieg an der Tür repräsentieren. Und niemand hat Notiz davon genommen. Das ist das Einzige, was bisher niemand kommentiert hat.

    FILMSTARTS: Warum hast du dich denn dafür entschieden?

    Gaspar Noé: Sie sind wie die Repräsentation einer unfreundlichen Welt, die ins Haus kommt. Für mich war das klar aber ich habe es in keiner Kritik gelesen und wurde in keinem Interview dazu befragt. Anscheinend interessieren sich alle nur, was im Haus passiert, aber niemand spricht darüber, dass da draußen Krieg herrscht, der in der letzten Szene ins Haus kommt…

    Climax“ läuft seit dem 6. Dezember 2018 in den deutschen Kinos.

    FILMSTARTS-Kritik zu "Climax"

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