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"Aufräumen mit Marie Kondō": Darum ist die Netflix-Serie Trash-TV im wahrsten Sinne des Wortes
Von Nina Becker — 16.01.2019 um 18:10
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Die Reality-Doku „Aufräumen mit Marie Kondō“ bei Netflix begeistert derzeit Menschen weltweit. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird die Japanerin gefeiert. Den Erfolg können wir uns allerdings nicht wirklich erklären...

Denise Crew/Netflix
+++MEINUNG+++

Ja, auch ich rolle meine Oberteile und Hosen und sortiere sie in Schubladen hübsch ein und zwar seit ungefähr sechs Jahren. Zu dieser Zeit wurde nämlich Marie Kondōs erstes Buch „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ veröffentlicht und so ziemlich jede Modezeitschrift und jeder Lifestyle-Blog beschäftigte sich in zahlreichen Artikeln und Bilderstrecken mit dem Ordnungssystem der plötzlich berühmten Japanerin. Einige Tipps habe ich mir also schon damals von Kondō geholt. Jetzt war ich bereit für mehr.

Sogar in Filmen und Serien hinterließ Kondō Spuren – welcher „Gilmore Girls“-Fan erinnert sich nicht an Emily Gilmore (Kelly Bishop), die in der finalen Staffel erstmals in Jogginghose auf der Couch saß und jedes ihrer Chanel-Kostüme unter die Lupe nahm, um zu überprüfen, ob diese noch „Freude“ in ihr auslösen, wie Marie Kondō es in ihren Veröffentlichungen nahelegt. Keine Frage, die Japanerin und ihre „Konmar“-Methode sind schon jetzt gelebte Popkultur.

Eine TV-Doku zur Serie gab es in Japan dann bereits 2013. Und dass das Ordnungsgenie auch die internationalen Bildschirme erobert, war nur eine Frage der Zeit. Dank Netflix sorgt Kondō mit Aufräumen mit Marie Kondō nun jedenfalls auf der ganzen Welt für Ordnung – und das mit großem Erfolg:

Wie Alice im Wunderland – nur mit Müll

Ich sag es ganz ehrlich: „Aufräumen mit Marie Kondō“ löst in mir keine Freude aus, der Expertin zufolge hätte ich die Serie also schnell in die Tonne kloppen müssen. Wenn Frau Kondō wie Alice im Wunderland durch die Müllhaufen hüpft, fröhlich lacht und immer wieder betont, wie sehr sie Unordnung liebt, wolte ich eigentlich auch sofort ausschalten. Aber dennoch habe ich tapfer durchgehalten. Vor allem, weil ich gern herausfinden wollte, wie das berühmte „Konmari“-System denn nun wirklich funktioniert.

Wie bereits erwähnt, hatte ich mich mit einigen Elementen der Bücherin der Vergangenheit bereits ein wenig beschäftigt und die minimalistische Ordnung der Japanerin hat mir dabei durchaus gefallen. Ich hatte daher gehofft, dass die Netflix-Doku-Serie noch mehr hilfreiche Ratschläge auf schnelle und kompakte Weise vermitteln würde. Doch statt nützlicher Aufräum-Tipps bekam ich eher Familiendramen vorgesetzt, die stark an deutsche Privatsender-Formate à la „Frauentausch“, „Die Super Nanny“ oder „Schrankalarm“ erinnern. Immerhin habe ich gelernt, wie man Krawatten richtig verstaut. Spoiler: Sie werden gefaltet und gerollt.

Das "Konmari"-System oder: Wir machen Haufen

Das „Konmari“-System – zumindest so wie es in der Doku gezeigt wird – lässt sich in wenigen Worten und Taten zusammenfassen. Grundsätzlich sortiert Kondō nach Kategorien: Kleidung, Bücher, Unterlagen, Dinge mit emotionalem Wert sowie „Komono“, was ich persönlich einfach mit „der ganze verdammte restliche Kram“, übersetzen würde.

Und dann geht's auch schon los: Alles auf einen Haufen werfen, die Haufenbestandteile einzeln anfassen und gucken, ob sie „Freude auslösen“. Wenn ja, dann falten und rollen, rollen, rollen und die gerollten Dinge dann auf jeden Fall senkrecht einsortieren – zur besseren Übersicht. Denn nur, wer senkrecht in möglichst viele verschiedene Kartons und Schubladen einsortiert, kann ein glückliches Leben führen. Falls keine Freude ausgelöst wird, kommt das Teil weg. Aber bevor das unerwünschte Objekt entsorgt oder gespendet wird, muss man sich noch beim seelenlosen Gegenstand bedanken. Klar. Auf die Idee, einfach viel weniger zu kaufen und zu besitzen, kommt hier leider niemand. Den Minimalismus-Gedanken, der in den Kondō-Büchern auch immer wieder Thema ist, suche ich hier vergeblich.

Acht Folgen lang werden also Häufchen gemacht, Dinge gerollt, kleinere Kisten in größere Kisten gesteckt, geweint, umarmt, „Danke“ gesagt und aussortiert. Dazu gibt es dann noch Vorher-Nachher-Bilder. Natürlich werden die Vorher-Schnappschüsse gekonnt gräulich eingefärbt und lassen den Zuschauer erschaudern, während die Nachher-Bilder strahlen dürfen. Der Aufräum-Fortschritt ist allerdings nur in wenigen Episoden wirklich befriedigend.

Das bisschen Haushalt, macht sich von allein, sagt mein Mann

Doch viel schlimmer, als die sehr simple Aufräum-Methode, ist das Frauenbild, das in „Aufräumen mit Marie Kondō“ vermittelt wird – anachronistischer könnte es nämlich nicht sein. Schon die Episode, in der Familie Friend von Kondō heimgesucht wird, treibt mir Tränen in die Augen – allerdings nicht vor Freude oder Rührung. Inmitten des ganzen Mülls sitzt nämlich eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern, die außerdem noch ein paar Stunden in der Woche an einer Berufsschule unterrichtet und erzählt, dass sie Wäsche waschen hasst, sie damit einfach nicht hinterher kommt und deshalb auf eine Putzkraft zurückgreift. Stille. Die Kamera schwenkt über entsetzte Gesichter.

Herr Friend, der berufstätige Mann im Haus sagt daraufhin: „Ich finde, wir könnten das allein schaffen“, meint mit „wir“ aber vor allem seine Frau. Obwohl die Haushaltshilfe finanziell anscheinend kein großes Problem darstellt, will er sie loswerden und alle Beteiligten geben ihm auch noch Recht. Frau Friend versucht, sich zu rechtfertigen, doch sie hat keine Chance. Sie ist schließlich eine Frau und Frauen müssen nun mal putzen.

Von Chaos im Herzen und Schrott auf dem Bildschirm

Die gesamte Doku-Reihe ist bis obenhin vollgestopft mit Klischees, altmodischen Ansichten und sehr viel Kitsch. Und selbst wenn es ausnahmsweise mal keine versagende Frau im Haushalt gibt, so wie zum Beispiel beim Pärchen Frank und Matt, dann wird der Fokus eben auf ein anderes „Problem“ verlagert. So kämpft Frank mit den Tränen, weil seine Eltern doch immer wollten, dass er Medizin studiert. Stattdessen ist er „nur“ Schriftsteller geworden. Damit Mama und Papa trotzdem stolz sein können, wird jetzt mal so richtig aufgeräumt – und am Ende sind alle sehr glücklich.

Denn Kondō räumt eben nicht einfach nur auf, nein, sie verändert in kürzester Zeit das komplette Leben der Protagonisten. Die dramatische Inszenierung der Unordnung, das simulierte Chaos in den Herzen der Protagonisten, die ewig hüpfende Kondō und auch die gesamte filmische Umsetzung dieser Doku-Serie ist schlicht und einfach niveaulos und ein Beispiel für die sinkende Qualität der Netflix-Produktionen. Hochwertiger als diverse Trash-Formate auf RTL2 und Co. ist „Aufräumen mit Marie Kondō“ nicht wirklich.

Bereits vor einigen Wochen schrieb mein Kollege Christoph Petersen: „Nach Qualitätsserien gibt es auf Netflix inzwischen auch immer mehr Koch-Duelle und andere Nachmittags-TV-Formate. Netflix will nicht nur HBO verdrängen, sondern lineares Fernsehen insgesamt. Und dafür muss man den Zuschauern auch Schrott anbieten, schließlich sind viele Zuschauer der regulären TV-Programme genau den gewohnt.“ Für mich gehört „Aufräumen mit Marie Kondō“ ganz klar in die Kategorie „Schrott“ – aufräumen wird diesen allerdings sobald niemand.

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