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    "Bohemian Rhapsody" in China zensiert: Das fehlt in der "entschwulten" Fassung
    Von Christian Fußy — 26.03.2019 um 10:50
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    Die für ihre Verklemmtheit und Homophobie berüchtigten chinesischen Zensoren waren angeblich durchaus gnädig zu dem Rockstar-Biopic „Bohemian Rhapsody“. Trotzdem fehlen im Freddie-Mercury-Film einige Schlüsselszenen aus dem Leben der Hauptfigur.

    20th Century Fox

    Zigaretten, Gespenster, Zeitreisende, Winnie Puuh und Tibet sind nur einige der Sachen, die die chinesischen Filmzensoren in der Vergangenheit zur Weißglut getrieben und zum Zücken der Schere veranlasst haben. In dieser illustren Reihe an Themen, die den Mitarbeitern der Behörde den Angstschweiß auf die Stirn treiben, stehen auch ausschweifend frivole und nicht-heterosexuelle Beziehungen. Diese gelten laut der Richtlinien nämlich als „sexuell abnormales Verhalten“ und müssen dem Volk daher unbedingt vorenthalten werden.

    Als bekannt wurde, dass „Bohemian Rhapsody“, der oscarnominierte Film über das Leben, Schaffen und Wirken des Queen-Frontmanns Farokh Bulsara alias Freddie Mercury (Rami Malek) trotz bisexueller Hauptfigur in China ins Kino kommen wird, gab es also durchaus Grund zur Skepsis. Macht man in China wohl eine Ausnahme für bedingungslos geliebte Rockstars oder hat man bei der Behörde gar sein Herz gegenüber schwulen Menschen geöffnet und eingesehen, dass Liebe unabhängig der Geschlechter der Beteiligten schön ist und jeder Erwachsene Sexualität frei leben sollte, wie er oder sie das möchte?

    Natürlich nicht. In China hat man stattdessen einfach eine Handvoll Szenen, die den männerliebenden Mercury als solchen betiteln oder ihn bei explizit leidenschaftlichen Handlungen mit diversen Herren zeigen, entfernt und seine Sexualität damit für das Publikum verwässert. Zwar kann man sich anhand des restlichen Filmes als schlauer Chinese immer noch zusammenreimen, wie es um Mercurys Vorlieben bestellt ist, wirklich ausgesprochen wird dies jedoch nicht. Bei den fehlenden und gekürzten Szenen handelt es sich laut CNN um folgende:

    Freddies lustvolle Lenden

    Beim BBC-Auftritt der Band steht das Liebesorgan des Leadsängers voll im Fokus der Kamera, worüber sich ein prüder Produzent gewaltig echauffiert. In China beschwert er sich stattdessen über eine Bildstörung, der Stein des Anstoßes ist hingegen nur für einen Sekundenbruchteil zu sehen.

    Knutschoffensive

    Freddies Liebhaber, Manager und Freund Paul küsst diesen eines Abends aus heiterem Himmel und macht dem Rockstar so eindeutig seine Absichten klar. In China fehlt dieser Moment.

    Explizite Einordnung

    Mercurys Ehefrau Mary (Lucy Boynton) führt mit ihrem Mann ein klärendes Gespräch über dessen Sexualität. „Ich denke, ich bin bisexuell“, sagt der Sänger. „Nein Freddie, du bist schwul“, entgegnet seine langjährige Wegbegleiterin. Darüber, ob diese Szene und die Aussagen darin der Wahrheit entsprechen und Mercury nun das eine oder das andere war, müssen sich Chinesen keine Gedanken machen. Die Dialogzeilen wurden aus dem Film entfernt. Warum das Pärchen später im Film nicht mehr zusammen ist, wird nicht erklärt.    

    Schwuler Schnauzer

    Freddies royale Rotzbremse stößt bei seinem Bandkollegen Roger Taylor (Ben Hardy) auf skeptische Blicke. Auf die Frage „Wie sehe ich aus“, antwortet dieser ihm mit einem fragenden „…schwuler?“. In der chinesischen Version müssen die Zuschauer das wohl aus seinem Blick ableiten, die Aussage fehlt dort nämlich.

    Jim who?

    Freddies späterer Lebensgefährte Jim Hutton (Aaron McCusker) begegnet diesem bereits zur Mitte des Films als Kellner auf einer Party, die Beziehung erblüht allerdings erst, als Freddie sich dazu durchringt, sein altes, leeres Leben hinter sich zu lassen und den Mann persönlich aufzusuchen. Chinesen könnten von dieser Szene etwas verwirrt sein, fehlt doch die erste Begegnung der beiden im Film vollständig. Auch einige Zärtlichkeiten und Küsse zwischen den Liebenden wurden entfernt.  

    I Want To Break Free

    Wenn sich Queen im Film darüber aufregen, dass MTV das berühmte Musikvideo der Band in Frauenklamotten aus dem Programm schmeißt, kommt das für chinesische Zuschauer wohl ein wenig aus dem Nichts. Die voranstehende Nachstellung des ikonischen Videos bleibt ihnen nämlich verwehrt.

    Dieser radikale Eingriff in künstlerische Werke ist in China nichts Neues, die Entscheidung, das Biopic überhaupt in der Volksrepublik zu zeigen, gilt für den ein oder anderen sogar als Anzeichen für eine Lockerung der Statuten. Auch sexuell aufgeladene Blicke und ein Händchenhalten (!!!) durften im Film bleiben. Dass vor allem nicht-heterosexuelle Chinesen, die ihre Sexualität dort erst seit den 1990er-Jahren legal ausleben dürfen und seit 2001 gnädigerweise auch nicht mehr als geisteskrank gelten, erzürnt über solche Änderungen sein dürften, steht außer Frage. Repräsentation in Kunst, Musik, Literatur, Film und Fernsehen scheint dort bis auf Weiteres ein Tabu zu bleiben. Sacha Baron Cohens Version wäre dort also garantiert nicht gelaufen.

    In Deutschland läuft „Bohemian Rhapsody“ – natürlich ungekürzt – immer noch in vielen Kinos des Landes.

     

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