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    Neue deutsche Netflix-Serie: Ist "How To Sell Drugs" so gut wie "Dark" oder so schlecht wie "Dogs Of Berlin"?
    Von Nina Becker — 31.05.2019 um 12:30
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    Nach „Dark“ und „Dogs Of Berlin“ setzt Netflix weiter auf deutsche Serien-Produktionen, aktuell sind mehrere in Arbeit. Nun startet mit „How to Sell Drugs Online (Fast)“ der neueste Streich – wir haben die ersten Folgen gesehen...

    Netflix / Bernd Spauke

    In „Breaking Bad“ verkauft Bryan Cranston als Lehrer Walter White Crystal Meth, damit er die Behandlung seiner Krebserkrankung finanzieren kann. Das marode Gesundheitssystem der USA lässt ihm keine andere Wahl und vermutlich stehen die Zuschauer auf der ganzen Welt ab Minute eins der Serie hinter ihm. Wie die Sache ausgeht, braucht hier nicht erwähnt zu werden, denn Walter White ist zur Legende der Serienwelt geworden. Dieses Schicksal wird Moritz (Maximilian Mundt) aus „How To Sell Drugs Online (Fast)“ wahrscheinlich nicht ereilen, aber in Erinnerung könnte er uns trotzdem bleiben...

    Die Bildundtonfarbik trifft auf Netflix

    „How To Sell Drugs Online (Fast)“ wird von der bilduntonfabrik in Köln produziert, die sich vor allem mit der Herstellung des „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann einen Namen gemacht hat. Dank Böhmermann und diversen aufsehenerregenden Satire-Aktionen ist die Late-Night-Show nicht nur in Deutschland bekannt geworden und dürfte auch für die Macher der Sendung einige Türen geöffnet haben. 

    „How To Sell Drugs“, von den Regisseuren Arne Feldhusen („Stromberg“) und Lars Montag („Einsamkeit und Sex und Mitleid“), ist die dritte Netflix-Produktion nach „Dark“ und „Dogs Of Berlin“. Der Streaming-Riese, der selten über messbare Zahlen spricht und nie wirklich verrät, welche Formate funktionieren und welche nicht, scheint mit deutschen Produktionen bislang gut zu fahren. Schließlich werden noch in diesem Jahr einige davon auf unseren Bildschirmen landen. Die erste Staffel von „How To Sell Drugs Online (Fast)“ steht sogar schon jetzt auf der Plattform zur Verfügung.

    Darum geht's in in "How to Sell Drugs Online (Fast)"

    Moritz ist ein blasser dünner Junge, wie er im Buche steht, ein moderner Nerd. Modern? Richtig gelesen. Mit den Nerds der vergangenen Jahrzehnte hat er nicht mehr viel zu tun, denn Moritz kennt seine Stärke und versucht diese, im Vergleich zu seinen Vorgängern, auch aktiv zu nutzen. Er ist schlau und er weiß, dass ihn das weiterbringen wird.

    Netflix / Bernd Spauke
    Lisa (Lena Klenke) ist Moritz' große Liebe.

    Als Moritz seine Freundin Lisa (Lena Klenke) an seinen gutaussehenden Mitschüler Dan (Damian Hardung) verliert, der seine Freizeit mit Capoeira und Drogenverkauf gestaltet, muss er handeln und startet ein Start-up der ganz besonderen Art: er verkauft Drogen im Internet. Während Moritz, der augenscheinlich noch nicht einmal Gras geraucht hat, den Markt erkundet, sich mit schmierigen Dealern auseinandersetzt und an einem Business-Plan arbeitet, realisiert sein bester Freund Lenny (Danilo Kamperidis) die technische Umsetzung eines Online-Shops. Dabei wird munter jedes Klischee der Jugend bedient.

    "Nerd Today, Boss Tomorrow" – die Jugend von heute

    Und ja, Klischees finden sich in „How To Sell Drugs Online (Fast)“ wie Koks-Häufchen auf den Tischen in Oligarchen-Villen auf Ibiza. Aber – und genau das ist eine der großen Stärken der Serie – die Klischees sind vollkommen okay und erträglich, denn sie werden jedes Mal selbstironisch und selbstkritisch gebrochen und hinterfragt. Will man im ersten Moment den Kopf schütteln und die Augen verdrehen, muss man im nächsten Moment lachen – auch über sich selbst. Bloßgestellt wird hier erfreulicherweise allerdings niemand.

    Wobei wir auch bei der Frage nach der Zielgruppe angekommen wären. „How To Sell Drugs Online (Fast)“ richtet sich primär an die „Jugend von heute“ und damit sind keine 30-Jährigen gemeint, die sich einfach nur gegen das Erwachsenwerden wehren. Schnelle Schnitte, rasante Kamerafahrten, viel buntes Licht, Instagram-Oberflächen und ganz viele WhatsApp-Chat-Verläufe – wer sich in der Welt von Social-Media und Internet nicht so richtig auskennt, muss inmitten der visuell verspielt in Szene gesetzten Teenie-Welt ganz schön gut aufpassen...

    "The Big Short"-Hommage und Cameos vom Feinsten

    Aber! Auch die Oldies – und dazu gehören laut Moritz alle Menschen, die vor 1990 geboren sind – werden nicht komplett im Stich gelassen, sondern dank einiger liebevoller Details abgeholt und an die Hand genommen. So gibt es nicht nur immer wieder ausgefeilte Erklärtexte, die an Adam McKays Film „The Big Short“ erinnern und uns zum Beispiel erläutern, wie genau Ecstasy wirkt, sondern auch einige Gastauftritte, die garantiert für ein wissendes Lachen und vielleicht sogar Gänsehaut sorgen könnten.

    So sind es vor allem die zahlreichen tollen Nebenrollen, die über kleinere Schwächen der Serie hinwegtröstenBjarne Mädel als in die Jahre gekommener Drogen-Dealer Buba hätte definitiv eine eigene Spin-off-Serie verdient! Vielleicht sind die von bilduntonfabrik-Chef Philipp Käßbohrer sowie den „Neo Magazin“-Autoren Sebastian Colley und Stefan Titze geschriebenen Dialoge der Protagonisten hin und wieder ein bisschen zu lang geraten, vielleicht geht der eine oder andere Wachstumsschub des Drogen-Imperiums ein bisschen zu schnell – wirklich gestört haben diese kleinen Stolpersteine in den ersten Folgen, die wir gesehen haben, allerdings nicht.

    Netflix / Bernd Spauke
    Lenny (Danilo Kamperidis) und Dealer Buba (Bjarne Mädel) machen einen Ausflug.

    Zu verdanken ist dieser Umstand auch dem tollen Haupt-Cast, denn die Figuren werden mit viel Liebe und Hingabe gespielt und funktionieren darum perfekt. Vor allem im Vergleich zu anderen deutschen Netflix-Serien wirken die zwischenmenschlichen Gefühle in „How To Sell Drugs Online (Fast)“ tatsächlich natürlich und nachvollziehbar. Selbst der moralische Zeigefinger, der ganz selten mal erhoben wird, ist nie enervierend, sondern wirkt fast erfrischend im Rausch der entfesselten Bilder.

    Fazit

    „How To Sell Drugs Online (Fast)“ macht großen Spaß – ganz egal, wie alt der Zuschauer ist, welche Drogen er nimmt oder welche nicht. Die kurzweiligen (und kurzen) Folgen machen Lust auf mehr, sodass man schnell wissen will, ob Moritz mit seinem dubiosen Start-up die erste Million macht und tatsächlich das Herz von Lisa zurückerobern kann. Das Ganze bleibt auf lange Sicht vielleicht nicht so sehr im Gedächtnis wie die Ausnahme-Produktion „Dark“, lässt aber zumindest die Schmach von „Dogs Of Berlin“ locker vergessen.

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