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    Licht und Schatten in "Good Omens": So gut ist die apokalyptische neue Amazon-Serie
    Von Christian Fußy — 30.05.2019 um 18:00
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    Neil Gaiman bringt den Roman „Ein gutes Omen“, den er 1990 mit Fantasy-Großmeister Terry Pratchett schrieb, als Mini-Serie zu Amazon. Lohnt sich die Fantasy-Komödie um die drohende Apokalypse? Wir haben die ersten drei Folgen bereits gesehen...

    Amazon Studios

    Die gefeierten Fantasy-Autoren Terry Pratchett und Neil Gaiman versuchten bereits mehrmals, ihren satirischen Roman „Ein gutes Omen“ (Im Original: „Good Omens: The Nice And Accurate Prophecies Of Agnes Nutter, Witch“) für die große Leinwand oder das Fernsehen zu adaptieren. Alle bisherigen Versuche scheiterten jedoch. Als Pratchett 2015 starb, begrub Gaiman damit auch die Ambitionen, die Geschichte noch irgendwie verfilmt zu bekommen. Ohne seinen Freund wollte er sich einfach nicht an das gemeinsam geschriebene Material heranwagen. Dann erreichte ihn jedoch ein Brief des verstorbenen Schriftstellers, in dem dieser ihn ermutigte, doch noch irgendwie eine Adaption in die Wege zu leiten.

    Mit „Good Omens“ ist Gaiman diese Adaption nun auch gelungen. Amazon zeigt die Verfilmung des Kultromans als sechs Folgen lange Miniserie. Die Besetzung ist mit David Tennant und Michael Sheen in den Hauptrollen hochkarätig und auch Look und Atmosphäre der Umsetzung wirken stimmig. Schon das ausufernd lange Intro, das es bereits im Vorfeld auf YouTube und Co. zu sehen gab, versprüht eine Menge Charme.

     

    Von diesem Charme gibt es dann auch in der Serie reichlich, allerdings opfern Gaiman und sein Team ihn viel zu oft der fragmentierten und für nur sechs Episoden extrem langatmig erzählten Geschichte, die einen Handlungsbogen nach dem anderen anreißt, aber nicht genug unterhält, um wirklich fesselnd zu sein. Auch Frances McDormands trockene Kommentare aus dem Off (sie ist die Stimme Gottes) helfen leider nicht, die Geschehnisse auf dem Bildschirm über weite Strecken lustiger oder fesselnder zu machen.

    Darum geht es in "Good Omens"

    Dämon Crowley (David Tennant) und Engel Aziraphale (Michael Sheen) sind bereits seit dem Rauswurf der Menschen aus dem Paradies auf der Erde stationiert, wo sie über mehrere Jahrtausende die Vorgaben ihrer jeweiligen Chefs ausführten. Bei der Ausübung ihres Berufs kamen sich die beiden des Öfteren in die Quere, bis sie sich eines Tages entschlossen, sich einfach miteinander abzusprechen und so das Gleichgewicht der Welt zu bewahren. In Folge dessen entwickelte sich zwischen den beiden eine enge, wenn auch weitgehend unausgesprochene Freundschaft.

    Amazon Studios
    Aziraphale und Crowley beim Eis essen

    Als Aziraphale und Crowley die Nachricht erreicht, der Antichrist solle in Kürze geboren werden und das Ende der Welt herbeiführen, merken sie, dass sie sich in ihrem dedizierten Umfeld eigentlich ganz wohl fühlen und gerne noch länger auf der Erde verweilen würden. Sie schmieden daher den Plan, den Weltenzerstörer nach seiner Geburt zu überwachen und dafür zu sorgen, dass er in perfekter Balance zwischen Gut und Böse aufwächst, um so den Weltuntergang abzuwenden. Nach elf Jahren stellen sie jedoch fest, dass der Antichrist durch eine Reihe von Missverständnissen bei der Geburt vertauscht wurde und nicht, wie sie dachten, bei einem amerikanischen Diplomaten (Nick Offerman) aufwuchs, sondern im beschaulichen Tadfield in Oxfordshire. Crowley und Aziraphale machen sich auf, den Jungen (Sam Taylor Buck) zu finden, um ihn davon abzuhalten, aus Versehen Armageddon einzuleiten…

    Himmel und Hölle

    Von den drei „Good Omens“-Episoden, die wir vorab sehen konnten, ist Episode drei mit Abstand die stärkste, was vor allem an dem über 20 Minuten langen, großartigen Auftakt liegt, in dem gezeigt wird, wie sich Crowley und Aziraphale einander über die Jahre nähergekommen sind. Überhaupt ist die Serie immer dann am besten, wenn sich Showrunner Gaiman komplett auf seine beiden zentralen Figuren konzentriert. David Tennant spielt Unruhestifter Crowley als lässig-freigeistigen Rocker und hat dabei sichtlich eine Menge Spaß, Michael Sheen mimt den zimperlichen Menschenfreund Aziraphale hingegen mit kindlich-blauäugiger Faszination und spießbürgerlicher Beherrschtheit. Wenn der brave Engel sich vor seinem höllischen Counterpart als hemmungslose Naschkatze outet und ihm vorschwärmt, wie sehr er auf französische Crêpes abfährt, ist es fast unmöglich, ihn nicht irgendwie ins Herz zu schließen. In solchen Momenten wirkt die Serie trotz apokalyptischem Flair wie eine leichtfüßige Rom-Com, bei der man inständig hofft, dass sich die beiden doch endlich ihre Liebe gestehen mögen.

    Neben der Haupthandlung um Crowley und Aziraphale gibt es aber noch weitere Handlungsstränge, die, zumindest in den ersten Episoden, nur punktuell den Weg der beiden ungleichen Freunde kreuzen. Das ist problematisch, weil die Figuren im Vergleich mit dem zentralen Paar so gar nicht bemerkenswert sind und die Serie extrem ausbremsen. Der Antichrist selbst, der das Leben eines ganz normalen Kindes in England lebt, ist – aus genau diesem Grund – schlicht langweilig.

    Zu viel für eine Mini-Serie

    Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um die Jagd nach dem Buch der Prophezeiungen der berühmten Hexe Agnes Nutter (Josie Lawrence), die bei der Verhinderung der Apokalypse von unschätzbarem Wert sind. Mit Adria Arjona („Pacific Rim: Uprising“), Comedian Jack Whitehall („Mother’s Day“), Miranda Richardson („Verhängnis“) und dem ebenso komödiantisch wie dramatisch hochbegabten Michael McKean („This Is Spinal Tap“, „Better Call Saul“) ist diese Nebenstory zwar ordentlich besetzt, ihre Figuren sind aber viel zu grob gezeichnet und haben kein klar definiertes oder nachvollziehbares Ziel, um wirklich Emotionen beim Zuschauer auszulösen. Zwischendurch werden in eigenständigen Szenen dann auch noch die vier Reiter der Apokalypse eingeführt, deren Ankunft den Zuschauern jedoch erst im Finale bevorsteht.

    Amazon Studios
    Auch dabei: John Hamm als Erzengel Gabriel

    Bei einer Laufzeit von für eine Comedyserie ohnehin schon viel zu langen 60 Minuten pro Episode ist dieses augenscheinlich strukturlose Geplänkel regelrecht ermüdend. Eine gewisse Fragmentiertheit fand sich zuletzt auch schon in der Gaiman-Adaption „American Gods“, dort trugen die einzelnen Vignetten (zumindest in Staffel eins) aber stark zur Atmosphäre und zum Verständnis der Welt bei und lenkten nicht von der eigentlichen Handlung ab.

    Mehr und dafür kürzere Episoden hätten „Good Omens“ sicher nicht geschadet. Das Hauptproblem der Serie liegt nicht daran, dass die Geschichte künstlich gestreckt wird, sondern vielmehr darin, dass zu viel verschiedenes Material in eine Stunde gequetscht wird und somit Fokus fehlt. Kleinere Häppchen würden die Serie definitiv weniger überwältigend wirken lassen, außerdem könnte man den Reitern der Apokalypse oder der Geschichte um die Hexenprophezeiungen nach ihrer Einführung einzelne Episoden widmen, um die Figuren weiter auszubauen.

    Fazit

    Trotzdem – und das ist wohl gleichermaßen das bedauerlichste wie das netteste, das man über „Good Omens“ sagen kann – will man diese Serie einfach lieben, auch wenn ihre Qualität das eigentlich nicht rechtfertigt. Die herzallerliebsten Hauptfiguren, die unaufgeregte Präsentation, die altbackenen Effekte, der schrullige Soundtrack von David Arnold („Casino Royale“, „Hot Fuzz“) und der brillante, trockene Humor von Terry Pratchett, der zwar bei der Adaption etwas verlorenging, sich aber vereinzelt noch immer in der Serie findet, lösen zumindest beim Schreiber dieser Zeilen unweigerlich Glücksgefühle aus. Es wäre nur schön gewesen, wäre dies in etwas höherer Frequenz passiert. In der mäandernden Geschichte schaffen es selbst die tollsten Darsteller leider nur gelegentlich, für wirklich himmlische Momente zu sorgen.

    „Good Omens“ läuft ab dem 31. Mai 2019 auf Amazon Prime Video.

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