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    Jon Favreaus "König der Löwen": Wo ist die Regie-Romantik geblieben?
    Von Tobias Tißen — 10.08.2019 um 15:00
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    Derzeit läuft Disneys „Der König der Löwen“-Remake in den Kinos, das Regisseur Jon Favreau mittels modernster Technik inszeniert hat. FILMSTARS-Redakteur Tobias Tißen fehlt dabei jedoch etwas ganz Entscheidendes: die Romantik des Filmemachens …

    StudioCanal / The Walt Disney Company

    +++ Meinung +++

    Vor ein paar Wochen stolperte ich im Internet über ein Bild von Jon Favreau während der Produktion seines „Der König der Löwen“-Remakes, das seit dem 17. Juli 2019 in den deutschen Kinos läuft. Darauf sieht man den Regisseur, wie er in einem dunklen Raum sitzt und mit einer Virtual-Reality-Brille am komplett animierten Film arbeitet – welche bedeutende Rolle diese Technik bei der Realisierung spielte, haben wir bereits in einem anderen Artikel erklärt.

    Jedenfalls musste ich beim Anblick des Bildes direkt an Francis Ford Coppola denken und unter welchen krassen Umständen er in den 1970ern Jahren sein Antikriegs-Epos „Apocalypse Now“ auf die Beine stellte. Denn wenn man zum Beispiel die Bilder aus der Dokumentation „Reise ins Herz der Finsternis“ über die schier endlose, kräftezehrende, alle Beteiligte in den Wahnsinn treibende Produktion des Films mit dem Schnappschuss von Jon Favreau vergleicht, dann wird einem auf einen Schlag bewusst, wie sehr sich das Filmemachen in den vergangenen 40 Jahren verändert hat.

    Und ich frage mich: Wo ist die Regie-Romantik geblieben, die so viele meiner Lieblingsfilme umgibt, die sie überhaupt erst zu diesen macht?

    Die Faszination geht flöten

    Versteht mich bitte nicht falsch: Ich will damit absolut nicht sagen, dass dieses „High-Tech-Filmemachen“ nicht künstlerisch anspruchsvoll ist und so keine guten oder gar herausragenden Filme mehr entstehen. Ich kann nur einfach kaum noch eine Faszination für solche Filme wie eben „Der König der Löwen“, der visuell zweifelsohne neue Maßstäbe setzt, oder vergleichbare Titel entwickeln, die über das reine Produkt hinausgeht.

    Wenn ich mir eine Dokumentation wie den erwähnten „Reise ins Herz der Finsternis“ anschaue, dann sitze ich mit offenem Mund da und erinnere mich, warum ich das Medium Film so liebe. Für mich zählt nun mal nicht nur der fertige Streifen, sondern auch die Geschichte dahinter. Wenn ich sehe, wie viel Leidenschaft und Aufwand in einen Film wie „Apocalypse Now“ geflossen sind, wie viel er den Beteiligten selbst bedeutet, dann wächst er in meinem Kopf immer weiter, er beschäftigt mich deutlich länger als nur die zwei Stunden, in denen ich über CGI-Landschaften staune und über Timon und Pumbaa lache.

    Genauso gute Beispiele sind übrigens auch „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog, über deren Produktion der visionäre Regisseur unter anderem in seiner Dokumentation „Mein liebster Feind“ spricht. Dort erzählt er, wie er für „Aguirre“ eine Kamera gestohlen und mit einem Budget von nur 370.000 Dollar einen fantastischen Film auf dem überfluteten Amazonas gedreht hat. Oder wie er für „Fitzcarraldo“ tatsächlich ein ganzes Schiff über einen von dichtem Dschungel bedeckten Berg ziehen ließ. Und das sind Anstrengungen, die im finalen Film spürbar sind, selbst wenn man diese Hintergrundgeschichten nicht kennt.

    „Meine Aufgabe und die der Figur [Fitzcarraldo] sind identisch geworden“, schreibt Herzog in seinen Tagebüchern. Wäre es nach dem Willen des Studios 20th Century Fox gegangen, hätte er in der Szene ein Modellschiff aus Plastik über einen Studiohügel gezogen. Von den unfassbaren Eskapaden Klaus Kinskis, die den größten Teil von „Mein bester Feind“ ausmachen und die nur noch weiter zum Mythos um „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ beitragen, will ich hier gar nicht erst anfangen.

    Wo sind die krassen Persönlichkeiten?

    Aber eben solche starken Persönlichkeiten wie einen Coppola oder einen Herzog, die allen Widrigkeiten und Studio-Obrigkeiten die Stirn bieten, um genau ihre Vision auf Zelluloid zu bannen, braucht es, um aus einem starken Film ein Meistwerk werden zu lassen.

    Und dazu gehört dann vielleicht auch, dass diese Personen keine scheinenden Saubermänner sind. Herzog etwa wurde oft und harsch kritisiert, weil unter anderem Produktionsmitarbeiter unter seiner beinahe fanatischen Art des Filmemachens litten, er sogar ihr (und sein) Leben riskiert hätte. Und auch über Stanley Kubrick hört man immer wieder, wie versessen er gewesen sei. Dass er manche Szenen bis zum Erbrechen wiederholen ließ (die berühmte Baseballschläger-Szene aus „Shining“ benötigte angeblich unfassbare 127 Takes). Sollte man das gutheißen? Nein, sicherlich nicht. Fasziniert es mich? Auf jeden Fall!

    Denn genau das sind die Geschichten, die einen Mythos um einen Film entstehen lassen. Und wenn Jon Favreau mittels Virtual Reality durch die künstlichen Weiten Afrikas fliegt, dann entstehen solche Geschichten nun mal nicht. Und sollte doch mal etwas Außergewöhnliches passieren, dann tun Mega-Studios wie Disney ohnehin alles dafür, dass es nicht an die Öffentlichkeit kommt. Stattdessen hört man nur, wie glatt alles gelaufen ist.

    Risiken darf es in der heutigen Zeit nicht mehr geben, alles muss reibungslos und glatt laufen, für krasse Persönlichkeiten ist kaum noch Platz. Und so wäre „Apocalypse Now“ heutzutage vermutlich nie fertiggestellt worden – zumindest nicht mit Francis Ford Coppola als Regisseur. Und Fitzcarraldo hätte einen CGI-Flussdampfer über einen Studiohügel gezogen, Werner Herzog ihm dabei mit Virtual-Reality-Brille zugeschaut.

     

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