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    Ein würdiger "Game Of Thrones"-Nachfolger? So gut ist "The Witcher" auf Netflix
    Von Julius Vietzen — 20.12.2019 um 09:01
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    Mit „The Witcher“ schickt sich Netflix an, den ersten legitimen „Game Of Thrones“-Nachfolger ins Rennen zu schicken. Doch ist das auch gelungen? Wie gut „The Witcher“ ist, erfahrt ihr in unserer Kritik zu den ersten fünf Folgen.

    Netflix

    Game Of Thrones“ war ein Phänomen und auch wenn die letzten Staffeln teilweise sehr harsch kritisiert wurden, wird das nichts daran ändern, dass der TV-Hit als wahrscheinlich erste Fantasy-Serie überhaupt ein derart großes Publikum erreicht und begeistert hat.

    Das zeigt sich auch daran, dass nun alle Welt (sprich vor allem alle Fernsehsender, Streaminganbieter und Online-Redaktionen) auf der Suche nach dem nächsten „Game Of Thrones“ sind. Und die gute Nachricht für alle Serien-Fans, die sich seit dem „Game Of Thrones“-Finale im Mai 2019 nach neuem Stoff sehnen, lautet: Mit „The Witcher“ ist Netflix tatsächlich der erste legitime „GoT“-Nachfolger gelungen.

    Ob „The Witcher“ zu einem ähnlichen Phänomen wie „Game Of Thrones“ werden wird, muss sich freilich erst noch zeigen. Immerhin die ersten Reaktionen und das große, durch die Bücher von Andrzej Sapkowski und die Videospiele von CD Project befeuerte Interesse an der Serienadaption sprechen dafür. Fest steht aber: „The Witcher“ kann dank einer faszinierenden, von Gewalt, Elend und Vorurteilen geplagten Welt, großartigen Darstellern, starken Bildern und Effekten und einer komplexen, thematisch reichhaltigen Geschichte durchaus mit „Game Of Thrones“ mithalten.

    Darum geht’s in "The Witcher"

    Die Welt von „The Witcher“ ist in verschiedene Königreiche der Menschen aufgeteilt, andere Rassen wie Elfen und Zwerge werden unterdrückt und ausgebeutet. Zum Schutz vor den zahlreichen Monstern, die den namenlosen Kontinent bevölkern, wurden durch Magie und Mutationen die sogenannten Hexer erschaffen. Einer davon, Geralt von Riva (Henry Cavill), reist durch die Welt und wird dabei immer wieder in neue Abenteuer und politische Machtspiele und Konflikte verwickelt.

    Ein solcher Konflikt ist der Angriff des mächtigen Reiches Nilfgaard aus dem Süden des Kontinents auf das im Norden gelegene Cintra, in dem Prinzessin Cirilla (Freya Allan), genannt Ciri, lebt. Nach dem Untergang von Cintra ist Ciri gezwungen, sich allein durchzuschlagen und um ihr Überleben zu kämpfen, während sie von Nilfgaard gejagt wird.

    Allein ist auch Yennefer (Anya Chalotra), die mit körperlichen Behinderungen geboren und von ihrer eigenen Familie verstoßen ein hartes Leben führt, bevor sie für weniger als die Hälfe des Preises eines Schweins an die Zauberinnen-Akademie Aretuza verkauft wird. Dort ist sie einem harten Konkurrenzkampf ausgeliefert, erfährt aber auch zum ersten Mal so etwas wie Liebe und Zuneigung.

    Etwas verworren, aber stark erzählt

    Showrunnerin Lauren Schmidt Hissrich wirft uns bei „The Witcher“ ohne Vorwarnung in eine lebendige, in starken Bildern zum Leben erweckte Fantasy-Welt. Ganz ähnlich wie bei der ersten Staffel „Game Of Thrones“ dürfte jedem, der mit Buchvorlage oder Videospielen nicht so gut vertraut ist, angesichts der zahlreichen Figuren, Königreiche und Fraktionen erstmal der Kopf rauchen.

    Zumal auch nicht sofort klar ist, wie genau die parallel erzählten Geschichten von Geralt, Yennefer und Ciri zusammenhängen und wie genau die zeitlichen Abläufe sind. (Mehr wollen wir an dieser Stelle noch nicht verraten, doch wir werden später noch einen eigenen Artikel dazu veröffentlichen.) Ein Problem, das offenbar auch den Serienmachern bewusst war, weswegen an einigen Stellen versucht wird, die etwas verworrene Struktur der Serie und die genaue Chronologie leidlich elegant in Dialogen zu klären.

    Netflix / Katalin Vermes
    Wann welcher Teil von "The Witcher" spielt, ist nicht immer leicht zu verstehen.

    Doch die Geschichte von „The Witcher“ anders zu erzählen, kam für die Serienmacher eben nicht in Frage, wie Showrunnerin Schmidt Hissrich immer wieder betont hat. Und sieht man über den etwas verworrenen Aufbau hinweg, war das auch eine gute Entscheidung, denn ansonsten würden einige der stärksten Szenen ihrer Wucht beraubt.

    Wenn etwa Geralt in Folge 3 unter Einsatz seines Lebens dafür kämpft, die Striga in Temerien von ihrem Fluch zu befreien, während sich Yennefer gleichzeitig einer unglaublich schmerzhaften Verwandlung unterzieht, können die Serienmacher so einige faszinierende (visuelle) Parallelen zwischen den beiden Figuren ziehen, die das Schicksal dann einige Zeit später zusammen führt.

    "The Witcher" kann Drama, Comedy & Horror

    Die dritte Folge ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie mühelos und effektiv Schmidt Hissrich und Co. in und zwischen den einzelnen Episoden zwischen verschiedenen Genres und Tonfällen wechseln.

    Während diese Episode dank der (wie die meisten Monster und Kreaturen glücklicherweise mit praktischen Effekten realisierten) Striga und Yennefers Verwandlung fast schon wie (Body-)Horror anmutet, erleben wir zuvor in Folge 2 etwa die dank des großartigen Soundtracks und der berührenden Darstellung von Anya Chalotra wirklich herzzerreißende Hintergrundgeschichte von Yennefer.

    Netflix
    Joey Batey sorgt als Jaskier für viele humorvolle Szenen.

    Doch gleichzeitig sehen wir in Folge 2 das sehr amüsant inszenierte erste Treffen zwischen Geralt und Jaskier (Joey Batey). Der aus den Büchern und Spielen als Rittersporn oder Dandelion bekannte Barde ist in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von Geralt und obwohl der Hexer zunächst versucht, Jaskier loszuwerden, wird dank der fantastischen Chemie der Darsteller schnell deutlich, dass die Freundschaft zwischen diesen beiden Männern unvermeidlich ist.

    Und am Ende der Folge nimmt dann auch dieser Handlungsstrang noch einmal eine Wendung in eine komplett andere Richtung, denn auf einmal verhandelt Schmidt Hissrich hier mit großer Dringlichkeit die in „The Witcher“ stets präsenten Themen Rassismus und Genozid (wobei sich in der Welt von „The Witcher“ beides gegen andere intelligente Rassen wie Elfen und Zwerge richtet).

    Starke Darsteller, starke Bilder, starke Action

    Mit Henry Cavill haben die Serienmacher einen exzellenten Geralt von Riva gefunden. Gegen die bekannte Stimme und die bekannte Interpretation der Figur aus den Videospielen bestehen zu müssen, ist bei weitem keine leichte Aufgabe, aber eine, die Cavill mit Bravour meistert.

    Er gewinnt seinem vermeintlich emotionslosen Hexer mit kleinen Gesten viele verschiedene Facetten ab, lässt stets die ganze Tragik der Figur durchscheinen und überzeugt sowohl mit trockenem Humor als auch in den allesamt selbst gespielten Actionszenen (der atemberaubend choreographierte und gefilmte Kampf in Blaviken in Folge 1 ist ein frühes, aber bei weitem nicht das einzige Highlight).

    Netflix / Katalin Vermes
    Henry Cavill begeistert als Geralt nicht nur bei den Actionszenen.

    Und mit Anya Chalotra haben Schmidt Hissrich und Co. eine mindestens ebenso gute Yennefer. Chalotra spielt die mächtige Zauberin mit genau der richtigen Mischung aus Getriebenheit, Starrköpfigkeit und (zunächst) Naivität und geht dabei mit vollem Körpereinsatz zur Sache. Was normalerweise nur euphemistisch umschreiben soll, dass viel nackte Haut gezeigt wird, ist hier tatsächlich wörtlich zu verstehen, denn Chalotra spielt Yennefer bei deren zahlreichen körperlichen Szenen (egal ob anfängliche Missgeschicke, Sexszenen oder Verwandlungen) ganz einfach mit großer Wucht und Eindringlichkeit und ohne Rücksicht auf Verluste.

    Dass wir hier nur auf diese beiden Darsteller eingehen, heißt übrigens nicht, dass der Rest des Ensembles nicht überzeugen würde, ganz im Gegenteil. Nur spielen Cavill und Chalotra eben die herausragenden Figuren.

    Netflix / Katalin Vermes
    Anya Chalotra spielt als Yennefer groß auf.

    Ein letzter „Game Of Thrones“-Vergleich sei an dieser Stelle noch erlaubt: Ebenso wie die HBO-Hitserie sieht auch „The Witcher“ größtenteils richtig gut aus (und das sogar auf einer Kinoleinwand, wie wir nach der Premiere in Polen bezeugen können, wo die ersten drei Folgen gezeigt wurden). Schmidt Hissrich und ihre Regisseure fangen die Welt des namenlosen Kontinents, auf dem „The Witcher“ spielt, in beeindruckenden Bildern ein, die relativ sparsam eingesetzten Effektszenen sind ebenfalls überzeugend und auch bei Kostümen, Waffen und Rüstungen kann „The Witcher“ mit „Game Of Thrones“ mithalten.

    Für diese Kritik haben wir die ersten fünf Folgen der ersten Staffel „The Witcher“ gesehen. Ob die letzten drei Folgen das sehr hohe Niveau halten können, können wir natürlich nicht mit Sicherheit sagen, wir gehen aber stark davon aus. Schließlich ist unser einziger großer Kritikpunkt die etwas verworrene Struktur von „The Witcher“, was sich mit dem Zusammentreffen der Figuren in den späteren Folgen (und bei Geralt und Yennefer sogar schon in Folge 5) aber erledigt haben sollte.

    Fazit: Action, Bilder, Darsteller, Themen: „The Witcher“ ist eine richtig starke Fantasy-Serie für Erwachsene. Netflix hat sein „Game Of Thrones“ gefunden.

     

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