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    Kritik zu Netflix' Sci-Fi-Serie "Snowpiercer": Neuaufguss mit Potential – das erst noch ausgeschöpft werden muss
    Von Daniel Fabian — 25.05.2020 um 14:07
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    Nachdem Bong Joon-Ho „Snowpiercer“ erst vor wenigen Jahren auf die Leinwand brachte, wurde die Graphic Novel nun noch einmal im Serienformat adaptiert. In unserer Kritik zu den ersten fünf Folgen verraten wir euch, ob sich die Neuauflage lohnt.

    TNT / Netflix

    Als Bong Joon-Ho im vergangenen Februar für seinen Zwei-Klassen-Thriller „Parasite“ mit Oscars überhäuft wurde, war das schon ziemlich überraschend – ein Unbekannter ist der Südkoreaner allerdings schon lange nicht mehr, auch nicht in Hollywood. Dort fasste er 2013 bereits mit der von Kritikern und Fans gleichermaßen gepriesenen Adaption der französischen Graphic Novel „Le Transperceneige“* Fuß.

    Snowpiercer“ wurde gefeiert und war gerade angesichts seines vergleichsweise geringen Budgets auch ein solider finanzieller Erfolg. Kein Wunder, dass kurz darauf auch schon Pläne für eine Serie geschmiedet wurden. Man sah Potential zu mehr, von dem man allerdings nicht so recht wusste, wie man es denn überhaupt nutzen soll – zumindest entstand dieser Eindruck, nachdem man Regisseur Scott Derrickson aufgrund kreativer Differenzen verlor und sich der Serienstart Jahr für Jahr verzögerte. Aber hat sich das Warten auf „Snowpiercer“ denn nun gelohnt oder hätte die Sci-Fi-Serie doch besser auf ewig in der Produktionshölle bleiben sollen?

    Das lässt sich gar nicht so eindeutig beantworten: Die „Snowpiercer“-Neuauflage war vielleicht nicht unbedingt notwendig, dürfte Fans von unterkühlten Sci-Fi-Dystopien aber trotzdem bei der Stange halten. Die eine oder andere Überraschung gibt’s oben drauf – selbst für Kenner der Vorlage...

    Gefangen im Eis: Das World-Building

    Das Besondere an „Snowpiercer“: Alles spielt sich an einem einzigen Ort ab. Denn während auf der Erde in der nahen Zukunft Temperaturen von unter -100 Grad herrschen, finden die letzten Überbleibsel der Menschheit Zuflucht in der Arche des unbekannten Mr. Wilford, einem Zug, in dem zwischen den hinteren und den vorderen Waggons eine strikte Klassentrennung herrscht. Der Planet selbst ist in Schnee und Eis gehüllt, daran erinnert hier und da mal ein Blick aus dem Fenster (außer in den fensterlosen Waggons am Zugende, in denen die ärmsten Passagiere leben). Alles, was wir sehen, geschieht also im Inneren des Stahlkolosses, der unaufhörlich über die Schienen wälzt.

    Klingt eintönig, Abwechslung gibt’s aber dennoch. Immerhin besteht das Gefährt wie in der Graphic Novel aus nicht weniger als 1001 Waggons mit den unterschiedlichsten Funktionen – vom edlen Club bis hin zur Schule gibt’s hier alles, was man braucht. Nur eben nicht für jeden.

    TNT / Netflix
    Gibt's nicht für alle: Von technischem Schnickschnack können die "Tailies" nur träumen.

    Natürlich bekommt man in den ersten Episoden aber nur einen Bruchteil jener Abteile zu Gesicht – das spart Kosten und auch Raum für weitere mögliche Staffeln. Die einzelnen, mit viel Liebe zum Detail geschaffenen Sets sorgen aber auch so immer wieder für angenehme Tapetenwechsel. Was nicht so richtig aufgeht, ist allerdings die Illusion, dass es sich dabei tatsächlich um gleichmäßig große Waggons eines Zuges handeln könnte. Schade, das klappte im Film noch wesentlich besser.

    Endzeit-Szenario trifft Ermittler-Serie

    Es sind die Details wie die neuentwickelte Droge Chronole oder die schwarzen Proteinblöcke, die das Leben im Zug trotzdem irgendwie greifbar machen. Hat man sich in der Welt aber erstmal zurechtgefunden, tritt das futuristisch-düstere Setting schnell in den Hintergrund – und auch spektakuläre Actionszenen, wie sie die Verfilmung von 2013 hatte, sind in den ersten fünf Episoden Mangelware. Stattdessen werden die Ereignisse dem Erzähltempo im Serienformat angepasst. Es geht also wesentlich ruhiger zur Sache.

    Im Vordergrund steht nämlich vor allem die Ermittlungsarbeit des ehemaligen Detectives Andre Layton (Daveed Diggs), dem als „Tailie“ – also als Bewohner eines hinteren Abteils – mit der Aufklärung eines Mordes ein besseres Leben winkt. Genau das sollen aber auch seine Leidensgenossen vom Zugende haben, weswegen Andre die Gelegenheit auch gleich nutzt, um wichtige Informationen zu sammeln, die bei einem Aufstand später helfen könnten.

    TNT / Netflix
    Andre (Daveed Diggs) soll einen Mord aufklären – und wird dabei nicht aus den Augen gelassen.

    Die Ermittlungen plätschern so vor sich hin, bis es schließlich zu ersten Hinweisen kommt. Doch auch Daveed Diggs, der zwar engagiert spielt, oft schauspielerisch aber ziemlich allein auf weiter Flur dasteht (Jennifer Connelly ausgenommen) und immer wieder auch etwas zu dick aufträgt, schafft es nicht so recht, die Spannungskurve anzukurbeln. Das langweilt nicht unbedingt, packt einen aber auch nicht wirklich – und das obwohl ein eiskalter Killer sein Unwesen treibt, mit dem die Passagiere eingeschlossen sind.

    Neuauflage mit Überraschungseffekt

    Es überrascht nicht, dass die Darstellerriege nicht ganz mit dem Starensemble des Kinofilms mithalten kann – allein eine Tilda Swinton ist schlichtweg unersetzlich. Nicht weniger souverän, wenn auch gänzlich anders angelegt ist Jennifer Connellys Part als Melanie Cavill, die rechte Hand von Arche-Schöpfer Mr. Wilford. Ähnlich wie schon in „Alita: Battle Angel“ gibt sie die unterkühlte Schönheit, die sich ihrer Macht stets bewusst ist – und die sich wohl auch hervorragend als Bösewicht in einem Disney-Film schlagen würde.

    Dass Connelly hervorsticht, liegt aber nicht nur daran, dass die Oscarpreisträgerin was auf dem Kasten hat, sondern auch an ihrer Rolle, die zu Beginn der Serie zweifelsohne die interessanteste ist. Was genau das bedeutet, wollen wir an dieser Stelle allerdings nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Wer nach dem Film glaubt, die Geschichte bereits zu kennen, bekommt in der Serie die eine oder andere interessante Wendung spendiert.

    TNT / Netflix
    Ist sie wirklich, wer sie vorgibt zu sein? Jennifer Connelly als Melanie Cavill

    Fazit

    „Snowpiercer“ ist mehr Update als Upgrade und profitiert letztlich nicht gerade vom Vergleich mit dem großartigen Film, dem sich die Serie aber nun mal stellen muss. Visuell und schauspielerisch ist das alles solide, inhaltlich wird man bei der Stange gehalten. Doch auch wenn die Grundlage für ein spannendes, beklemmendes, dystopisches Szenario vorhanden ist, betrachtet man selbst die noch so dramatischen, aber wenig mitreißenden Geschehnisse letztlich doch mit einer gewissen Distanz. Das geht besser.

    Wer einen ähnlich temporeichen wie packenden Zwei-Klassen-Thriller erwartet wie die erste Verfilmung von 2013, der dürfte jedenfalls enttäuscht werden. „Snowpiercer“ ist grundsolide Serien-Unterhaltung, die sich zwar verhältnismäßig locker weggucken lässt, am Ende aber kaum nennenswerten Mehrwert bietet – zumindest nicht in den ersten Folgen. Da kann man durchaus mal reinschauen, oder eben auch nicht.

    „Snowpiercer“ läuft hierzulande ab 25. Mai 2020 auf Netflix. Die erste Staffel umfasst zehn Episoden, die im Wochenrhythmus erscheinen. Zum Auftakt gibt es aber direkt die ersten zwei Folgen. Beim Streamingdienst steht außerdem auch Bong Joon-Hos (um Längen bessere) Film-Adaption des Stoffes zum Abruf bereit. 

     

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    Kommentare
    • SonnyC
      Wenn eine Serie nicht gerade überragend ist, dann ist es auch nicht sinnvoll sie zu strecken.5 Folgen und 2,5 Sterne, da bleibt man nicht wirklich bei der Stange.Und diese wöchentliche Warterei reizt mich eh nicht, habe selbst bei BCS immer gewartet bis es komplett war.
    • F. Bates
      Eine Mordermittlungsstory? Sorry aber Tschüss ...
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