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    Vergesst "365 Days" auf Netflix: Dieser Erotik-Thriller zeigt, wie's geht!
    Von Daniel Fabian — 13.06.2020 um 15:00
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    Seit seinem Start vor einer Woche zählt „365 Dni“ zu den populärsten Inhalten auf Netflix. FILMSTARTS-Redakteur Daniel Fabian kann vom Erotik-Thriller in „Fifty Shades Of Grey“-Manier nur abraten – und hat stattdessen einen anderen Filmtipp für euch.

    Netflix

    +++ Meinung +++

    Kein Film auf Netflix war in der vergangenen Woche so gefragt wie „365 Days“. Der polnische Erotik-Thriller führt die Film-Top-10 auf der Streaming-Plattform praktisch seit seinem Start am vergangenen Sonntag an – und das überrascht irgendwie gar nicht mal. Nachdem aus „Fifty Shades Of Grey“ nämlich vor nicht allzu langer Zeit erst eine Bestseller-Reihe wurde, worauf später auch ein Erfolg im Kino folgte, zeichnet sich beim polnischen Pendant nun eine ähnliche Entwicklung ab. Aber ist es wirklich das, was die Leute sehen wollen?

    Während man der Hollywood-Version vor einigen Jahren allerdings vorwarf, in Anbetracht ihrer schlüpfrigen Prämisse letztlich viel zu harmlos zu sein, wird in „365 Dni“ (so der polnische Originaltitel) nun ordentlich aufgedreht. Besser wird dadurch allerdings nichts.

    "365 Days": Nicht nur strunzdumm, sondern auch ekelhaft

    Von meinen Witzen am Mittagstisch mit den Kollegen über Grußkarten für meine Verwandten bis zur Filmwahl für einen bierigen Abend mit den Kumpels: Man kann mir sicher nicht vorwerfen, das Leben zu ernst zu nehmen. Da kann’s auch mal passieren, dass das Niveau als Randerscheinung hintenangestellt wird – dem Spaßfaktor zuliebe. Ich gucke auch gerne mal eine Trash-Gurke wie „6-Headed Shark Attack“ oder Hollywood-Totalausfälle wie „Cats“, auch wenn ich natürlich schon im Vorhinein weiß, dass ich die Zeit auch für etwas nutzen könnte, wovon ich auch tatsächlich etwas hab’.

    Von „365 Days“ habe ich nicht mehr und nicht weniger als einen „Fifty Shades“-Klon erwartet. Und genau das trifft den Nagel gleich in einer Reihe von Szenen, in denen man sogar noch dreister geklaut hat, als ich’s für möglich gehalten hätte, auch tatsächlich auf den Kopf. Gleichzeitig hat die „sexuelle Spannung“ zwischen Massimo (Michele Morrone) und seiner Laura (Anna Maria Sieklucka), die er auf seine ganz eigene Art und Weise zu verführen versucht, kaum noch was mit Anziehung oder Fetisch zu tun.

    Stattdessen schreit praktisch jede zweite Szene laut „Vergewaltigung“ – etwa wenn Massimo Laura, die er nebenbei bemerkt ja auch gegen ihren Willen gefangen hält, gegen die Wand drückt, würgt und damit einfach krass übergriffig wird, ihr gleichzeitig aber auch zu verstehen gibt, dass er doch „nichts mache, wenn sie es nicht wollte“. Und als Laura später in einem Club dann von einem anderen Kerl belästigt wird und Massimo schließlich als Ritter in der schimmernden Rüstung zur Hilfe eilt, soll einem wohl endgültig klargemacht werden, dass unser Gangster-Schönling gar nicht mal so ein schlechter Kerl ist.

    Rape-and-Revenge ist wohl Schnee von gestern, heute lautet die Devise offenbar Rape-and-Romance. Mit Erotik hat das nichts zu tun. Denn auch wenn der Sex letztlich einvernehmlich vonstatten geht, ändert auch die kitschige (und höchst problematische) Romantisierung des Stockholm-Syndroms nichts an der Tatsache, dass Laura in diese Situationen genötigt wird. 

    Während Männer, die einer Frau gerne sagen, wo’s langgeht, und Frauen, die erst gewaltsam überredet werden wollen, um sich schließlich zu verlieben, mit den sexuell aufgeladenen Szenen aber vielleicht sogar ihren Spaß haben könnten, ist die ganze Geschichte – vom esoterisch angehauchten Kennenlernen bis zum Cliffhanger-Finale – einfach nur ganz, ganz großer Mumpitz. Da macht kaum etwas Sinn, sodass einem ohnehin egal ist, wie es denn eigentlich weitergeht.

    Echter Sex in "365 Days"? Michele Morrone klärt auf!

    Es fehlt „365 Days“ also nicht nur an Erotik (dafür reichen zwei hübsche Darsteller noch lange nicht), auch Thrill sucht man vergeblich, was den vermeintlichen Erotik-Thriller als solchen sowieso disqualifiziert.

     

    "Königin": Charakterdrama trotz Porno-Plot

    Ganz anders ist da „Königin“ von May el-Toukhy, deren Erotik-Drama auf dem Papier erst mal ziemlich stark nach Porno klingt: Denn mit der verbotenen Liebe zwischen Anne (Trine Dyrholm) und ihrem Stiefsohn Gustav (Gustav Lindh) bedient der Film immerhin eine der wohl beliebtesten Sex-Fantasien unserer Zeit – zumindest lassen darauf die Statistiken schließen, etwa Pornhubs Deutschlandzahlen für 2019.

    Wer Suchbegriffen wie „Milf“ oder „Stiefmutter“ mit seinem Pornokonsum zu Spitzenplatzierungen verhilft, dürfte mit „Königin“ jedenfalls zwei besonders erregende Stunden verbringen. Dabei braucht es dieses Extra gar nicht, denn:

    „Königin“ ist in erster Linie ein stark geschriebenes und großartig gespieltes Charakterdrama – und obendrein nicht ganz zufällig der dänische Oscar-Kandidat von 2019.

    Die FILMSTARTS-Kritik zu "Königin"

    Die Figuren sind – mit all ihren Bedürfnissen und Ängsten, die ihr Handeln bestimmen – immer glaubhaft, was eben nicht nur am Drehbuch liegt, sondern auch an den wahnsinnig authentischen Darbietungen der beiden Hauptdarsteller. Und genau darauf kommt es letztlich auch einfach an: Denn ob Spannung, Drama oder Erotik – all das funktioniert nur mit glaubhaften Figuren, mit denen man mitfühlt.

    Fazit

    Wenn ihr einen Porno gucken wollt, guckt einen Porno. Aber wenn ihr mehr wollt, euch einem Tabuthema mit einem einfühlsamen, gegen Ende vielleicht auch schwer verdaulichen Film annähern wollt, über den ihr noch lange nach dem Abspann diskutieren könnt, lohnt „Königin“. Der Film ist derzeit als Video-on-Demand verfügbar.* 

    Und ob nun Porno oder Erotik – „365 Days“ könnt ihr euch in jedem Fall sparen. Auch wenn schon zwei Fortsetzungen wohl praktisch in Stein gemeißelt sind...

    "365 Days 2" & "365 Days 3": So geht's weiter

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