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    "Tenet": Was genau ist jetzt eigentlich eine Inversion?
    Von Julius Vietzen — 04.09.2020 um 18:00
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    Inversion, Entropie, umgekehrte Strahlung: In „Tenet“ haut Christopher Nolan seinem Publikum immer wieder Fachbegriffe um die Ohren, während die Köpfe von der verschlungenen Zeitreise-Action ohnehin schon rauchen. Der Versuch einer Erklärung.

    2020 Warner Bros. Entertainment, Inc. All Rights Reserved. / Melinda Sue Gordon

    Christopher Nolan ist bekannt dafür, in seinen Filmen atemberaubende Action und komplexe Themen zu verbinden. Eines seiner Lieblingsthemen ist dabei die Zeit und deren Wahrnehmung – wie auch in seinem neuesten Film „Tenet“.

    Doch anders als bei „Inception“ belässt es Nolan nicht dabei, ein abgefahrenes Science-Fiction-Konzept einzuführen (bei „Inception“ war es die Traumtechnologie), dessen technische bzw. wissenschaftliche Funktionsweise dann aber nicht weiter erklärt wird:

    Bei „Tenet“ führen verschiedene Figuren jede Menge Erklärungen an, die auf den ersten Blick sehr wissenschaftlich erscheinen. Wir haben uns einige der zentralen Begriffe und ihre Verwendung in „Tenet“ genauer angeschaut.

    Inversion

    Die zentrale Mechanik, dank der die Zeitreisen in „Tenet“ möglich sind, nennt sich Inversion. Anders als in bekannten Zeitreisefilmen wird hier nicht von einem Punkt in der Zeit zu einem anderen gesprungen, sondern tatsächlich gereist, indem der Fluss der Zeit für Objekte und Menschen umgedreht wird.

    Möglich werden soll das dadurch, dass die Entropie dieser Menschen und Dinge umgekehrt wird. Aber was genau ist jetzt eigentlich Entropie?

    Entropie

    Wir wollen gar nicht so tun, als würden wir uns mit Themen wie dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik besonders gut auskennen, aber das müssen wir wohl auch nicht.

    Entropie kann den thermodynamischen Zustand eines Systems beschreiben. Unter Entropie versteht man vereinfacht gesagt die Menge an Informationen, die nötig ist, um dieses System richtig beschreiben zu können, oder noch vereinfachter gesagt ein Maß für die Ordnung dieses Systems.

    Ein klassisches Beispiel für Entropie sind Eiswürfel, die beim Zerschmelzen aus der geordneten kristallinen atomaren Struktur in die ungeordnete atomare Struktur einer Wasserpfütze übergehen, wobei die Entropie zunimmt.

    Entropie und Zeit

    Das ist aber alles gar nicht so wichtig, denn Nolan geht es weniger um Thermodynamik oder die Ordnung bzw. Unordnung eines Systems, sondern vor allem darum, dass die Entropie eines Systems zunimmt, wenn Zeit verstreicht (zumindest auf lange Sicht betrachtet nimmt die Entropie im Universum zu). Entropie ist also gewissermaßen ein anderer Begriff für „Zeit vergeht“.

    Denkt man diesen Aspekt weiter, kommt man ganz schnell bei Nolans Interpretation von Entropie in „Tenet“ an: Wenn Entropie vorwärts (bzw. normal) ablaufender Zeit entspricht, dann entspricht umgekehrte Entropie rückwärts ablaufender Zeit.

    Anklänge des thermodynamischen Ursprungs des Begriffs Entropie finden sich in „Tenet“ aber noch in der Tatsache, dass während der Inversion heiß und kalt vertauscht sind: Als der Protagonist (John David Washington) während seiner invertierten Reise in einem explodierenden Auto gefangen ist, verbrennt er trotz der Flammen nicht etwa, sondern droht zu unterkühlen.

    2020 Warner Bros. Entertainment, Inc. All Rights Reserved. / Melinda Sue Gordon
    Während einer Inversion gelten in "Tenet" ganz besondere Regeln.

    Kernspaltung und Strahlung

    Eine Erklärung dafür, wie Inversion möglich sein soll, wird von der Wissenschaftlerin Barbara (Clémence Poésy) ins Spiel gebracht. Sie vermutet, dass die Inversion durch eine Art von Kernspaltung (wie bei einem Kernkraftwerk oder einer Atombombe) und umgekehrte Strahlung möglich ist.

    Gemeint ist hier wohl das, was umgangssprachlich als radioaktive Strahlung bezeichnet wird, also Strahlung, die Elektronen (negativ geladene Teilchen) aus Atomen und Molekülen herauslösen kann.

    Umgekehrte (radioaktive) Strahlung soll dann also vermutlich bedeuten, dass Atome und Moleküle Elektronen hinzugewinnen und dadurch eine negative Ladung bekommen.

    Elektronen und Positronen

    Eine andere (?) mögliche Erklärung wirft Neil (Robert Pattinson) auf, der einen Master in Physik hat (womit wir in der FILMSTARTS-Redaktion nicht dienen können) und ganz nebenbei die Theorien von Richard Feynman und Ernst Carl Gerlach Stückelberg zu Elektronen und Positronen erwähnt.

    Grundsätzlich sind Positronen die (positiv geladenen) Gegenstücke der bereits erwähnten Elektronen. Feynman und Stückelberg zufolge soll ein Positron ein Elektron sein, das rückwärts in der Zeit reist. Die Verbindung zu „Tenet“ ist klar: In der Theorie reisen dieselben Teilchen vorwärts und rückwärts in der Zeit, im Film sind es dieselben Personen.

    Und auch hier pickt sich Nolan wieder einen Aspekt heraus, den er auf die Figuren und die Handlung überträgt: Der Protagonist wird davor gewarnt, während seiner invertierten Reise auf sein nicht-invertiertes Ich zu treffen, denn sonst droht die totale Auslöschung, die Annihilation. Mit diesem Begriff bezeichnet man normalerweise das, was passiert, wenn Teilchen und Antiteilchen (also z.B. Elektron und Positron) aufeinandertreffen.

    "Tenet" ist nicht "Interstellar"

    Spätestens bei der Frage, ob durch so etwas tatsächlich theoretisch der Fluss der Zeit umgedreht werden könnte, sind wir aber endgültig überfordert. Vermutlich ist es das beste, die Erklärungen in „Tenet“ so zu verstehen wie die Erklärungen bei „Star Trek“: als (pseudo-)wissenschaftliche Ausführungen, die gleichermaßen seriös und spannend klingen, aber nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen.

    „Tenet“ ist eben nicht „Interstellar“, in dem die meisten Ereignisse auf (theoretische) Astrophysik zurückzuführen sind, und man kann Nolans neuesten Film zum Glück auch genießen, ohne dass die Erklärungen für die Inversion alle hundertprozentig wissenschaftlich (und hunderprozentig verständlich) sind.

    "Tenet": Das Ende erklärt

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    Kommentare
    • Patricinats
      Naja was sollen die Menschen aus der Zukunft denn sonst machen? Eine Alternative haben sie augenscheinlich nicht um zu überleben. Entweder aufgeben oder sich an den letzten Strohhalm klammern. So unlogisch ist das nicht. Er erklärt das Opa-Paradox auch nicht dadurch, sondern nutzt dieses um die zwei Seiten des Konfliktes zu beleuchten. Was sind denn die großen Fragen die er deiner Meinung nach offen lässt?
    • JHafner
      Bei dem Film gibt es nicht viel zu verstehen, genau das ist ja sein Problem. Der Film versagt darin, dem Zuschauer einen glaubhaften Aha-Effekt zu vermitteln. Schon Nolans Film Inception war in dieser Hinsicht mühsam, aber spätestens beim zweiten Anschauen hatte man ihn kapiert. Wie bei den meisten SF-Filmen wirkt nicht vordergründig die Story, sondern spezielle optische Linien, d.h. Abfolgen von Trickeffekten/Actionszenen, die wie eine Geisterwelt in der realen Welt wirken. Die atemberaubende, philosophisch interessante Matrix-Trilogie hat dies wegweisend zelebriert, auch die Terminatorfilme gehören seit Teil 2 dazu. Marvel-Verfilmungen jedoch sind eigentlich Fantasy-Filme, moderne, plakative Märchen, da erwartet man keine physikalischen Genauigkeiten. Aber Tenet will im unserer aller Realität ansiedeln, und dann gehört dazu wie ich finde auch plausible Technik. Stattdessen erfolgt halbgares Quantenphysikgewäsch. Und das Thema Klimawandel wird bei all den wirren temporären Zangenbewegungen so nebensächlich, dass es nur wie eine kleine Beigabe wirkt für alle, die dem Bösewicht wenigstens ein gutes Motiv anhängen möchten.
    • Nelson
      Du hast den Film dann leider nicht verstanden. Der Protagonist kann nur gegen sich kämpfen, weil er diesen Anzug trägt. Somit berührt er sich nicht direkt.Der Film ist in sich extrem logisch. Menschen fühlen sich angegriffen, wenn sie merken, dass sie etwas nicht verstehen, vor allem, wenn es im Gewand eines Sommerblockbusters daherkommt. David Lynch Filme gucken sich 10 Leute an und die wissen vorher auf was sie sich einlassen.Respekt vor diesem komplexen und logischem Drehbuch. Ich habe den Film dreimal gesehen und alle erzählerischen Stränge passen ineinander.Er vermischt auch keine Therorien. Er lässt sie die Personen ansprechen, weil nunmal keiner weiß was passiert, wenn es sowas wie Beeinflussung der Vergangenheit gäbe. Entsteht dann einfach eine alternative Realität oder nicht? Viel wichtiger ist, dass es im Kern des Films um den Klimawandel geht und das wird dem Zuschauer nicht plakativ ins Gesicht geschlagen. Die Menschen der Zuunft wollen die Menschen der Vergangenheit auslöschen, weil sie für den Niedergang des Planeten verantwortlich sind. Sie glauben auch nicht daran, dass sie sich damit selber auslöschen. Klingt das nicht bekannt, dass selbst wichtige Staatsoberhäupter nicht an wissenschaftlich Eriesenes glauben? Und die Deppen, die nicht an das Coronavirus glauben? Deshalb geht Nolan hier schon fast superrealistisch vor.Aber ich empfehle euch den nächsten Marvelfilm. Den wirst du schon nach 3 Minuten verstanden haben.
    • Tobias D.
      Aus wissenschaftlicher Sicht wäre das natürlich nur gerade mal zur Hälfte richtig. Aber unter dem Aspekt, dass es kurz, knapp und verstämdlich für jeden sein soll, ist das voll in Ordnung. Ich habe mir auf jeden Fall beim Lesen nicht die Hand vors Gesicht geschlagen. Das ist also schon mal ein gutes Zeichen.
    • Darklight ..
      Gib es irgenwas, das hier grade auf FILMSTART geklärt ist, außer vielleicht, daß man After Truth unbedingt im Kino sehen sollte?! Frag' mal Deliah, warum hier nie ge- oder erklärt wird...
    • WhiteNightFalcon
      Ich werd mir die nächsten Tage auch mal ansehen, wie die eine oder andere Konkurrenzseite so ist.
    • WhiteNightFalcon
      Zum letzten Satz: Nicht nur du.
    • Eugen Gense
      Klingt nach einem wirklich nervtötenden film...
    • GamePrince
      Ja hat in letzter Zeit sehr zugenommen.Man sollte härter/konsequenter gegen einzelne User/Trolle vorgehen, statt wie du sagst alles zu schließen, wie du schon richtig schreibst.
    • Larry Lapinsky
      Haben wir vielleicht gar nicht mitbekommen. Ganz ehrlich, ich hätte auch keine Lust, ständig alles auf Trollbeiträge filtern zu müssen. Aber dann kann man's doch mal sagen und muss nicht der breiten Masse vernünftiger Stamm-User vor den Kopf stoßen!
    • Larry Lapinsky
      Wahrscheinlich war es tatsächlich mehr als ein Beitrag in dieser Richtung, und einem Redakteur ist dann einfach der Kragen geplatzt. Kollektivstrafe für eine unartige Schulklasse wegen 2 - 3 schwarzen Schafen ist ja so schön und einfach. Aber mir vermiesen sie mit ihrer zuletzt häufigeren (> Deliah) Unterhöhlung der hier bis Mitte dieses Jahres immer sehr geschätzten Diskussionskultur echt mehr & mehr die Stimmung!!
    • Hubertmitkah
      Nicht nur dass der Film voller Logikfehler strotzt er ist zum Großteil generisch und für das, was er erzählen will langweilig. Man kopiert hier einfach mal The Nightmanager plus Darstellerin und haut einen habgaren Zeitreisethirller da mit rein.
    • Hubertmitkah
      Er hat aber Recht. Normalerweise reicht es mir, wenn der Film in sich logisch ist. Nolan gibt sich aber nciht mal Mühe die großen Fragen zu klären und die Speichellecker feiern ihn trotzdem. Jeder andere Regisseur würde mehr kritisiert werden aber bei Nolan traut man sich nicht. Im Ernst, das Opa Paradox damit zu erklären dass sie es einfach riskieren? Deine Überheblichkeit ist hier fehl am Platz mein Freund.
    • Larry Lapinsky
      Das Schlimmste ist diese Intransparenz. Christoph Petersen kommentiert ja oft auch mit, aber scheinbar nur, wenn das für ihn irgendwie persönlichen Belang hat. Dann ist für ein paar Minuten wieder scheinbar heile Kommunikationswelt. Aber einen interessanten und, soweit ich sehen kann, sachlich geführten Thread einfach so abzuschneiden bzw. das Thema #freeDeliah - dazu wird dezent geschwiegen. Etwa nur weil EIN Nutzer dort einmal einen beleidigenden Kommentar geschrieben hat, den man ja löschen kann? Oder Deliah EINMAL was Dummes gesagt hat?? Das wirkt schon ganz schön willkürlich und/oder selbstherrlich. Ich werde wirklich von Tag zu Tag angepisster!
    • Larry Lapinsky
      Ja, unglaublich! Dabei war das ein interessanter Diskussionsverlauf, zu dem ich auch gerne etwas gesagt hätte, was hier nicht passt. Konnte da auch weit und breit keine Brisanz wittern. Während ich auf diese Inversions-Diskussionen überhaupt keinen Bock habe. Wenn dieser Kindergarten hier so weitergeht ...
    • Julian B
      physik wird hier willkürlich gemischt hier beschwert sich jwmand über den sinn eines science-fiction-film. :-D es ist ein film, da hat die physik nicht zwingend sinn zu machen. schon mal einen marvel-film angeschaut? Viel schlimmer ist die schlechte schauspielöeistung des hauptdarstellers und ďie viel zu schnelle erzählstruktur des films.
    • FilmFan
      In ein paar Jahren wird Nolan häppchenweise Tenet erklären. Bis dahin hilft sicher ein Beruhigungstee ;).
    • isom
      Wobei das immer noch nicht ganz erklärt, warums keine GIFs mehr gibt.
    • JHafner
      Der Film ist wirr, unverständlich und physikalisch unmöglich. Zudem voller WIdersprüche. Einerseits wird erzählt, man lösche sich gegenseitig aus (wie schon im guten, alten Timecop von 1994 zu bewundern), berühre man sein invertiertes Selbst, dann jedoch ringkämpft plötzlich der Protagonist gegen seine invertierte Ausgabe ohne jegliche Folgen. Verschiedene kosmische Modelle der Physik werden hier willkürlich vermischt: Multiversumtheorie und lineare Theorie, alles geht durcheinander. Man schmeisst dem Zuschauer Begriffe hin wie Inversion, Entropie und Positronen und denkt, damit hätte man den Effekten physikalische Genüge getan. Von wegen! Ich denke, es dürfte niemanden geben, der in diesem Film noch irgendwas kapiert. Dagegen sind die Matrix-Trilogie, 2001-Odyssee im Weltraum und der schon anspruchsvolle, geniale Film Predestination wahre Kinderstunde ...
    • Darklight ..
      Wäre es nicht besser, Menschen medienkritisch aufwachsen zu lassen und ihren Verstand gut auszubilden, anstatt später irgendwelche Ansichten (woher auch immer) unterbinden und verbieten zu wollen...?!Ich halte das für sehr gefährlich, denn auch westliche Quellen machen ebenfalls ganz gehörig (und gefährliche) Propaganda...Wo will man anfangen mit dem Verbieten, wo aufhören?!
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