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    Gab es Ratched wirklich? Die wahre, verrückte Geschichte hinter dem Netflix-Serien-Hit
    Von Björn Becher — 30.09.2020 um 18:18
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    Mit der Serie „Ratched“ wird auf Netflix aktuell die Vorgeschichte der vielleicht legendärsten Bösewichtin der Filmgeschichte erzählt. Doch es gibt sogar eine reale Mildred Ratched – zumindest teilweise…

    Netflix

    Seit fast zwei Wochen hält sich „Ratched“ weltweit auf den Spitzenplätzen der internen Netflix-Charts. Die Geschichte einer Krankenschwester mit düsterer Seite, die 1947 ihre Arbeit an einer psychiatrischen Klinik beginnt, ist aktuell der größte Serien-Hit von Netflix – auch in Deutschland.

    Die Meinungen sind dabei geteilt, ob es wirklich eine Erklärung der sadistischen Figur brauchte, die Louise Fletcher einst im Kino-Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ so hervorragend verkörperte, dass sie eigentlich auf keiner Liste legendärer Filmscheusale fehlen darf.

    Doch „Ratched“ hat viele Fans – und einige fragen sich, ob es die Person nicht vielleicht sogar wirklich gab. Wir haben die etwas kompliziertere Antwort.

    Ein CIA-Drogenexperiment als Anfang

    „Ratched“ ist wie gesagt das Prequel zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“. Doch auch mit dem Kino-Meisterwerk, dem unter anderem das seltene Kunststück gelang, alle fünf Hauptpreise bei den Oscars zu gewinnen, fing die Geschichte nicht an. Schon 13 Jahre vor dem Kinofilm erschien der gleichnamige Roman des Aktionskünstlers Ken Kesey, der mittlerweile zurecht zu den Klassikern der Literaturgeschichte gehört. Danach gab es viele Jahre die preisgekrönte Broadway-Theateradaption mit Kirk Douglas, bevor dessen Sohn Michael Douglas dann mit zehn Jahren Verspätung den Film mit Jack Nicholson und Regisseur Milos Forman auf den Weg brachte.

    „Einer flog über das Kuckucksnest“ wurde also als Roman, als Theaterstück und als Film zum gefeierten Meisterwerk – dabei fing alles mit einem CIA-Drogenexperiment an. Denn um an etwas Geld zu kommen, meldete sich Ken Kesey für eine Studie an, für die er sich psychoaktive Drogen einschmeißen musste. Wie sich erst später herausstellte, war er damit Teil eines CIA-Programms namens MKULTRA, das nach Auffliegen für viele Diskussionen und Untersuchungen sorgte und selbst noch heute nicht vollständig aufgeklärt ist.

    Doch was hat ein geheimes CIA-Programm, bei dem es unter anderem darum ging, Gedankenkontrolle zu ermöglichen und ein Wahrheitsserum zu finden, und das auch Filme wie „Shutter Island“ beeinflusste, mit dem Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ und der Netflix-Serie „Ratched“ zu tun? Autor Kesey fand dadurch seine Ratched.

    Ein reales Vorbild des "Ratched"-Erfinders

    Denn die Studie fand in einem Veteranen-Krankenhaus in Menlo Park, Kalifornien statt, wo Kesey bald auch noch einen Nachtjob als Aushilfe in der psychiatrischen Einrichtung der Klinik annahm. Seine Erlebnisse bei dem Drogenexperiment und bei seinem Pfleger-Job inspirierten ihn dazu, „Einer flog über das Kuckucksnest“ zu schreiben – und dort auch viele eigene Erlebnisse zu verarbeiten, so seine Erfahrungen mit einer gewissen Oberschwester.

    So entstand Schwester Ratched, die viele Jahre später vom renommierten American Film Institute hinter Hannibal Lecter, Norman BatesDarth Vader und der Bösen Hexe des Westens auf den fünften Platz einer All-Time-Villain-Bestenliste gewählt werden sollte.

    Keseys Ratched ist dabei keine 1:1-Umsetzung der echten Oberschwester, mit der er zusammenarbeite musste. Aber viele Jahre machte der Autor, der übrigens die Filmversion sein ganzes Leben lang vehement ablehnte (ohne sie gesehen zu haben), immer wieder deutlich, dass die ihre Kontrolle so sadistisch auslebende Ratched auf einer zwar anders heißenden, aber echten Figur basiert, was er erst kurz vor seinem Tod bereute.

    Darum bereute der Autor Ratched

    Kurz vor seinem Tod im Jahr 2001 erzählte Kesey der New York Times, dass er nämlich viele Jahre später, als Buch und Verfilmung bereits Welterfolge waren, die echte Ratched zufällig noch einmal traf. Sie sei auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt: „Erinnerst du dich an mich? Schwester Ratched?“

    Als er bei dieser neuerlichen Begegnung eine Frau sah, die „viel kleiner und vor allem viel menschlicher“ war als in seiner Erinnerung, sei ihm bewusst gewesen, dass er ihre teuflische Zeichnung wohl ziemlich übertrieben hat (vielleicht auch eine Nebenwirkung des vielen Drogenkonsums, den der Autor auch jenseits der bereits erwähnten Studie betrieb).

    Er sei damals ziemlich sprachlos gewesen und habe nicht gewusst, ob er sich entschuldigen müsse. Anschließend sei es aber eine große Erleichterung gewesen, dass sie es ihm wohl nicht übel nahm, die Vorlage für eine ziemlich fiese Filmfigur geliefert zu haben.

    "Ratched" auf Netflix: Die 2. Staffel scheint sicher

    Die Antwort auf die Frage, ob es die Hauptfigur aus der Netflix-Serie „Ratched“ wirklich gab, ist also am Ende nicht ganz so einfach: Es gab ein reales Vorbild, doch Autor Ken Kesey hat sich davon (wohl auch unter Drogeneinfluss) eher unbewusst ziemlich weit entfernt.

    „Ratched“ läuft aktuell auf Netflix, „Einer flog über das Kuckucksnest“ konnte der Streaminganbieter bislang noch nicht passend dazu ins Programm nehmen, den Kino-Klassiker gibt es aber auf DVD, Blu-ray und als Stream zum Kauf u. a. bei Amazon.*

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