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    "Emily in Paris"-Ärger: Klischee olé – aber ist das wirklich so schlimm?
    Von Annemarie Havran — 14.10.2020 um 15:30
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    Wenn man „Emily in Paris“ googelt, scheint es nur ein Thema zu geben: Wie schrecklich und klischeebeladen die Netflix-Serie doch ist und wie sehr sich Franzosen darüber aufregen! FILMSTARTS-Redakteurin Annemarie Havran nimmt das mal unter die Lupe.

    Netflix

    +++ Meinung +++

    Emily, so klappt das nie: Wenn man aktuell die Artikel und Kommentare zur neuen Serie des „Sex And The City“-Erfinders Darren Star in den Medien liest, bekommt man den Eindruck, als habe Netflix mit „Emily in Paris“ ein alle Französinnen und Franzosen tiefbeleidigendes Werk in die Welt gesetzt, das es nun in der Luft zu zerreißen gilt (alternativ kann man auch in High Heels darauf herumtrampeln).

    Während bei den meisten anderen Serien im Internet darüber diskutiert wird, ob eine zweite Staffel kommt, was denn nun dieser und jener Twist bedeutet und welche wichtigen Details man eventuell übersehen haben könnte, geht es bei „Emily in Paris“ (fast) nur um eins: Wie klischeebeladen und schrecklich die Serie doch sei und dass in Frankreich deswegen ein regelrechter Shitstorm aufgezogen ist.

    Auch der Hollywood Reporter hat darüber berichtet und dabei unter anderem die Leser- und Pressekritiken unserer französischen Schwesternseite AlloCiné zu Rate gezogen: Die Serie sei peinlich, lächerlich, vermittle ein völlig falsches Bild von Paris und dessen Einwohnern und so weiter. Trotzdem hat es „Emily in Paris“ aber geschafft, auf AlloCiné einen mittleren Schnitt von 2,8 (von 5) bei den Lesern und 2,9 bei der Presse zu bekommen!

    Zu viel Culture Clash, zu wenig Substanz in der Netflix-Serie

    Persönlich kann ich mich dieser Wertung in etwa anschließen: Nein, „Emily in Paris“ ist nicht wirklich gut, ist weit davon entfernt, das neue „Sex And The City“ zu sein, aber dennoch recht unterhaltsam. Doch nicht die über Frankreich im Allgemeinen und Paris im Besonderen mit vollen Händen ausgeschütteten Klischees sind an der mangelnden Qualität schuld – das Problem ist, dass die Serie NUR davon lebt, statt den Culture Clash lediglich am Auftakt der Staffel als amüsanten Einstieg zu nutzen und sich dann der Story zu widmen.

    Doch im Laufe der zehn Folgen gewinnen weder Handlung noch Figuren an Substanz, stattdessen geht es auch in Folge 8 immer noch darum, wie erschreckend freizügig (ein nackter Mann an seinem hauseigenen Pool! Skandal!) und sexbesessen (eine Mutter interessiert sich in erster Linie für die Leistung ihres 17-jährigen Sohnes im Bett) die Franzosen doch sind.

    Das macht die Serie zwar zu keiner wirklich guten – aber ist sie tatsächlich so schlimm, dass sie all die Aufregung wert ist?

    Kein Werk des Realismus

    Nun ist „Emily in Paris“ ja bei weitem kein Werk des Realismus. Wer in der Darstellung des Disneypark-ähnlichen Paris voller weintrinkender Franzosen mit Baskenmützen und einem weichgezeichneten Eiffelturm im Hintergrund ein Abbild der echten Stadt sowie ihrer Bewohner vermutet, sollte noch mal über das fiktionale Konzept einer RomCom nachdenken.

    Und natürlich ist die Zeichnung der französischen Landsleute übertrieben, teils gemein und manchmal schlichtweg falsch (wie es mit Klischees und der Übertreibung als Stilmittel der Komödie nun mal so ist). Doch wenn Französinnen und Franzosen auf Twitter ihrer Wut freien Lauf lassen oder die Paris-Korrespondentin des New Yorker schreibt, sie hasse diese Serie, komme ich nicht umhin, mich zu fragen (hallo, Carrie!): Warum regt sich niemand über die Darstellung der Amerikaner in „Emily in Paris“ auf?

    Emily (Lily Collins) walzt ja schließlich als wandelndes Klischee einer Amerikanerin durch Paris. Arrogant, ignorant und ohne Sprachkenntnisse, dafür mit einem festgefrorenen Dauerlächeln, kommt sie in der Stadt an, will sofort alles umkrempeln und die „amerikanische Perspektive“ überstülpen, betrachtet ihre Umgebung fast ausschließlich durch den Handy-Bildschirm und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste.

    Netflix
    Selfie-Expertin Emily bei der Arbeit.

    Ganz ehrlich: Ich würde lieber als freigeistig-sarkastische Rotweintrinkerin dargestellt werden denn als hyperfreundliche Kulturbanausin, die alles und jeden in die richtige Perspektive rücken will, nämlich die ihrer Handy-Kamera.

    Franzosen vögeln, Deutsche sind Spaßbremsen

    Jeder kriegt also sein Fett weg in dieser Serie, sogar die Deutschen – die der Serie nach nicht gerade ein freudvolles Völkchen sind. Ein Klischee, das in vielen Culture-Clash-Komödien gerne bemüht wird und an dem ja auch ein Körnchen Wahrheit dran ist, was man spätestens dann bemerkt, wenn man in solchen Momenten eines Films oder Serie ein bisschen schmunzeln muss.

    In Deutschland selbst mögen wir uns nicht so sehen, aber wer jemals mit Menschen aus anderen Ländern oder Kulturkreisen zusammengewohnt oder -gearbeitet hat, wird wissen, dass es eben der Vergleich der jeweils gewohnten Lebensarten untereinander ist, der zu solchen Aussagen führt. Ein Klischee ist also immer in seinem Kontext zu sehen.

    Und der Witz an der Sache ist ja: In „Emily in Paris“ werden Zustände und Menschen eben nicht so dargestellt, wie sie sind, sondern wie sie von anderen gesehen und erwartet werden (und Erwartungen ergehen sich ja meistens nun mal in Klischees). Alleine schon die Erwartungshaltung Emilys amerikanischer Chefin Madeline (Kate Walsh), die den Job wegen einer Schwangerschaft nicht selbst übernehmen konnte, spricht Bände: In Paris genießt man das Leben und schläft am laufenden Band mit jungen Franzosen.

    Wir sehen Emily also durch die Augen ihrer neuen französischen Kolleg*innen als amerikanischen Trampel vom Land, während es Emilys Perspektive ist, die uns Paris als romantischen Sehnsuchtsort zeigt, in dem ein Schoko-Croissant so gut schmeckt, dass man fast einen Geschmacks-Orgasmus davon bekommt. Und in diese überzeichnete Erwartung passt es dann eben so gar nicht rein, dass Menschen auch mal unfreundlich oder direkt sind – Emily nimmt diese Menschen umso negativer wahr, ganz im Sinne des Klischees der unfreundlichen Pariser.

    Emily ist absichtlich nervig

    Und bei all den Beschwerden über die Bewohner von Paris, die Emily mit ihrer neuen Freundin Mindy (Ashley Park) austauscht, scheint sie aber etwas zu vergessen: Abseits des Teams in ihrem neuen Büro, dem sie scheinbar gegen deren Willen von einer übergeordneten Zentrale aufgezwungen wurde,  begegnen ihr viele Menschen sehr freundlich und hilfsbereit – vom Nachbarn Gabriel (Lucas Bravo) über dessen Freundin Camille (Camille Razat) bis hin zum Mode-Erben Mathieu Cadault (Charles Martins).

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    Camille ist sofort nett zu Emily.

    Überhaupt Emily: Ja, über sie kann man sich wirklich sehr gut aufregen, aber das scheint von den Serienmachern auch intendiert zu sein. Emily ist nervig, sie benimmt sich oft genug richtig blöd. Aber ist es nicht gerade der Reiz der Sache, sich zum einen beim Treten in Fettnäpfchen selbst wiederzuerkennen und zum anderen die Schadenfreude zu genießen, dass einfach mal jemand anderes alles falsch macht, während man selbst schön sicher auf dem Sofa sitzt und mit spitzer Zunge urteilen und verurteilen darf?

    Künstliche Krise inmitten der echten Krise

    Nicht umsonst wird „Emily in Paris“ im Internet stark mit dem Begriff „Hate-Watching“ in Verbindung gebracht: Die Leute schauen die Serie, um sich dann darüber aufregen zu können. Das Leid, das man scheinbar empfindet, wenn man sich (freiwillig!) durch alle zehn Folgen durchsuchtet, ist ein köstliches, und die künstliche Krise, zu der man das Ganze dann in den Sozialen Medien hochkocht, eine willkommene Ablenkung von der wahren Krise, die gerade vor unseren Haustüren stattfindet – und zwar sowohl vor den amerikanischen als auch den französischen.

    Dass „Emily in Paris“ trotz oder vielleicht gerade wegen der um die Serie geschürten Kontroverse sehr erfolgreich ist, sieht man übrigens daran, dass sie sich seit ihrem Start in vielen Ländern ganz oben in den Netflix-Top-Ten hält – auch in Frankreich.

    Und apropos (französische) Kollegen: Unsere Kollegen vom Moviepilot haben unseren franzsösichen Kollegen Julien einen Blick auf die Klischees in „Emily in Paris“ werfen lassen. In folgendem Video erfahrt ihr sein Urteil!

    "Emily in Paris": So steht es um Staffel 2 und einen möglichen Dreier zwischen Emily, Camille und Gabriel

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