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    "Barbaren": Warum ich die Netflix-Serie nach einer halben Folge abgebrochen habe
    Von Tobias Mayer — 03.11.2020 um 14:00
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    Auf seinem Weg zur Weltherrschaft setzt Netflix auch auf Serien, die aussehen, als hätte sie ein Algorithmus produziert – so wie die „Historien“-Serie „Barbaren“, die ich nach 27 Minuten gnadenlos wieder ausgemacht habe.

    Netflix

    +++ Meinung +++

    Im Unterschied zu klassischen Fernsehsendern mit klar abgegrenzten Zielgruppen lautet die Zielgruppe für Netflix schlicht: Alle! Der Streamingdienst mit seinen derzeit weltweit fast 200 Millionen Nutzer*innen möchte für jede und jeden was Passendes im Programm haben – egal, ob sie/er in einem Dorf in Peru lebt oder als Drehbuchautor*in im hippen Brooklyn. Der Serien-Katalog ist darum sehr breit aufgestellt:

    Nischenformate wie „BoJack Horseman“, eine Serie über ein sprechendes Pferd im L.A.-Mikrokosmos der Hollywood-Künstler, und massentaugliche Metzelware wie die neue Serie „Barbaren“ sind auf der Plattform nur wenige Klicks bzw. Wischs voneinander entfernt.

    "Barbaren": Wirkt wie vom Netflix-Algorithmus programmiert

    Was die populären Stoffe angeht, wirkt es inzwischen so, als diktiere ein Computerprogramm Plot und Stil. Tatsächlich wertet Netflix die Daten seiner Nutzer in großem Umfang aus – und angesichts der großen Beliebtheit der Wikingerserie „Vikings“, die Netflix eingekauft hat, dürfte es die Computer nicht viel Rechenleistung gekostet haben, eine ähnliche Serie als Eigenproduktion zu empfehlen:

    Macht was mit langhaarigen, aggressiven Männern, die sich für Ruhm und Ehre die Köpfe abhauen. Anstatt Wikinger einfach Barbaren und Römer nehmen, die sind gerade nicht vergeben.

    Es hat folgerichtig auch nicht lange gedauert, bis ich in der Auftaktfolge „Barbaren“ das erste Muster auf meinem persönlichen Metzelserien-Bingo komplettiert hatte: Brüllende Soldaten schlachten sich in Zeitlupe ab, check! Die Bösen marschieren im Dorf der Guten ein, check! Jemand vögelt, check! Es wird pathetisch eine blutige Rache geschworen, BINGO!

    Es war nicht mal eine halbe Stunde rum, schon hatte ich die Lust verloren, schon war ich raus.

    Wenn mir „Barbaren“ in all seiner generischen Aufmachung bis dahin wenigstens trotzdem irgendwie gefallen hätte, wäre ich vielleicht drangeblieben. Aber zum einen klingen die Dialoge schief, weil ich nicht weiß, warum die Schauspieler sie so merkwürdig betonen, zum anderen finde ich es einfach massiv unsympathisch, wie sich das historische Setting rund um die Schlacht im Teutoburger Wald hier zurechtgebogen wird.

    Hübsche Barbaren

    Die Römer sprechen zwar Latein – das aber wohl vor allem deswegen, weil davon auszugehen war, dass nur ein Bruchteil der Zuschauer im Lateinischen fit genug ist, um sie zu verstehen. Beabsichtig war wohl vor allem der Effekt, dass die Römer fremd und snobistisch rüberkommen, gerade in Abgrenzung zu den Germanen.

    Zwar ist „Barbaren“ in der Darstellung der Germanen dahingehend historisch korrekt, dass sie als loser Verbund von Stämmen gezeigt werden, die nur in den Augen der Römer eine Gemeinschaft sind. Dass sie dabei Hochdeutsch sprechen, statt ihre Germanen-Sprachen, wäre mir im Grunde auch egal – aber nicht, wie sauber und hübsch sie sind.

    Ich glaube: Bei Serien wie „Barbaren“ ist das Historische immer nur so lange genehm, wie es keine Zuschauer verschreckt: Gemetzel geht klar, das wollen die Leute, aber ansonsten muss das bitte alles schön sauber sein – weswegen die Germanen in „Barbaren“ trotz ein bisschen Dreck in den Gesichtern so wirken, als hätten sie in ihren Hütten Seife, Spiegel und Rasierer versteckt.

    Die Helden Thusnelda (Jeanne Goursaud) und Folkwin (David Schütter) würde ich außerhalb der Schlachten eher in einer Germanen-Motto-Ausgabe von „Germanys Next Topmodel“ verorten, denn im Jahr 9 n. Chr..

    Ich bin unfair, aber meine Lebenszeit ist halt knapp

    Ich schließe nicht aus, dass „Barbaren“ nach meiner Ausstiegsminute 27 (als ich mein Bingo komplettiert hatte) besser wird. Ich schreibe hier ausschließlich über meinen ersten Eindruck und gehe unfair mit der Serie um, da ich von den sechs Folgen der ersten Staffel nur eine halbe geguckt habe. Andererseits:

    Das Leben ist zu kurz für Serien, die nicht schnell genug zünden. Es gibt zu viel anderes zu schauen.

    Netflix veröffentlicht seit Jahren so dermaßen viele neue Formate, eben weil jede Nische besetzt werden soll, dass ich nicht annähernd hinterherkomme. Kein normaler Mensch schafft das. Aber wenn es so viele gute Alternativen für mich gibt, warum sollte ich dann eine Serie wie „Barbaren“ weiterschauen, die es in der ersten halben Stunde nicht schafft, mich zu überzeugen?

    Das Gute ist so nah

    Wie so viele andere Menschen bin ich Serien-dekadent geworden: Ich gucke halt was Anderes, wenn man mich nicht schnell genug packt. Und gerade Netflix beweist, wie gut deutsche Serien sein können.

    Auf dem Streamingdienst habe ich vor kurzem die Serie „Das letzte Wort“ gesehen – und zwar alle sechs Folgen. Anke Engelke spielt dort eine Trauerrednerin, die frischen Wind bringt in ein Bestattungsinstitut, das so angestaubt wirkt, als hätte dort seit 1970 niemand mehr gelüftet. Die erste Folge ist eine Wundertüte der guten Ideen, sie gibt die Richtung vor. Die ganze Serie ist spleenig, witzig und tieftraurig. Sie ist bestimmt nicht für jeden, aber voll für mich.

    Falls ihr auf Netflix nach weiteren Alternativen zu „Barbaren“ sucht, hat auch meine Kollegin Annemarie einen Tipp für euch:

    Viel besser als "Barbaren": Diese grandiose neue Netflix-Serie hat mich in ihren Bann gezogen!

    Webedia / Sebastian Gerdshikow

    "Barbaren" im Podcast

    Unsere Kolleginnen und Kollegen von Moviepilot diskutieren in der neuen Folge ihres Podcasts Streamgestöber, was ihnen an Barbaren gefällt und was misslungen ist.

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