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    Vergewaltigung im Netflix-Hit "Bridgerton": Was die Serie falsch macht
    Von Björn Becher — 01.01.2021 um 10:00
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    „Bridgerton“ ist der aktuelle Serien-Hit bei Netflix. Das opulente und überbordende Kostümdrama hat eine Vergewaltigungsszene. FILMSTARTS-Redakteur Björn Becher ist der Meinung, dass man sich damit auseinandersetzen muss. Besser als es getan wird!

    Netflix

    +++ Meinung (inklusive Spoiler) +++

    Im Mittelpunkt von „Bridgerton“ steht die Beziehung von Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor) und Simon Basset (Regé-Jean Page). Überraschend früh wird aus beiden bereits im Verlauf der ersten Staffel ein Ehepaar – und der Heirat folgt jede Menge Sex...

    Von Anfang an gibt es in der Beziehung jedoch ein krasses Missverhältnis: Daphne weiß zu Beginn rein gar nichts über Sex, lernt alles erst durch den erfahreneren Simon. Ihre sexuelle Erweckung ist einer der zentralen Themenstränge in „Bridgerton“. Serienchefautor Chris Van Dusen erklärte im Interview mit Decider sogar, dass für ihn der eigentliche Titel der ersten Staffel „Die Ausbildung von Daphne Bridgerton“ ist – im Hinblick auf ihr Lernen über Sex und ihren Körper.

    Die große Lüge von Simon

    Doch die Ehe basiert auf einer großen Lüge. Aus Hass auf seinen Vater hat Simon Basset an dessen Totenbett geschworen, nie Kinder zu zeugen, damit die Familienlinie endet. Daphne verschweigt er nicht nur diesen Schwur, er belügt sie aktiv: Er behauptet, keine Kinder bekommen zu können.

    Um seine Gattin nicht zu schwängern, zieht er seinen Penis immer rechtzeitig vor dem Samenerguss raus. Er nutzt ihre Unerfahrenheit und komplette Unwissenheit aus.

    Doch dann dämmert ihr langsam, dass das mit dem Rausziehen nicht die übliche Praxis ist – und vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Simon keine Kinder bekommen „kann“. Sie dreht den Spieß um – und es kommt zu einer Vergewaltigung.

    Die Vergewaltigung von Simon durch Daphne

    Die sechste Episode über hat das Paar (auch zur Freude des Dienstpersonals) in jeder Ecke des Palasts Sex. In den finalen zehn Minuten ergreift Daphne dann zum ersten Mal die dominante Rolle. Sie setzt sich während des Akts plötzlich auf Simon, der ihren aktiveren Part zuerst sichtlich genießt (Schnitt auf sein freudiges Gesicht), bis ihm dämmert: Nun wird es mit dem Rausziehen aber schwierig (Schnitt auf sein entsetztes Gesicht).

    Mit panisch geöffneten Augen und gleichzeitig in sexueller Erregung bringt er noch wenige Worte raus. Mit „Warte, Warte“ will er Daphne unterbrechen und schüttelt seinen Kopf, bevor es dann aber schon zu spät ist und er seinen Orgasmus hat. Als er ihr Vorwürfe deswegen macht, dreht sie den Spieß um und entlarvt seine Lüge, die von nun an im Zentrum der weiteren Diskussion steht.

    LIAM DANIEL/NETFLIX
    Aus Daphne und Simon wird hier erst noch ein Paar.

    Daphne vergewaltigt hier Simon. Sie setzt den Akt trotz der Ablehnung ihres Mannes fort. Dass dieser anfangs mit dem Sex durchaus einverstanden war und am Ende einen Orgasmus hat, spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Fortsetzung über den Zeitpunkt hinaus, an dem er seine Ablehnung deutlich gemacht hat und vor allem auch das Wissen von Daphne darüber.

    Aus dem bis dahin einvernehmlichen Sex wird nach heutigem Verständnis eine Vergewaltigung. Sie war sich vor allem auch voll bewusst, dass Simon genau das nicht wollte. Sie hat es trotz seiner ihr bekannten, dann auch noch geäußerten Ablehnung getan.

    Dass es im (hier fiktiven und ohnehin durch eine bewusst moderne Brille erzählten) historischen England wahrscheinlich keine Straftat war, spielt für mich keine Rolle. Das ist nur eine Erklärung, warum natürlich juristische Konsequenzen für die fiktive Figur Daphne keine Rolle spielen. Kern des Problems ist vielmehr, dass eine Serie wie „Bridgerton“, die explizit mit dem heutigen Verständnis der Dinge gedacht ist, nicht wirklich zur weiteren Auseinandersetzung einlädt.

    So adressiert die Serie die Vergewaltigung

    Grundsätzlich gibt es ein Problembewusstsein. Das zeigt sich schon in dem diese Folge abschließenden Off-Kommentar der mysteriösen Klatschkolumnistin Lady Whistledown:

    „Verzweifelte Zeiten mögen nach verzweifelten Taten schreien, doch ich wette, dass ihre Taten für viele die Grenzen des Erlaubten überschreiten. Möglicherweise dachte sie, keine Wahl zu haben. Oder sie kennt keine Skrupel. Doch ich frage sie: Kann der Zweck jemals solch schäbige Mittel heiligen?“

    Obwohl sie über ein anderes Thema spricht (eine verschwiegene Schwangerschaft einer anderen Figur) werden ihre Worte durch Bilder von Simon und Daphne untermalt: Simon niedergeschmettert im Bett, Daphne in einer Sitzposition, welche die Chance erhöhen soll, auch wirklich schwanger zu werden. Die Worte sollen sich also für das Publikum auch bzw. sogar vor allem auf Daphnes Tat beziehen.

    LIAM DANIEL/NETFLIX
    Daphne (hier in der der allerersten Folge) soll die Identifikationsfigur für den Zuschauer bleiben.

    Dass ein Zwang vorliegt, war womöglich auch der Person bewusst, die für die Erstellung der englischen Untertitel für hörgeschädigte Menschen zuständig ist. In denen wird der „Zwang“ nämlich sogar angedeutet: „grunting forcefully“ heißt es so in den englischen Untertiteln, als Simon sich dem Samenerguss nähert, was direkt zwar eher auf die Art seines Stöhnens bezogen ist, aber mit dem Wortbestandteil „force“ den Zwang beinhaltet. In die deutschen Untertitel wurde das nicht übernommen. Hier bleibt es bei einem viel simpleren und fast schon banalen „stöhnt“.

    Insgesamt zeigt dies alles, dass die Macher sich des Problems der Szene bewusst waren. Doch sie haben sie scheinbar selbst nicht richtig verstanden und völlig falsch behandelt. Um das genauer zu erklären, müssen wir zunächst noch auf die Buchvorlage eingehen.

    Entschärfung gegenüber der Buchvorlage

    Schon bei der Buchvorlage wird diese Szene teilweise kontrovers diskutiert. Dort ist Daphnes Handeln noch viel problematischer. Sie sorgt nämlich vorher sogar dafür, dass ihr Mann leicht angetrunken ist -  dann nutzt sie zudem aus, dass er schläfrig und damit noch hilfloser ist.

    Chefautor Chris Van Dusen und die für diese Episode verantwortliche Autorin Sarah Dollard sowie das gesamte Team hinter „Bridgerton“ haben Daphnes Handeln also bewusst entschärft. Van Dusen deutet dies im Interview mit Decipher auch zusätzlich an, wenn er verrät, dass man sehr ausführlich im sogenannten Writer's Room über diese Szene diskutiert habe.

    Die Macher verstehen ihre eigene Szene nicht!

    Den Verantwortlichen hinter „Bridgerton“ scheint komplett das Verständnis dafür zu fehlen, dass trotz ihrer Entschärfung Daphnes Tat weiterhin eine Vergewaltigung ist. Es ist keine Tat, die nur für „viele die Grenze des Erlaubten überschreiten mag“, wie es der Off-Kommentar so euphemistisch ausdrückt. Es ist eine Tat, welche nach heutigen Maßstäben die Grenze des Erlaubten überschreitet.

    Das ist per se natürlich kein Problem, schließlich dürfen Serienfiguren amoralisch handeln und sogar schlimmste Verbrechen begehen. Problematisch ist der Umgang damit: In der Serie selbst ist Daphnes Tat schnell vergessen, der komplette weitere Fokus liegt auf Simons vorheriger (auch ziemlich verabscheuungswürdiger) Lüge. Die Lüge ist das Schlimme, ihre Reaktion diente ja nur der Aufdeckung dieser.

    Doch es hätte sich meiner Ansicht nach mit beidem auseinandergesetzt werden müssen. Doch weil Daphne die Hauptfigur, die sympathische Protagonistin von „Bridgerton“ sein soll, wird ihre Tat schnell einfach ausgeblendet.

    Wie wenig Gespür Autor Van Dusen für die Vergewaltigungsszene hat, zeigen seine Äußerungen im bereits erwähnten Interview mit Decipher. Da verharmlost er die Tat als „weiteren Schritt“ in ihrer Entwicklung, in „ihrer Transformation weg von der Frau, die nichts über Sex weiß“. Noch weiter bagatellisierend bezeichnet er die Szene sogar „als integral“ für ihren Lernprozess.

    Das Publikum soll sich eine eigene Meinung bilden – doch funktioniert das?

    Seine Ausführungen zu der Szene schließt er mit folgender Aussage ab: „Ich glaube, es war wichtig für uns, es in den Händen des Publikums zu belassen, mitzunehmen, was sie [von dieser Szene] mitnehmen wollen.“

    Diese Worte sind für mich der eindeutige Beweis, dass er die Gewichtigkeit dieser Szene nicht verstanden hat.

    Man kann es nicht dem Publikum überlassen, dass es entscheidet, ob das jetzt eine Vergewaltigung war oder nicht. Denn das ist ein Fakt! Zudem: Selbst die von ihm gewollte Auseinandersetzung, das „in die Hände des Publikums legen“, klappt nicht wirklich, wobei das System von Netflix da ein wenig mitschuldig ist.

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    Eigentlich lädt der die Episode abschließende Off-Kommentar durchaus dazu ein, über Daphnes Tat zu reden. Doch bei Netflix ticken direkt danach die Sekunden zur nächsten Folge runter – und für viele Zuschauer*innen geht es weiter, ist doch auch „Bridgerton“ eine beliebte Binge-Serie (wie oft ich auf Twitter gelesen habe, dass diese Serie so unglaublich schnell „durchgebingt“ wurde).

    Doch in der Serie wird danach der Fokus komplett auf seine Lüge gelegt. Die nimmt die entscheidende Rolle ein, das Publikum wird in diese Richtung gelenkt. Darüber soll geredet werden.

    Ich bin daher sicher: Viele Zuschauer*innen haben sich wahrscheinlich überhaupt nicht mit Daphnes Tat auseinandergesetzt. Und das finde ich ziemlich fatal...

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