Asia Filmfest 2006
Freitag, 24. September 2004 - 00:09

Allgemein betrachtet, fristet das asiatische Kino trotz aller positiven Entwicklung in jüngerer Vergangenheit noch ein großes Schattendasein. Vor allem die Anzahl der Kinostarts und damit der Filme, die man dort erleben kann, wofür Filme gemacht werden, nämlich auf der großen Leinwand, ist verschwindend gering. Manuel Ewald und Armin Schmidt wollen dem Abhilfe schaffen und so fand vom 31. Oktober bis zum 5. November 2006 nun schon zum dritten Mal das Asia Filmfest in München statt.

Ein Bericht von Björn Becher


In den vergangenen Jahren hat die Popularität des asiatischen Films in Deutschland ungemein zugenommen. Die Ausbreitung des Internets hat DVD-Importe deutlich vereinfacht, im TV zeigen ambitionierte Sender wie 3Sat oder ARTE, aber auch die öffentlich-rechtlichen Hauptkanäle ARD und ZDF immer mal wieder – wenn auch meist zu später Stunde – die ein oder asiatische Produktion (und machen hin und wieder sogar mal kleine Reihen) und auf fast jedem größeren Festival gibt es mittlerweile eine Asia-Sektion. Sogar die von der Fangemeinde so oft verdammten amerikanischen Remakes haben zur Popularitätssteigerung beigetragen. Allgemein betrachtet, fristet das asiatische Kino trotzdem noch ein großes Schattendasein. Vor allem die Anzahl der Kinostarts und damit der Filme, die man dort erleben kann, wofür Filme gemacht werden, nämlich auf der großen Leinwand, ist verschwindend gering. Manuel Ewald und Armin Schmidt wollen dem Abhilfe schaffen und so fand vom 31. Oktober bis zum 5. November 2006 nun schon zum dritten Mal das Asia Filmfest in München statt.



Wie sehr Filme diese Kinoleinwand brauchen, wurde einem dort auch schnell wieder bewusst. Ein Klassiker wie film, der das Widescreenformat nutzt und daher auch braucht, ist auf der Leinwand ein ganz anderes Erlebnis als er es auf dem heimischen TV-Gerät jemals sein kann. Noch stärker profitiert von der Kinoleinwand „Re-Cycle“. Das in Deutschland nur auf DVD erscheinende Abschiedswerk der Pang-Brüder aus Hongkong vor ihrem Wechsel nach Hollywood wäre auf DVD wohl nur ein durchschnittlicher Fantasygrusler, auf der Leinwand ist er dank der opulenten Optik ein Hochgenuss für die Augen. Beide Filme zeigen, dass die Macher ein glückliches Händchen bei der Auswahl bewiesen, was sich auch an dem außergewöhnlichen film, einem Exempel überragender Kreativität, noch einmal darlegen lässt. In bunter Bildpracht, mit viel Humor und Musicaleinlagen wird eine niederschmetternde Geschichte erzählt. Der ungewöhnlichste Spagat zwischen Drama und Komödie, den man sich nur vorstellen kann.



Die Mehrheit der Produktionen war klar überdurchschnittlich. Dass man im Vorfeld bedeutende Filmfestivals wie Cannes und die Berlinale nach den richtigen Produktionen abgesucht hat, erwies sich als Volltreffer. Dazu wurde das Augenmerk größtenteils sehr stark auf Aktualität gelegt. So fanden sich unter den Beiträgen zahlreiche Deutschlandpremieren und sogar einige Europapremieren. Einen Film wie „Hazard“, dem neuesten, größtenteils in New York gedrehten Werk des hoch gelobten Sion Sono („Suicide Club“, film) zeigte man sogar vor dem japanischen Kinostart. Schade, dass gerade „Hazard“ sich dann als einer der wenigen qualitativen Schwachpunkte entpuppte. Zudem wurde hier noch der einzige größere Mängel des Festivals offenbar. Der teilweise Einsatz von digitalen Projektionen ist trotz des dort niedrigeren Eintrittspreises mitunter ein Graus. „Hazard“ flimmerte in miserabler Bildqualität über die hierfür zu große Kinoleinwand des dieses Jahr nur als Nebenplatz genutzten Mathäser Kinos. Zum Glück blieb „Hazard“ in dieser Hinsicht eine von wenigen negativen Ausnahmen, die meisten anderen digitalen Projektionen waren ordentlich, den 35-Millimeter-Kopien können sie natürlich trotzdem nicht das Wasser reichen.



Der Wechsel vom Mathäser Kino zum Gloria Palast als Hauptschauplatz erwies sich als erstklassiger Schachzug. Hier konnte das gesamte Foyer dem Asia-Filmfest-Publikum vorbehalten bleiben. Asiatische Deko, asiatisches Essen, ab Freitag ein großer DVD-Stand etc. luden zum Verweilen ein und so kam schnell mit Gleichgesinnten ein Gedankenaustausch über Stärken und Schwächen des gerade gesehenen Films und die mögliche Qualität der kommenden Programmpunkte zu Stande. Im weitläufigen Mathäser Kino mit seinen vielen Sälen und dem regulären Kinobetrieb dazwischen, wäre dies in diesem Maße eindeutig nicht möglich gewesen.



Mit der Besucheranzahl dürften die Veranstalter größtenteils auch zufrieden sein. Gerade der Eröffnungsfilm film erwies sich als Publikumsmagnet und lockte die Zuschauer nicht nur in Scharen in die erste Vorstellung, sondern auch noch als einzige Wiederholung im regulären Programm in eine zweite Vorstellung. Bei der Wiederholung musste sogar kurzfristig zwei Mal der Film in einen größeren Saal verschoben werden, um für weitere Besucher Platz zu schaffen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Wiederholung mit dem anderen Publikumsmagneten des Festivals zeitlich konkurrierte. Der koreanische Megablockbuster und Festival-Abschlussfilm film, der im ersten Drittel des Jahres 2007 auch regulär in die deutschen Kinos kommen wird, sorgte ebenfalls für ein volles Haus. Die überragenden Vorschusslorbeeren konnte film aber nicht ganz halten. Zwar gelingt es Regisseur Joon-ho Bong (film) pompöses Actionkino mit einer guten Portion Humor und exzellent gesetzten politischen Zwischentönen zu verbinden, in einigen Szenen neigt er aber doch etwas zu stark zur Melodramatik.



Nicht ganz so viele Besucher konnte trotz der prominenten Platzierung am Samstagabend zur Prime Time „Exiled“ ins Kino locken. Beim neuesten Werk von Johnny To blieben doch ein paar Plätze unbesetzt. Das restliche Publikum war dafür umso begeisterter, verblüffte „Exiled“ doch als Geniestreich und Actionkino in einer solchen Perfektion und so voller Style und Coolness, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Als wäre Sam Peckinpah von den Toten auferstanden werden Shootouts zelebriert bis hin zum von film inspirierten Finale. Sowieso hat To hier einen Western abgeliefert, der sich als Gangsterfilm nur tarnt. Das Publikum dankte ihm mit langem und lautem Applaus, die Stimmen im Foyer danach überschlugen sich vor Begeisterung und der deutsche Verleih Kinowelt, der aktuell noch über einen Kinostart nachdenkt, dürfte auf den verteilten Fragebogen zum Film ein sehr positives Feedback finden.



„Exiled“ bildete den Höhepunkt der diesjährigen Retro, die sich dem, trotz aller amerikanischen Angebote, Hongkong treu gebliebenen Regisseur Johnny To widmete. Leider fanden sich im Programm nur Platz für insgesamt fünf Werke, was für eine Retrospektive, zumal bei einem Mann mit einem solchen Output, natürlich sehr wenig ist, aber dem engen Plan bei insgesamt nur fünf vollen Tagen und der verständlichen Konzentration auf Neues geschuldet ist. Bei der Auswahl ging man auf Nummer sicher. Als ältere Werke setzte man auf die drei Filme, die 2000 auf der Berlinale liefen und denen der renommierten Filmkritiker Deltef Kuhlbrodt damals in der TAZ nicht nur attestierte, dass sie eine „Offenbarung“ waren, sondern zum Schwärmen veranlasste: „Man stolperte aus dem Kino und war sich sicher, das eleganteste, modernste Unterhaltungskino der Welt gesehen zu haben.“ Die Rede ist von dem eingangs schon erwähnten film, sowie film und „Where A Good Man Goes“. Dazu gesellten sich die beiden aktuellsten Produktionen Tos, „Election 2“ sowie eben „Exiled“ und man kann die Kuhlbrodt-Aussage ohne Bedenken zumindest auf letztgenannten erweitern. „Election 2“ ist zwar ebenfalls sehr stark, zeigt aber einen anderen, sehr düsteren To, so dass der Begriff „Unterhaltungskino“ verfehlt wäre. Auf dazwischen liegende, auch von Fans sehr unterschiedlich (von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt) aufgenommene Werke wie film, „PTU“ oder „Running On Karma“ wurde verzichtet. Mit „Exiled“ gelang den Organisatoren übrigens ein besonderer Coup. Der Film lief bisher nur im Kino in Hongkong sowie auf den großen Festivals von Venedig und Toronto. Zahlreiche Festivals bemühen sich einer der wenigen Kopien habhaft zu werden. Für die asiatischen Filmfans in Deutschland bedeutete dies, dass „Exiled“ auch nicht mehr an den an das Festival anschließenden zwei Wiederholungstagen in München sowie bei den Vorstellungen einzelner Filme aus dem Programm in Frankfurt (Kinopolis Main Taunus 9.-12.11.) sowie Bonn (Kinopolis Bonn 16. – 19.11.) zu genießen ist.



Zu loben bleibt auch noch die gelungene Bandbreite, die von Arthouse-Drama („Crying Fist“, film, film) über Romantik (film), schräger Komödie („Tokyo Zombie“, film), Martial-Arts (film, Fearless), Dokumentation („The Nine Lives Of Korean Cinema“) und Action („Dragon Squad“) nahezu alle Genres abdeckte. Nur der Horror, für den das asiatische Kino in letzter Zeit so bekannt ist, blieb erstaunlicherweise fast außen vor. Der schon erwähnte „Re-Cycle“ bietet zwar ein paar Genreelemente ist aber eher dem bildgewaltigen Fantasybereich zuzuordnen und so war für die Genrekost neben dem mauen Thai-Splatter „Art Of The Devil 2“ nur Takashi Miike zuständig. Mit seinem „Masters Of Horror“-Beitrag film versteht er es dafür richtig zu schocken, zeigt sich aber einem Miike-unkundigen Publikum mit diesem sowie seinem zweiten Festivalbeitrag, dem artifiziellen Drama film von seiner ganz schwer zugänglichen, aber immens beeindruckenden Seite.



Abgerundet wurde das Festival von ein wenig Rahmenprogramm, neben einer Eröffnungsparty mit DJs sind hier die Veranstaltungen mit Filmemacher, Kritiker und Hörspielmacher Jörg Buttgereit zu nennen, der nicht nur sein Buch „Japan – Die Monsterinsel“ vorstellte, sondern auch zwei seiner Hörspiele präsentierte. In diesem Bereich ist allerdings im nächsten Jahr sicher noch etwas Platz für einen Ausbau, dann steht den Machern auch etwas mehr Raum zur Verfügung. Denn das Asia Filmfest 2007 soll eine Woche dauern. Bleibt also nur zu hoffen, dass Armin Schmidt und Manuel Ewald ihr gutes Händchen bei der Programmauswahl behalten und die asiatischen Regisseure weiter so kreativ bleiben.



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