"The Wire"-Erfinder David Simon in Köln
von Jan Hamm ▪ Montag, 4. Oktober 2010 - 00:00

Im Rahmen der Cologne Conference sprach David Simon, der Mann hinter den Serien "The Wire" und "Treme", über seine Arbeit und sein Werk.


David Simon

Auf seine Lieblingsserie angesprochen antwortet Barack Obama so knapp, wie es sonst kaum eine Frage an sein Amt erlaubt: „The Wire“. Serienschöpfer David Simon nimmt’s gelassen: „Vor anderthalb Jahren hätte ich mich noch darüber gefreut.“ Simon ist nach Deutschland gereist, zur Cologne Conference, um den mit 10.000 Euro dotierten TV-Spielfilm-Preis für seine neue Serie „Treme“ entgegenzunehmen und gleich noch den Pilotfilm vorzustellen. Im Museum für angewandte Kunst in Köln spricht er über den Entstehungsprozess seiner Programme. Dabei wird nicht nur deren enorme Relevanz für das amerikanische Fernsehen transparent – sondern auch, weshalb der mächtigste Mann der Welt seine Lieblingsserie mit Bedacht gewählt hat. Über die Odyssee des „Ulysses“ hat James Joyce ein Portrait Dublins entworfen, hat die Stadt als lebenden Organismus verstanden, in dem soziale, kulturelle und politische Prozesse untrennbar vernetzt sind. Simons Dublin heisst Baltimore. Er kennt die Lebenswirklichkeit dieser Stadt, seit er die lokale Mordkommission journalistisch begleitet hat. Tatsächlich begreift Simon auch sein Serienschaffen als journalistische Arbeit. Und eröffnet damit eine außergewöhnliche Perspektive auf das konfrontative Potential des überwiegend in marktwirtschaftlichen Ketten liegenden TV-Mediums.

„Film ist gleichermaßen Kunstform und Handwerk. Ich beherrsche weder noch“, grinst der Autor einer Serie, die inzwischen von namhaften Kritikern als anspruchsvollste, wenn nicht schlicht beste Arbeit der jüngeren TV-Geschichte gefeiert wird. Sein Impuls sei nie künstlerischer, sondern bereits im zarten Teenager-Alter journalistischer Natur gewesen. Simon erlebte sämtliche Hochs und Tiefs der Profession. Dem „Washington Post“-Triumph von Watergate stand ein desillusionierender Reifeprozess im Schatten des Vietnam-Krieges entgegen: „Mit wachsendem Misstrauen gegenüber all den tendenziösen und auflagengeilen Blättern da draußen ging die Idee zugrunde, die Probleme dieser Welt journalistisch lösen zu können. Von da an wollte ich einfach möglichst ehrliche Geschichten zurück ans Lagerfeuer bringen.“ 1991 veröffentlichte er „Homicide – A Year on the Killing Streets“, ein Buch über seine Erfahrungen innerhalb der Mordkommission der damals rund 500.000 Einwohner starken Stadt Baltimore. Er entdeckte andere narrative Medien als journalistisches Instrument und befreite sich vom Zynismus der Nachrichten-Maschinerie: „Zwei Mordfälle im gleichen Block? Herr Simon, melden Sie sich, wenn es mal eine Nacht lang keine Schießerei gibt – dann haben Sie eine Story!“


Szene aus "Treme"

Das Buch diente als Vorlage der Serie Homicide: Life on the Street“, die von 1993 bis 1999 auf NBC lief. Bis Simon erst mit der sechsteiligen Miniserie „The Corner“ (2000) und später mit fünf Staffeln „The Wire“ (2002-2008) eigene Konzepte in Stellung brachte, musste das Fernsehen selbst einen Wandel durchlaufen. Die Geschichten, die er ans Lagerfeuer der Network-Sender brachte, wurden als zu düster und ambivalent eingestuft und abgelehnt. „Öffentliches Fernsehen in den USA unterliegt einer strikten Regel: Je simpler die Geschichte, desto zufriedener das Publikum, größer die Kaufbereitschaft, lukrativer die Werbedeals. Es ist lächerlich: Wie soll ich von einem verarmten Amerika berichten, dessen Anschlussfähigkeit vom erfolgreichen Amerika strukturell ausgehebelt wird, wenn die Erzählung alle paar Minuten von kommerziellem Bildergewitter zerrissen wird?“ Erst der Aufstieg des unabhängig von Werbekunden programmierenden Pay-TV-Senders HBO in den späten Neunzigern eröffnete Simon die Möglichkeit, seine Wahrnehmung gesellschaftlicher Bruchstellen kompromisslos auf den Schirm zu bringen.

Warum aber dieser steinige Umweg über fiktives Drama auf der Grundlage langjähriger Berufserfahrung? Warum nicht gleich eine Dokumentation? „Lesen Sie „All The Kings Men“ von Robert Penn Warren und sie wissen, was sie über die politische Landschaft der 1930er wissen müssen. Dramatisierende Kunst hat diese Möglichkeit der thematischen Fokussierung und Zuspitzung.“ Daher bezieht Simon den Geltungsanspruch von „The Wire“: „Wir können hier journalistische Warum-Fragen stellen, auf präzise und direkte Weise. Erst haben wir das Polizei- und das Drogen-Milieu umkreist. Als weitere Staffeln bestellt wurden, konnten wir uns sukzessive auf die Politik, das Bildungswesen und die Funktionsweisen der Medienlandschaft verlagern – alles in unmittelbarem Querbezug.“

Bis dieses Konzept auch von Öffentlichkeit und Kritikerschar angenommen wurde, musste Simon hart kämpfen. Nahezu alle großen US-Magazine übergingen die frisch gestartete Serie. Inzwischen sieht das anders aus, vor allem dank einer erfolgreichen DVD-Auswertung. Simon zeigt sich belustigt über die späte und um Auflage bedachte Verehrerschaft: „Vier Staffeln lang hattet ihr nichts zu sagen und auf einmal wollt ihr mich im Profil? Darauf habe ich keine Lust. Ich habe es auch ohne euch geschafft.“ Ja, er hat es geschafft. „The Wire“ gilt als beeindruckend nüchterner Blick auf soziale Macht und Ohnmacht. Der isländische „Best Party“-Politiker Jon Gnarr machte durchaus einen Protestpunkt mit seiner Spaßguerilla, als er nur Kabinettsmitglieder zulassen wollte, die alle Staffeln von „The Wire“ intus haben. Ist Simon ein Pessimist? Er bejaht das. Aber es gäbe da noch eine andere Seite von Amerika. Und deswegen hat er „Treme“ gemacht. Die Serie begleitet Musiker im New Orleans nach der Katrina-Katastrophe.


David Simon im Gespräch

„Die USA glauben fest an drei große Kulturexporte. Bei Demokratie und Baseball hat es schlechter hingehauen, als viele es wahrhaben wollen. Bei der Musik aber passt das. Nur im historisch hochspezifischen ethnischen Biotop Amerika konnten Blues, Jazz und Rock entstehen und den Grundstein für eine weltweite Populärmusik legen. Diese Stadt hatte eine Nahtoderfahrung. Es ist kein patriotisches Miteinander und keine Durchhalteparole, an der sich New Orleans wieder aufrichtet. Es ist die Musik, ein zivilisatorisches Gut mit einer Aussage: Dazu sind wir in der Lage, wenn wir es nicht vermasseln! Es geht nicht um Patentrezepte. Aber diese gesunden Prozesse sind auch Teil amerikanischer Gegenwart.“ Das kam bei HBO immerhin so gut an, dass eine zweite „Treme“-Staffel bereits in Planung ist. Simon ist aus Erfahrung vorsichtig: „Es wären Geschichten und Themenschwerpunkte für fünf Staffeln vorhanden. Wir können nur abwarten und hoffen, dass wir jede Saison einmal mehr verlängern können.“ „Treme“ ist in den Staaten vielbeachtet gestartet und wird bereits nach Europa, voraussichtlich auch nach Deutschland, verkauft. Am Abend, nach dem Gespräch, ist Simon noch bei der Vorführung des Pilotfilms. Von der Anerkennung, die er sichtbar gut gelaunt in Köln erntet, ist er dabei längst nicht mehr abhängig. Auch nicht von der eines amerikanischen Präsidenten.

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