Filmstarts trifft... Rodrigo Cortés ("Buried - Lebend begraben")
von Carsten Baumgardt; Mitarbeit: Annemarie Havran ▪ Mittwoch, 3. November 2010 - 12:00

Wir sprechen mit dem spanischen Independent-Regisseur Rodrigo Cortés über seinen klaustrophobischen Horror-Thriller "Buried - Lebend begraben", der über anderthalb Stunden ausschließlich in einem Sarg spielt.

Von Carsten Baumgardt (Übersetzung: Annemarie Havran)

 

Filmstarts: Es erscheint als enormes Risiko, einen Film 90 Minuten lang ausschließlich in einem Sarg spielen zu lassen. Die Zuschauer haben es aber erstaunlich gut aufgenommen. Wie konntest Du Dir sicher sein, dass das beim Publikum funktionieren würde?

Rodrigo Cortés: Ich wusste es nicht. Ich war wahrscheinlich einfach gedankenlos und ignorant, was immer hilfreich ist, wenn man versucht, etwas Unmögliches zu schaffen. Schließlich sagt einem der gesunde Menschenverstand: So ein Projekt ist eigentlich nicht möglich. Aber hier musste man den gesunden Menschenverstand außen vorlassen. Man durfte nicht logisch an die Sache herangehen. Ich war begeistert, als ich das Drehbuch von Chris Sparling las und ich musste einfach versuchen, das Unmögliche möglich zu machen.

 

Rodrigo Cortés und Ryan Reynolds bei den Dreharbeiten zu "Buried - Lebend begraben".

 

Filmstarts: Wer hatte die Idee, den Handlungsort auf den Sarg zu beschränken? Der Autor?

Rodrigo Cortés: Ja, das war Chris. Er schrieb das Drehbuch und ich habe es lediglich gelesen und umgesetzt. Natürlich hätte man die Geschichte auch konventioneller erzählen können, indem man per Parallelmontage die verschiedenen Handlungsstränge innerhalb und außerhalb des Sargs verknüpft. Aber ich wollte eine physische Erfahrung aus diesem Film machen.

Filmstarts: Hast Du jemals darüber nachgedacht, Teile des Films außerhalb des Sarges spielen zu lassen, beispielsweise am Anfang oder am Ende?

Rodrigo Cortés: Nein, denn das hätte in meinen Augen alles ruiniert. Es hätte die Möglichkeit torpediert, einen einzigartigen Film zu schaffen. Der Reiz für mich bestand darin, etwas zu machen, was noch nie zuvor gemacht wurde. Natürlich ist das beängstigend, aber man darf sich von dieser Angst nicht beeinflussen lassen.

Filmstarts: Hast Du mit einem kleineren Team als sonst gearbeitet?

Rodrigo Cortés: Ja, es war ein kleines Team. Man braucht einfach weniger Menschen als bei einem regulären Dreh. Am Set hatten wir nur ungefähr 15 Leute, das ist eine kleine Crew. Aber es war alles da, was ich brauchte, um die Geschichte umzusetzen.

 

Paul (Ryan Reynolds) erforscht sein neues Zuhause.

 

Filmstarts: Das Budget betrug drei Millionen Dollar. War es schwierig, das Geld bewilligt zu bekommen?

Rodrigo Cortés: Es war sogar noch weniger. Ich weiß die genaue Summe nicht, aber es war irgendwas zwischen zwei und drei Millionen. Das Geld bewilligt zu bekommen war ausgesprochen schwer, aber zum Glück ging es schnell. Wir hatten nur wenig Zeit, alles zu organisieren, aber in der letzten Sekunde hat es mit dem Geld dann doch noch geklappt.

Filmstarts: Ist der Film trotzdem eine Independent-Produktion?

Rodrigo Cortés: Ja, es ist eine Independent-Produktion. Die Finanzierung stammt ausschließlich aus Spanien, es ist keine Co-Produktion. Wir haben in Barcelona mit einer spanischen Crew gedreht. Es war sogar ein sehr kurzer Dreh. Wir hatten nur 17 Tage. Anstatt der sonst üblichen acht bis zehn Aufnahmen pro Tag mussten wir täglich bis zu 35 schaffen. An einem Tag waren es sogar 52.

Filmstarts: Welche besonderen Herausforderungen ergaben sich für den Kameramann Eduard Grau?

Rodrigo Cortés: Man muss sehr tapfer sein und darf keine Angst vor der Dunkelheit haben. Die Bilder müssen eine physische Präsenz ausstrahlen, fast berührbar sein. Im Gegensatz zu anderen Horrorfilmen, in denen Zwielicht herrscht und der Zuschauer die Bedrohung sehen kann, herrscht im Sarg totale Finsternis. Das Publikum ist auf Conroys Wahrnehmung angewiesen. Was dieser hört, hört auch das Publikum. Die einzige Lichtquelle ist ein Feuerzeug. Und das gibt nur wenig Licht.

 

Ryan, Bloody Ryan.


Filmstarts: Lässt sich „Buried“ als minimalistischen Gegenangriff auf die Big-Budget-Produktionen Hollywoods verstehen?

Rodrigo Cortés: Nein, ganz und gar nicht. Das ist kein Wettstreit. Ich habe den Film nie als kleinen experimentellen Kunstfilm gesehen, ich habe ihn immer als großes Kino mit einer großen Geschichte betrachtet. Für mich ist er wie ein „Indiana Jones in der Kiste“.

Filmstarts: Die Story spielt im Irak und es geht um Kidnapping und Erpressung. Warum wurde als Protagonist ein Lastwagenfahrer gewählt und nicht etwa ein US-Soldat?

Rodrigo Cortés: Das hat Chris Sparling so entschieden. So hat er die Geschichte geschrieben und so haben wir sie umgesetzt. Ich denke, es ist eine sehr gute Idee. Conroy ist ein Durchschnittstyp, mit dem man sich leicht identifizieren kann. Er ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und das erweckt beim Zuschauer Verständnis und Mitleid.

Filmstarts: Wie hast Du so einen großen Namen wie Ryan Reynolds dazu bewegen können, in diesem Film mitzuspielen?

Rodrigo Cortés: Auch hier kann ich wieder sagen, dass es nicht einfach war, aber letztendlich doch schnell ging. Ich habe ihm das Drehbuch geschickt und er hat es geliebt. Er sagte, es sei eine der spannendsten und zugleich entsetzlichsten Geschichten, die er je gelesen hätte. Und dann lehnte er dankend ab. Er hielt die Umsetzung des Stoffes für unmöglich. Aber er war weiterhin interessiert und nachdem ich ihn zu einem Gespräch getroffen hatte, bei dem ich ihm meine Ideen schilderte, war er mit an Bord. Für mich war er die ideale Besetzung.

 

Ryan on Fire.

 

Filmstarts: Hat „Buried“ Dir die Tür nach Hollywood geöffnet? Gab es von dort Reaktionen?

Rodrigo Cortés: Man spricht immer von der „Tür Hollywoods“. Es gibt keine! Man kann sich einfach in sein Auto setzen und hinfahren. Hollywood öffnet einem keine Türen. Es ist letztendlich nur ein Ort wie jeder andere. Mein Anspruch ist es, die kreative Kontrolle über mein Werk zu behalten. Ich würde an jedem Ort der Welt drehen, wenn ich diese behalten kann. Hollywood ist nicht das Ultimo. Es ist wichtiger, was man macht als wo man es macht.

Filmstarts: Aber Du würdest ein Angebot aus Hollywood annehmen, wenn ein gutes käme?

Rodrigo Cortés: Ein gutes Angebot beinhaltet für mich eine gute Geschichte, die ich gerne erzählen möchte und auf meine Weise erzählen darf. Und dann ist es egal, ob das Angebot aus Hollywood, Deutschland oder der Türkei stammt. Ich möchte nicht meine kreative Kontrolle verlieren, die ist mir sehr wichtig. Es ist nicht reizvoll für mich, lediglich der Regisseur eines Big-Budget-Projektes zu sein. Denn die kreative Kontrolle gibt mir die Freiheit, einen Film komplett in einem Sarg spielen zu lassen und die Leinwand minutenlang in Dunkelheit zu tauchen. In Hollywood muss man sich stärker an Konventionen halten.

 

"Buried - Lebend begraben" startet am 4. November 2010 in den deutschen Kinos.

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