Zum 40. Geburtstag der „Tatort“-Reihe feiert ein ungewöhnlicher Ermittler seinen Einstand. Ulrich Tukur spielt den eigenwilligen LKA-Beamten Felix Murot. Wir haben uns den neuesten „Tatort“ vorab angeschaut und neben Hauptdarsteller Ulrich Tukur auch dessen Co-Star Barbara Philipp sowie Regisseur Achim von Borries („Was nützt die Liebe in Gedanken“) zum Interview getroffen.

Murots (Ulrich Tukur) ehemaliger Boss (Vadim Glowna) drängt auf ein Einstellen der Ermittlungen. (© HR/Johannes Krieg)
„Das besondere am Hessischen Rundfunk ist, dass im Vergleich zu anderen deutschen Fernsehsendern sehr mutig ist“, begründet Ulrich Tukur seine Entscheidung, einen festen „Tatort“-Job anzunehmen. Das zeigt auch der Blick auf die jüngere Vergangenheit, schließlich wurde auch schon das letzte HR-Kommissar-Duo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) immer wieder mit inszenatorisch außergewöhnlichen, inhaltlich komplexen und emotional abgründigen Fällen konfrontiert. Nach dem Abgang von Sänger / Dellwo nehmen in Hessen nun gleich zwei neue Teams ihre Arbeit auf. Ab 2011 ermitteln Nina Kronjäger und Joachim Krol für den HR in „Eine bessere Welt“ von Lars Kraume („Der frühe Abschied“, „Wo ist Max Gravert?“) als quasi direkte Nachfolger. Dazu kommt Ulrich Tukur als örtlich ungebundener LKA-Ermittler Felix Murot, der unterstützt von seiner Sekretärin Wächter (Barbara Philipp) seine Arbeit bereits am 28. November 2010 aufnimmt. Das Datum ist zugleich ein historisches, denn es ist der 40. Geburtstag der beliebtesten Krimi-Reihe Deutschland. „Wie einst Lilly“ ist ein passendes Geburtstagsgeschenk. Ein „Tatort“, der sich weit von der Masse abhebt – und zwar inhaltlich, inszenatorisch und durch seine Figuren.
Gehirntumor ist die Diagnose, die LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) erhält, als er seine ständigen Kopfschmerzen untersuchen lässt. Doch Zeit, sich mit dem Ding in seinem Kopf, das er von nun an liebevoll „Lilly“ nennt, zu beschäftigen, bleibt nicht. Am mit Nebel verhangenen Edersee muss ein Mord aufgeklärt werden. Ein toter Schmierblattjournalist in einem Ruderboot erregt Murots Aufmerksamkeit wegen der daneben liegenden Waffe, die aus dem Umfeld der RAF stammt. Während die örtlichen Behörden und seine Vorgesetzten den Fall als Selbstmord zu den Akten legen wollen, bohrt der unbequeme und eigensinnige Murot nach. Und wühlt damit einen alten Fall wieder auf, dessen Wahrheit eigentlich nie ans Licht kommen sollte…

Bereit zur Selbstjustiz? Kirsten Vegener (Fritzi Haberlandt). © HR/Johannes Krieg
Mit Ulrich Tukurs Felix Murot präsentiert uns der „Tatort“ zum Jubiläum einen ganz und gar außergewöhnlichen Ermittler. Regisseur Achim von Borries beschreibt ihn als „zutiefst altmodischen Menschen, der sicher in keiner Folge eine Pistole ziehen wird, weil er sie wahrscheinlich auch verkehrt herum halten würde.“ Es fällt auf, wie Murot dem Bild des klassischen Polizisten widerspricht, auf schummrige Visionen mehr hört als auf klare Anweisungen und es auch bei begriffsstutzigen Zeugen vermeidet, statt „LKA“ den verständlichereren Begriff „Polizei“ zur Identifikation zu verwenden: „Er ist einfach nicht mit Leib und Seele Polizist“, so Hauptdarsteller Ulrich Tukur, der die Figur entscheidend mitentwickelt hat. Sie war auch der Grund, warum er sich nach anfänglichem Widerstand („Noch einen Kommissar braucht es nicht, weil das doch eh schon jeder macht.“) schließlich doch für das Projekt begeistern konnte. Aber nur weil „die Figur eine Fallhöhe hat, gefährdet ist, sich aufgrund seines Tumors Dinge einbildet und man so in surreale Welten eintauchen kann“. Und Tukur sieht mit dem Auftakt das Ende noch lange nicht erreicht. Mit einem Verweis auf den britischen Sender BBC, der sich schon vor „20 Jahren Dinge getraut hat, die in Deutschland noch nicht möglich sind“, möchte Tukur „die Tür weiter aufreißen in eine noch viel surrealere Welt“ und verspricht dabei für Murots zweiten Fall schon einmal „eine überraschende Besetzung und einen völlig unerwarteten Regisseur“.
Verstärkt wird das Außergewöhnliche dieser Figur durch eine Inszenierung, die stets eine leichte diffuse Aura um alles legt. Der hessische Edersee, der laut Tukur aussieht wie eine „abgelassene Badewanne“, bietet genau das richtige Setting. Dazu gibt es erstklassig gespielte Nebenfiguren wie eine zwielichtige Schwarze Witwe (Martina Gedeck) oder eine Sekretärin, deren Name „Wächter“ Programm ist und die im Hintergrund des Hauptcharakters agiert, aber auch – wie Darstellerin Barbara Philipp wichtig war - „einen eigenen Charakter hat, den man ausspielen kann“. Dazu famose Schauspieler wie Vadim Glowna („Das Haus der schlafenden Schönen“) als verbitterter Ex-BKA-Chef und Fritzi Haberlandt („Erbsen auf halb 6“) als um Aufklärung bestrebte Tochter eines RAF-Opfers. „Wie einst Lilly“ ist so stark, weil der Krimi so schwer zu fassen ist, er wie aus einer entrückten Zeit zu stammen scheint, die Figuren im Stil der „Nouvelle Vague“ ein wenig over-the-top sind, aber trotzdem das Gesamtbild wie ein moderner Krimi anmutet.

Murot (Ulrich Tukur) ist fasziniert von Jana Maitner (Martina Gedeck). Doch was verbirgt sie? © HR/Johannes Krieg
Dies erreicht Drehbuchautor Christian Jeltsch („Kreutzer kommt...“) auch durch eine brandaktuelle Story, die Berührungspunkte mit dem realen Mordfall „Buback“ aufweist und so brisante Fragen zur jüngeren deutschen Geschichte aufwirft. Auch hier unterscheidet sich „Wie einst Lilly“ klar vom klassischen „Tatort“-Krimi. Hier kann der Zuschauer nicht am Sonntagabend mit dem guten Gewissen, das alle Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, ins Bett gehen. Regisseur Achim von Borries verweist auf die Realität, wenn er sagt, dass „auch diese Geschichten sich wahrscheinlich nicht mehr in Gänze aufklären werden“. Und so liefert er am Ende zwar einige wenige Antworten, aber keine endgültigen Wahrheiten. Nicht umsonst begründet Barbara Philipp ihre Liebe zum „Tatort“ damit, dass dieser ein Forum im Fernsehen sei, „wo noch etwas ausprobiert werden darf und man nicht alles auf den angeblichen Massengeschmack hin abklopfen muss“.
Die Besetzung mit Tukur und Philipp ist sicher kein Zufall, denn beide verbindet eine gemeinsame „Tatort“-Geschichte. In dem ebenfalls herausragenden Fall „Das Böse“ machten sie den vorherigen hessischen Ermittlern das Leben schwer. Er als skrupelloser Banker und sie als drogensüchtige Prostituierte, die sein Treiben deckt, obwohl sie diesem ein frühes Ende setzen könnte.
Der Hessische Rundfunkt hat sich Zeit genommen, als es um die Nachfolge von Schüttauf und Sawatzki ging. Mehrere Kandidaten wurden angefragt, darunter auch Christoph Waltz, der allerdings nach dem Erfolg von Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ nun eine späte Hollywoodkarriere anstrebt. Ein Weg, den vielleicht beinahe auch Tukur eingeschlagen hätte, war er doch ebenfalls als Kandidat für den Part des SS-Colonels Hans Landa im Rennen. Neidisch auf den Kollegen ist er trotzdem nicht. „Ich finde es wunderbar, dass Christoph das gemacht hat, denn er war an einem Punkt, wo er mit seinem Beruf sehr haderte und nicht mehr weiter wusste. Und dann kommt dieses Himmelsgeschenk und er macht jetzt noch einmal eine Bombenfilmkarriere.“ Und auch für uns als Zuschauer ist dies die optimale Lösung: Denn Christoph Waltz war eine Offenbarung als Hans Landa und Ulrich Tukurs Felix Murot setzt mit „Wie einst Lilly“ ein dickes „Tatort“-Ausrufezeichen, dem hoffentlich noch viele weitere folgen werden.
Das Erste zeigt „Wie einst Lilly“ am Sonntag, den 28. November 2010 um 20.15 Uhr. Einen Rückblick auf 40 Jahre „Tatort“ gibt es in unserem großen Special „Die besten Folgen, die kultigsten Ermittler“.