Serienpiloten unter der Lupe: "Lights Out"
von Björn Becher ▪ Mittwoch, 19. Januar 2011 - 00:00

Ob Sylvester Stallone als Rocky Balboa oder Mickey Rourke als Randy "The Ram" in "The Wrestler" – zuletzt gab es im Kino gleich eine Reihe von alten Recken, deren Karrieren ihren Zenit längst überschritten haben. Aber funktioniert eine solche Geschichte auch im Serienformat? Der Männer-Sender FX schickt sich mit "Lights Out" an, diese Frage zu beantworten. Wir haben uns den Piloten angeschaut und können eines sagen: Es sieht verdammt danach aus, als entstehe hier ein Meisterwerk!

Die Zeiten, in denen das Prädikat "Qualitätsserien" ganz eng mit den Pay-TV-Sendern HBO und Showtime verknüpft war, sind abgelaufen. Eine kleine, mit "Boardwalk Empire" nun aber wohl endgültig bewältigte Krise bei HBO, nutzten neue Konkurrenten, um auf den Markt zu drängen. Allen voran AMC, wo mit "Mad Men", "Breaking Bad" und jüngst "The Walking Dead" eine hochwertige Produktion auf die nächste folgt. Daneben spielte sich aber auch die FOX-Tochter FX Networks in den Vordergrund. Mit dem mittlerweile abgegebenen Format "Damages – Im Netz der Macht" zeigten die Senderverantwortlichen bereits frühzeitig, dass man auf unbequeme, erzählerisch herausfordernde Formate setzt. Das bestätigen seitdem sowohl Sitcoms wie "It's Always Sunny in Philadelphia" oder "Louie" als auch Dramen für und über harte Männer ("Sons of Anarchy", "Justified") immer wieder aufs Neue. Mit dem Detektiv-Format "Terriers" gab es nun zwar einen Rückschlag (trotz Kritikerlob musste aufgrund schlechter Quoten nach einer Staffel der Stecker gezogen werden), aber zum Glück hat man mit "Lights Out" gleich den nächsten Pfeil im Köcher: Nach dem Piloten ist klar, dass die Kritiker erneut verzückt sein werden. Jetzt muss nur noch das Publikum mitspielen.

 

Holt McCallany in "Lights Out"

 

Vor fünf Jahren hing Patrick "Lights" Leary (Holt McCallany) nach einer knappen, höchst umstrittenen Niederlage bei einem Weltmeisterschaftskampf seine Boxerkarriere an den Nagel. Nun lebt der Ex-Champ mit seiner Frau (Catherine McCormack) und den drei gemeinsamen Töchtern (Meredith Hagner, Ryann Shane, Lily Pilblad) scheinbar glücklich in einer standesgemäßen Behausung. Doch Unheil braut sich zusammen: Die Boxhalle, die sein kleiner Bruder Johnny (Pablo Schreiber) für ihn managt und in dem ihr Vater (Stacy Keach) junge Talente trainiert, ist ein stetes Minusgeschäft. Der Versuch, Geld in einer Grundstücksspekulation anzulegen, ist schief gelaufen. Zu allem Überfluss sitzt die Steuerbehörde "Lights" und Johnny im Nacken. Eigentlich kann der alternde Recke nicht einmal mehr das Schulgeld für seine Jüngste aufbringen. Und nichts ist frustrierender, als bei Wohltätigkeitsveranstaltungen den Hampelmann zu machen, um ein paar Kröten abzusahnen. Außerdem wird bei Patrick chronisch traumatische Enzephalopathie  diagnostiziert. Die auch Boxer-Syndrom genannte Alzheimer-Erkrankung kann zum kompletten Erinnerungsverlust führen.

 

Beim Blick auf die Credits der Pilotepisode der von Phillip Noyce ("Salt") produzierten Serie fällt auf, dass der 40-Minüter gleich zwei Regisseure listet. Sowohl Clark Johnson als auch Norberto Barba sind aber nicht dafür bekannt, gemeinsam als Duo aufzutreten. Beide sind dennoch Meister ihres Fachs. Johnson hatte die Ehre, die beiden bedeutendsten Episoden von HBOs Serienmeisterwerk "The Wire“ (nämlich den Piloten und das Finale) zu inszenieren. Barba ist ein alter Hase im TV-Geschäft und hat vor allem "Criminal Intent - Verbrechen im Visier" immer wieder Episodenglanzlichter beschert. Der Grund für die doppelte Besetzung des Regiestuhls ist, dass der Pilot bereits 2009 ein erstes Mal (von Johnson) gedreht wurde, FX mit dem Ergebnis aber nicht ganz zufrieden war. Autor Justin Zackham, der nach wie vor als Schöpfer gelistet wird, wurde durch Tony-Preisträger Warren Leight ersetzt, der die Staffel schlussendlich als Chefschreiber betreute. Und da auch gleich drei Hauptdarsteller ausgetauscht und eine Figur umgeschrieben wurden (für genauere Informationen sei hier auf unsere Trivia-Sektion verwiesen), waren rund drei Viertel des Piloten neu zu drehen (was Barba übernahm). Wider Erwarten gereicht genau diese Diversität "Lights Out" zum Vorteil.

 

Catherine McCormack in "Lights Out"

 

Ein Meisterstück ist eine längere Szenenfolge im finalen Drittel der Episode, in der noch mal munter durch die bisherige Handlung gesprungen wird. "Lights" wird in einer Bar provoziert und zum Kampf aufgefordert. Erst ignoriert er die Schmähungen und zieht sich für eine Zigarette zurück. Dann betritt er wieder die Bar. Statt uns zu zeigen, was jetzt passiert, sehen wir ihn kurz darauf im Gespräch mit einer seiner Töchter. Die Hand wird in einer Schale mit Eis gekühlt. Erst einige Zeit später kehrt die Serie an diesen Punkt zurück, als drei Handlungsebenen gleichzeitig aufgelöst werden. Da sehen wir im rhythmischen Wechsel, wie "Lights" den Provokateur aus der Bar verdrischt, bei einem Geldeintreiberjob dem Schuldner einen Arm bricht und mit seiner jüngsten Tochter eine Aussprache über Gewalt im Boxring führt, die ebenfalls zuvor ausgelassen wurde. Dieses Spiel mit Auslassung und späterem Aufgreifen verdichtet das Bild des Protagonisten, der von Holt McCallany glänzend interpretiert wird.

 

Auch sonst hat FX in Sachen Besetzung nicht gekleckert, sondern mächtig geklotzt. Genre-Altstar Stacy Keach ("Mike Hammer", "Prison Break"), Pablo Schreiber ("The Wire", "Happythankyoumoreplease") und die britische Theaterschauspielerin Catherine McCormack ("28 Weeks Later") haben ihr Können in der Vergangenheit bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Auch wenn sie und ihre Figuren im Piloten noch ein wenig im Hintergrund bleiben, darf man davon ausgehen, dass wir an ihnen noch viel Freude haben werden.

 

Es wird viel mit abrupten Blenden und Schnitten gearbeitet. Immer wieder sind Szenen ineinander geschnitten, allen voran der fünf Jahre zurückliegende WM-Kampf, der sich als ständiges Motiv durch den Piloten zieht. Vor allem werden diese Stilmittel genutzt, um nach und nach den Hauptcharakter zu beschreiben und der Figur so Tiefe zu verleihen. Dabei wird der Zuschauer auch mal hinters Licht geführt, was aber so charmant geschieht, dass dieser es nicht nur gerne verzeiht, sondern die zusätzliche Wucht, mit der er die Wahrheit erfährt, zu schätzen weiß.

 

Holt McCallany in "Lights Out"

 

Fazit: Der Pilot von "Lights Out" macht alles richtig. Clever und packend wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der den Halt im Leben verloren hat und ihn nun mit allen Mittel wiederfinden muss. Auch wenn die Nebenfiguren dabei noch etwas kurz kommen, freut man sich auf mehr und giert geradezu nach einer Fortsetzung der Handlung. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Qualität auch bei den Zuschauern herumspricht. Die Quoten für den Piloten waren leider wieder mal sehr enttäuschend…

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Kommentare

  • MasterSchlegger

    hört sich ja echt interessant an

  • HappyTiger

    die ersten beiden folgen waren wirklich großartig. freu mich auf mehr von dieser serie... FX ist wirklich super...

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