Ridley Scott wird am 30. November 2007 stolze 70 Jahre alt. Eine Jahreszahl, die man dem Filmemacher nicht zutrauen würde, dreht er doch unermüdlich kraftvolle und aufwändige Werke, die weit davon entfernt sind, was manch anderer Kreative in diesem reifen Pensionsalter noch so abliefert. Und ungeachtet dessen, was da von Scott noch Großes oder weniger Großes kommen wird, der in South Shields geborene Brite wird auf jeden Fall als einer der bedeutendsten Regisseure in Erinnerung bleiben, hat er d
von Björn Becher
Ridley Scott wird am 30. November 2007 stolze 70 Jahre alt. Eine Jahreszahl, die man dem Filmemacher nicht zutrauen würde, dreht er doch unermüdlich kraftvolle und aufwändige Werke, die weit davon entfernt sind, was manch anderer Kreative in diesem reifen Pensionsalter noch so abliefert. Und ungeachtet dessen, was da von Scott noch Großes oder weniger Großes kommen wird, der in South Shields geborene Brite wird auf jeden Fall als einer der bedeutendsten Regisseure in Erinnerung bleiben, hat er doch einige Werke geschaffen, die jetzt schon zu den Top-Klassikern gehören. Dabei war seine Karriere keine einfache. Von Licht und Schatten geprägt, stand sie auch schon einmal vor dem Ende.
Bereits der Einstieg ins Filmgeschäft war für Scott kein leichter Weg. Mit dem Kurzfilm „Der Junge und das Fahrrad“ mit seinem Bruder Tony Scott (Regisseur von
Top Gun,
True Romance,
Déjà Vu) in der Hauptrolle gelang ihm mit 28 Jahren schon eine eindrucksvolle Arbeitsprobe, die ihn aber noch nicht ins Filmbusiness katapultieren sollte. Scott stieg erst einmal „nur“ beim britischen TV-Sender BBC auf, wo er als Set-Designer arbeitete. Er durfte Episoden von TV-Serien drehen und schaffte es schließlich, sich als Werbefilmer selbstständig zu machen und dabei schnell in der Branche einen großen Namen zu erlangen. Doch während er zahlreiche (es dürften Hunderte sein) innovative Werbespots drehte, wollte er nach wie vor einen Spielfilm machen. Mehrere Anläufe startete er, doch alle scheiterten. Scott gab nicht auf. Er wusste, dass sein Debüt vor allem kostengünstig sein müsste. So suchte er bewusst nach einer älteren literarischen Vorlage, an der niemand die Rechte hielt und die mit recht wenigen Schauspielern zu realisieren war. Schließlich fiel ihm die Vorlage zu
Die Duellisten in die Hände, sein Debütwerk stand endlich bevor. Noch einige Widerstände mit Produzenten ausgeräumt, improvisiert beim Drehen, gerade einmal ein Budget von 900.000 Dollar zur Verfügung und plötzlich gab es einen neuen Star am Regie-Himmel.
An den Kinokassen spielte der Historienfilm rund um zwei Männer, die sich während der Napoleonischen Kriege immer und immer wieder duellieren ohne einen Sieger zu finden, zwar überhaupt keine Rolle, doch in der Branche war seine Wirkung ungleich größer. Vor allem Produzenten und andere Filmemacher waren begeistert von dem dichten Drama und dessen eindrucksvoller Optik. Die englische Regieentdeckung wurde hofiert und bekam schnell ein hoffnungsvolles Objekt angeboten. Nur zwei Jahre später folgte
Alien (1979), ein klaustrophobischer Sci-Fi-Horror-Film mit Sigourney Weaver, der Scott aufgrund seiner Fähigkeiten in der Bildgestaltung angetragen wurde. Es wurde nicht nur ein genreprägender Film, sondern mit dem sechsfachen Einspiel seiner Kosten auch Scotts erster Hit. Doch er erfuhr etwas, was ihm in den der folgenden Zeit öfters zusetzen sollte: In Hollywood hat nicht der Regisseur, sondern der Produzent des Studios das letzte Wort. Erst 2003 konnte Scott „Alien“ im „Director’s Cut“ veröffentlichen, nichtsdestotrotz wurde schon die Kinoversion ein Klassiker. Ein weiterer, auch hier erst einmal nicht ganz in der Version, die der Vision von Scott entsprach, folgte zugleich. Nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick entstand 1982
Blade Runner, ein düster Sci-Fi-Film mit Harrison Ford, der von der Kritik zwar zu Beginn nicht ganz so wohlwollend aufgenommen wurde, aber schnell zum Kultfilm avancierte.
Nach dem steilen Aufstieg folgte aber das erste Tief. Nach Science Fiction wagte Scott den nahe liegenden Schritt zur Fantasy, doch „Legende“ (1985) mit Tom Cruise in der Hauptrolle floppte an den Kinokassen und bekam ordentlich Schelte von der Kritik. Schuld daran war nicht nur Scott. Seine ursprüngliche Version musste er nach Testvorführungen selbst radikal zusammenkürzen, die Musik und das Finale verändern. In Europa konnte er wenigstens die Originalmusik und die inhaltliche Richtung des ursprünglichen Endes durchsetzen, musste aber auch extreme Kürzungen vornehmen. Sein folgender Versuch mit dem Gegenwarts-Thriller
Der Mann im Hintergrund (1987) neue Pfade zu gehen, scheiterte ebenfalls. Auch wenn die alte Bildkraft noch da war, fehlte die packende Story. Mit einem weiteren Thriller,
Black Rain (1989), gelang ihm wenigstens ein wenig Rehabilitation: ordentliches Einspiel in den USA und dank der Starpower von Hauptdarsteller Michael Douglas ein gutes Ergebnis in Deutschland. Der Befreiungsschlag kam aber erst mit
Thelma And Louise (1991). Das Road Movie mit Susan Sarandon und Geena Davis spielte in den USA rund das Dreifache seiner Kosten ein und brachte Regisseur Scott seine erste Oscarnominierung ein. Der Karriereknick schien überwunden, man traute ihm wieder größere Projekte zu. Doch ein neues Tief folgte sogleich.
Scotts Rückkehr in den Regieolymp sollte das gigantische Epos
1492 - Die Eroberung des Paradieses werden. Doch der verschwenderische Film um die Entdeckung Amerikas wurde zum Flop. Der Regisseur verteidigte sich zwar damit, dass seine Vorstellung völlig verstümmelt worden wäre, doch vor allem den Vorwurf der Schönfärbung seiner Hauptfigur konnte er damit nicht ausräumen. Er bekam trotzdem eine zweite Chance und nutze sie nicht. Das ebenfalls auf historischen Ereignissen beruhende Segelschulschiff-Drama
White Squall (1996) floppte ähnlich dramatisch. Auch die dritte Gelegenheit nutzte Scott nicht für ein erneutes Comeback. Der Soldatinnenfilm
Die Akte Jane (1997) schrieb zwar keine roten Zahlen, wurde aber ein rotes Tuch bei den Kritikern. Dass DreamWorks und Universal ihm trotzdem die Regie für
Gladiator (2000) antrugen und zudem noch ein Budget von rund 100 Millionen Dollar zur Verfügung stellten, sorgte in der Branche für ungläubiges Kopfschütteln. Ein totes Genre mit einem Regisseur dessen Karriere dem Ende entgegen geht: Die Megabauchlandung schien vorprogrammiert und wurde, begleitet von reichlich Häme, in den einschlägigen Fachzeitschriften prognostiziert. Doch das Gegenteil trat ein. Der Sandalenfilm mit Russell Crowe sorgte für volle Kinosäle, gewann fünf Oscars und brachte seinem Regisseur die zweite Nominierung ein und den guten Ruf zurück. Erst von da an ging Scotts Karriere leichter, vor allem da er mit den Literaturverfilmungen
Hannibal und
Black Hawk Down (beide 2001) zwei weitere Kassenschlager nachlegte. Bei letzterem schadete es Scott auch nicht, dass ihn teilweise ähnliche Kritik wie bei „Die Akte Jane“ traf und man ihm vorwarf, die Intention der brillanten Vorlage von Mark Bowden ins Gegenteil zu verkehren. Deutschland sah „Black Hawk Down“ (für den Scott übrigens die dritte Oscarnominierung bekam) übrigens größtenteils mit Verspätung. Bekamen ihn Ende August 2001 schon einige Kinobesucher als Sneak Preview zu Gesicht, wurde sein eigentlicher Kinostart Anfang September kurzfristig gestrichen. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 zog der deutsche Verleih das Werk als „aktuell unpassend“ zurück und brachte ihn erst über ein Jahr später in die Kinos.
Scott nutzte derweil aus, dass er nun machen konnte, was er will. Mal eine kleine Thriller-Komödie im Vorbeigehen (
Tricks, 2003), dann noch einmal ein gigantisches Historienepos (
Königreich der Himmel, 2005) und nebenher, mit seiner Tochter gemeinsam, einen Beitrag für eine politische Kurzfilmsammlung (
Alle Kinder dieser Welt, 2005) sowie schließlich in der zweiten Zusammenarbeit mit seinem Lieblingsdarsteller Russell Crowe das Romantik-Drama
Ein gutes Jahr (2006). Glaubt man hier nun einen typischen Altersfilms vor sich zu haben, wird dieser müde Eindruck mit dem nächsten Paukenschlag
American Gangster mühelos hinweggewischt. Das furiose Gangster-Drama begeistert Publikum wie Kritik und wird zu Scotts drittgrößtem kommerziellen Erfolg (nach „Gladiator“ und „Hannibal“).
Auch ein Ausblick in die Zukunft zeigt, dass Ridley Scott mit 70 Jahren noch lange nicht ans Aufhören oder auf das Zurückziehen auf kleine Alt-Herren-Schinken denkt. In den nächsten Jahren erwartet uns der politische (
Body Of Lies mit Russell Crowe und Leonardo DiCaprio) und der historische (
Nottingham erneut mit Russell Crowe) Filmemacher. Zudem will er noch einen Horror-Western (
Blood Meridian) drehen. Ans Aufhören ist bei Ridley Scott, der nebenbei mit seinem Bruder Tony auch noch die TV-Serie
Numb3rs, Mikael Salomons starke Mini-Serie über die CIA „The Company“ sowie diverse Kinofilme anderer Regisseure produziert hat, wohl noch lange nicht zu denken.
Die Filme von Ridley Scott bei FILMSTARTS.de:
film
Historien-Drama, Großbritannien 1977
film
Science-Fiction-Horror, Großbritannien / USA 1979
film
Science-Fiction, USA 1982
film
Romantik-Thriller, USA 1987
film
Action-Thriller, USA 1989
film
Road-Movie-Drama, USA 1991
film
Historien-Abenteuer, Frankreich/Großbritannien/Spanien/USA 1992
film
Abenteuer-Drama, USA 1996
film
Action-Drama, USA 1997
film
Historien-Action, USA / Großbritannien 2000
film
Psycho-Thriller, USA / Großbritannien 2001
film
Kriegsfilm, USA 2001
film
Gauner-Komödie, USA 2003
film
Historien-Drama, Marokko/USA 2005
film
Episoden-Drama, Italien 2005
film
Romantische Liebeskomödie, USA 2006
film
Crime-Drama, USA 2007
coming soon:
film
Drama, USA 2008
film
Historien-Drama, USA 2009