von Björn Becher
In seinem dokumentarischen Road-Movie „
Porno Unplugged“ begleitet Fabian Burstein drei Größen des österreichischen Pornobusiness mit der Kamera. Mick Blue und Renée Pornero, die sich sowohl vor als auch hinter der Kamera einen Namen in der Branche gemacht haben, und Thomas Janisch, den Boss des Erotikkonzerns ÖKM. Am Rande des Pornfilmfestivals Berlin sprach Filmstarts mit dem Regisseur.
Filmstarts: Wie kommt man darauf einen Dokumentarfilm gerade über Pornos zu drehen?
Fabian Burstein: Angefangen hat alles vor rund vier Jahren. Für das österreichische Filmmagazin
RAY sollte ich ein Dossier schreiben und der Frage nachgehen, ob es überhaupt so etwas wie eine österreichische Pornoindustrie gibt. Nachdem ich in die Thematik eingetaucht bin, habe ich schnell gemerkt, dass diese ein Reservoir für eine viel umfangreichere Geschichte bietet. Ich bin dann mit dem Anliegen, einen Dokumentarfilm über diese drei Menschen zu drehen, zu einer Produktionsfirma und die haben wider Erwarten sofort „Ja“ gesagt. Damit hat das Projekt dann eine ganze eigene Dynamik bekommen. Wenn man weiß, die produzieren das jetzt, dann passiert auch was.
Filmstarts: Gab es während der Arbeiten einen Zeitpunkt, an dem Du ans Aussteigen dachtest?
Fabian Burstein: Diese Frage hat sich durch den abrupten Einstieg in die Geschichte nie gestellt. Das Pornogeschäft ist eine sehr mobile, transnationale Branche und wir wurden dadurch in den Drehstart quasi rein gestoßen. Mick Blue hat angerufen, dass er in Budapest eine Szene für eine eigene Produktion dreht und wir da mitkönnten. Und Budapest ist recht hart. Da ereignen sich dann Sachen - die Szenen sind ja auch im Film - da schluckt man schon mal und bekommt es auch mit der Angst zu tun. Aber wenn man im Osten mit dem härtesten Teil der Industrie einsteigt, dann hat dies den Vorteil, dass es danach immer einfacher wird.
„Porno Unplugged“-Regisseur Fabian Burstein.
Filmstarts: Gewaltpornos spielen eine immer größere Rolle im Business. Kamst Du bei den Arbeiten an „Porno Unplugged“ auch mit solchen Drehs in Berührung?
Fabian Burstein: Wenn man ein solches Projekt in Angriff nimmt, muss man sich selbst auch Grenzen ziehen. Und daher habe ich von Anfang an gesagt, dass ich nicht auf Sets möchte, auf denen derbe Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird. Denn auch wenn eine solche Szene abgesprochen ist und die Frau dafür bezahlt wird, sagt einem der eigene Ethos, dass man hier eigentlich einschreiten sollte. Nur: Dann würde man vom Set fliegen. Daher haben wir diesen Aspekt der Gewalt nicht live eingefangen, sondern zum Beispiel im Gespräch mit Renée Pornero, die ja auch aus einer sehr harten Ecke kommt, reflektiert. Wenn man weiß, in was für Filmen Renée mitgespielt hat und dann von ihr das Feedback bekommt, dass sie beim Dreh in Tränen ausgebrochen ist, kann man sich ungefähr vorstellen, wie extrem die Gewalt in einem solchen Film hochgedreht wurde. Das ist schockierend. Und solch einen Moment dann herauszunehmen und unkommentiert zu lassen, finde ich ganz wichtig. Denn man macht den Effekt kaputt, wenn man dann noch mit erhobenem Zeigefinger darauf hinweist, wie schlimm das alles ist. Die Erkenntnis aus solchen Szenen muss der Zuschauer schon selbst gewinnen.
Filmstarts: Dein Film fokussiert sich zwar auf drei Personen, doch genau betrachtet gibt es fünf Gesprächspartner, darunter auch den Pornojäger Martin Humer. Was hat Dich bewogen, diese umstrittene Figur vor die Kamera zu holen?
Fabian Burstein: Selbst so ein kleines Land wie Österreich besitzt eine Pornoindustrie und dieser Umstand diente mir als Klammer für den Film. Und auch Martin Humer, so paradox das jetzt klingt, ist ein Teil dieser Industrie. Über zwei Jahrzehnte lang war er ein radikaler, destruktiver Feind der Pornobranche – und zwar nicht nur auf der argumentativen Ebene, schließlich hat er auch schwere Sachbeschädigungen begangen. Dabei war es gar nicht so einfach ihn reinzunehmen, weil er sich mittlerweile komplett zurückgezogen hat und sehr medienscheu ist. Die Aussagen im Film sind nun quasi sein Vermächtnis. Ich fand es auch sehr interessant, ihn mal solo zu zeigen. Man hat Humer zwar schon oft in Diskussionsrunden gesehen, aber da sagt er dann ein paar Sätze und die Leute gehen an die Decke. Da wird dann sofort angefangen zu schreien. Mir war es daher wichtig, ihn einfach mal nur hinzusetzen und sich selbst und seinen Gedanken zu überlassen. Das ist zwar ein schräges Experiment, aber es hat sich bewährt.
Filmstarts: Dabei sind die Szenen aber durch ihre Inszenierung deutlich hervorgehoben. Sie sind in schwarz-weiß gehalten und streckenweise sitzt Martin Humer vor einer Art Reliquienschrank. Wie kam es dazu?
Fabian Burstein: Die Szenen sind weniger inszeniert als man denken könnte. In seiner Wohnung gibt es nämlich eigentlich nur zwei Orte, an denen man drehen konnte: sein Schreibtisch und sein Esszimmer. Die übrige Wohnung ist voller Akten, Flugblätter, etc. Und an seinem Esstisch sieht es nun mal einfach so aus. Wir haben da kein einziges Detail hinzugefügt.
Filmstarts: Einer weitere Person, die mehrfach vor der Kamera zu sehen ist, ist die Mutter von Mick Blue. Wie kam es zu dem Treffen und gab es Probleme damit, sie zum Mitmachen zu überreden?
Fabian Burstein: Es freut mich persönlich besonders, dass dieses Treffen zustande gekommen ist. In vielen anderen Dokumentationen zum Thema Porno heißt es von den Darstellern immer, dass es für die Familie kein Problem sei, dass man diesen Beruf ergriffen habe. Aber die Familie hört man nie, denn es stimmt meistens einfach nicht. Der Umstand, dass Mick Blues Mutter bereit war, mitzumachen, ist daher eine Art kleine Revolution. Ich kenne niemand sonst, dem das gelungen ist. Das ist auch insofern bemerkenswert, als dass Graz ja eine eher kleine Stadt ist und sowas auch soziale Folgen nach sich zieht. Ich habe Mick schon sehr lange gekannt, bevor ich ihn das erste Mal darauf angesprochen habe. Das hat dann auch nur funktioniert, weil er gemerkt hat, dass ich wirklich an seiner Geschichte interessiert bin und ihn nicht irgendwie hereinlegen will. Er hat dann den Kontakt zu seiner Mutter hergestellt. Ich habe mit ihr lange Gespräche geführt und irgendwann hat sie dann gesagt: „Lass es uns machen.“
Szene aus „Porno Unplugged”
Filmstarts: Ich habe vorhin von fünf Leuten gesprochen, die eine wichtige Rolle vor der Kamera spielen, aber das stimmt nicht ganz, denn es sind ja eigentlich sechs. Du selbst bist ja auch immer wieder zu sehen?
Fabian Burstein: Das war eine bewusste Entscheidung, die einen simplen Grund hat. Ich mag diese moralinsauren Filme nicht, in denen jemand aus dem Off seine Überlegenheit demonstriert. Ich stelle mich nicht über meine Protagonisten, ich demonstriere vielmehr einen Selbstversuch, der zeigt, was einem Normalo wie mir passiert, wenn er plötzlich ins Pornobusiness geworfen wird. Es haben sich auch Leute echauffiert, dass es distanzlos sei, wenn ich da auf der Pornomesse etwas verschämt mittendrin stehe. Aber ich kann euch garantieren, dass das jedem genauso passieren würde, wenn er da reingespült wird. Ich gehe da rein und plötzlich schubst mich Mick mitten ins Geschehen. Er geht etwa zu einer Darstellerin, flüstert ihr etwas ins Ohr und beim Fotoshooting drückt sie mir plötzlich ihre Brüste ins Gesicht. Mir war klar, dass so etwas auch gegen mich verwendet werden kann, aber das habe ich bewusst in Kauf genommen. Filme, bei denen die Moral gleich mitgeliefert wird, nerven mich eben. In Österreich wurde mir massiv vorgeworfen, dass ich ja Sympathien für die Menschen hegen würde, über die ich berichte. Aber das ist doch normal, wenn man so lange mit ihnen unterwegs ist. Für mich hat Filmemachen auch etwas mit Liebe und Respekt gegenüber den Geschichten und Menschen zu tun.
Filmstarts: Eine wichtige Rolle nimmt auch der Soundtrack ein, der im Film sehr dominant ist und der Special-Edition-DVD sogar als Bonus-CD beiliegt. Was kannst Du uns dazu erzählen?
Fabian Burstein: Ich wäre früher gern selbst Musiker geworden, deshalb interessiert mich dieses Thema sehr. Den haptischen Soundtrack, auf dem leider zwei Stücke von „Die Sterne“ und „Naked Lunch“ aus vielfältigen Gründen fehlen, hätte man natürlich nicht machen müssen, aber es freut mich natürlich sehr, dass es trotzdem gelungen ist. Die Dreingabe der Bonus-CD ist ein – für uns übrigens durchaus kostspieliges – Geschenk an den Zuschauer. Gerade in Zeiten, in der sich jeder alles aus dem Internet saugt, finde ich es gut, wenn sich jemand tatsächlich noch eine richtige DVD kauft – und für mich ist es dann eben ein „friendly act“, wenn man ihm noch etwas dreingibt, mit dem er sich über den Film hinaus beschäftigen kann.