Von Carsten Baumgardt
In „
Avatar - Aufbruch nach Pandora“ verkörpert
Stephen Lang einen muskelbepackten General, der jeden Befehl anstandslos ausführt und voll auf Krawall gebürstet ist. Dabei begann Stephen Langs Karriere nicht wie die von
Arnold Schwarzenegger in einer Mucki-Bude, sondern auf der Theaterbühne. Filmstarts traf den wandlungsfähigen Schauspieler („
Public Enemies“, „
Männer die auf Ziegen starren“) zum Gespräch in Berlin.
Filmstarts: Hast es Dir Spaß gemacht, einen richtig fiesen Bösewicht wie Colonel Quaritch zu verkörpern?
Stephen Lang: Oh, ja! Der Kerl ist extrem speziell: sehr cool, sehr trocken und sehr ironisch. Solch ein intelligenter Charakter ist eine schöne Herausforderung. Es gibt nur wenige Charaktere, die von Grund auf schlecht sind, also eine Art Richard-III-Syndrom haben. Aber darum geht es bei Quaritch nicht. Er ist ein missionsorientierter Mann, der nur das tut, wozu er beauftragt wurde. Er ist von ganzem Herzen ein Krieger.
Stephen Lang und Sam Worthington in „Avatar“.
Filmstarts: Wie verlief das Casting? Bei einigen Deiner Kollegen wurde in der Besetzungsphase ein großes Geheimnis aus dem Projekt gemacht?
Stephen Lang: Ich habe in New York ein Ein-Mann-Stück auf der Bühne gespielt, das ich auch selbst geschrieben habe. Dort habe ich acht Militär-Charaktere aus dem Zweiten Weltkrieg, dem Korea- und dem Vietnam-Krieg porträtiert. Dieses Militär-Sujet interessiert mich wahnsinnig. James Camerons Castingchefin Margie Simkins sah ein Plakat des Stücks, auf dem ein sehr machohaftes Foto von mir prangte. Daraufhin riefen sie mich an und fragten, ob ich das Drehbuch lesen würde. Ich unterschrieb eine Verschwiegenheitsklausel und durfte anschließend loslegen. Ich war sofort ergriffen von der Geschichte und begeistert von meinem Part. Ich habe schnell verstanden, warum sie mir das Skript geschickt hatten. Anschließend führte ich ein langes Telefongespräch mit Cameron über die Rolle und wir waren uns einig, was wir mit dem Charakter Quaritch anfangen wollten. Dann gab es ein Treffen in Kalifornien, wo wir den Kontakt vertieft haben. Nach einigen Improvisationen war dann klar, dass ich die Rolle bekomme. Tatsächlich war das ein erstaunlich einfacher Prozess für mich. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, um das Richtige zu tun.
Filmstarts: Du hast eine großartige Bühnenkarriere am Laufen. Jetzt bist Du innerhalb eines kurzen Zeitraums in „Public Enemies“, „Männer die auf Ziegen starren“ und „Avatar“ aufgetreten. Willst du Deine Kinokarriere auf ein neues Level heben oder ist die Dichte der Projekte nur ein Zufall?
Stephen Lang: Ich bin sehr glücklich darüber, in den vergangenen Jahren in solch unterschiedlichen Projekten involviert gewesen zu sein. Das ist einfach so passiert, die Umstände haben eben gepasst. Es ändert nicht wirklich meine Herangehensweise ans Schauspiel, ich versuche immer noch, möglichst differenziert an die Rollen heranzugehen – egal ob auf der Bühne oder beim Film. Schließlich muss man nicht nur seine Zeit, sondern auch sich selbst vollkommen einbringen. Und sowas will man nicht machen, wenn man denkt, dass es einem mehr nimmt, als dass es einem gibt.
Filmstarts: Warst Du froh, dass Du im Film einen Charakter aus Fleisch und Blut und keinen CGI-Avatar spielen durftest?
Stephen Lang: Ein Teil meiner Szenen habe ich sogar per Motion-Capture-Technik gespielt, das hat ungefähr einen Monat lang gedauert. In den Sequenzen am Ende, wenn ich in der Metallrüstung stecke, dann ist das alles per Performance-Capture entstanden. Ich war froh, dass ich das auch mal ausprobieren konnte. Aber trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen, jemand anderen als Quaritch zu spielen. Cameron hat einmal zu mir gesagt: „Junge, wenn Quaritch als ein 2,70 Meter großer blauer Kerl zurückkäme, wäre er wirklich angepisst gewesen.“
Quaritch befiehlt seinem Geschwader den Angriff auf die Na’vi.
Filmstarts: Die Geschichte von „Avatar“ ist Science-Fiction. Siehst Du dennoch auch etwas Universelles in dem Film?
Stephen Lang: Ja, sicher. Die meisten Science-Fiction-Filme packen universelle Themen an. Wir schreiben Geschichten über anderen Welten, um die Dinge um uns herum überhaupt erst zu verstehen.
Filmstarts: Der Film transportiert die politische Botschaft, dass Menschen in fremde Welten eindringen, nur um diese für ihren eigenen Vorteil zu zerstören…
Stephen Lang: Ja, die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir aus unseren Fehlern nicht lernen, sondern ein und denselben immer und immer wieder begehen.
Filmstarts: Damit könnte der Film auch als kritischer Kommentar zur Praxis der USA gesehen werden. Schließlich drängen auch die Vereinigten Staaten anderen Nationen ihre Weltsicht auf, Afghanistan zum Beispiel…
Stephen Lang: Ja, schon. Das ist die aktuelle Situation. Aber die Geschichte wird sich selbst berichtigen. Es wäre eine Schande, wenn ein so pulsierendes, gefühlvolles Land wie Afghanistan auf Dauer von religiösen Extremisten geführt würde. Dennoch muss man fairerweise sagen, dass die Kolonisation und Ausbeutung nicht mit den Vereinigten Staaten angefangen hat und auch nicht mit ihnen enden wird. Man könnte nämlich auch sagen, dass die Franzosen, die Spanier, die Portugiesen, die Engländer, die Niederländer und möglicherweise auch die Deutschen mit ihrer Historie einen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Das soll aber keinesfalls die USA von ihrer Verantwortung freisprechen.
“Avatar“ startet am 17. Dezember 2009 in den deutschen Kinos.