Nippon Connection 2007
Freitag, 4. Mai 2007 - 13:06

Selbst wenn sie sich zahlenmäßig nicht mit den größten Filmfestivals in Deutschland messen kann, ist die Nippon Connection ein Ereignis der besonderen Art. Aber auch hier werden gut 170 Filme in einer guten halben Woche gezeigt, was sie immer noch zur größten Veranstaltung ihrer Art – sprich: eine auf japanischen Film spezialisierte – außerhalb Japans macht. Jedes Jahr treten hier etliche Filme ihre Deutschland-, Europa- oder sogar Weltpremiere an, oft sind die Filmemacher und Darsteller persönl

von Björn Helbig, Nicole Kühn und Andreas Becker


Selbst wenn sie sich zahlenmäßig nicht mit den größten Filmfestivals in Deutschland messen kann, ist die Nippon Connection ein Ereignis der besonderen Art. Aber auch hier werden gut 170 Filme in einer guten halben Woche gezeigt, was sie immer noch zur größten Veranstaltung ihrer Art – sprich: eine auf japanischen Film spezialisierte – außerhalb Japans macht. Jedes Jahr treten hier etliche Filme ihre Deutschland-, Europa- oder sogar Weltpremiere an, oft sind die Filmemacher und Darsteller persönlich anwesend und stehen nach den Vorstellungen und in Gesprächsrunden dem Publikum Rede und Antwort.



Was das Festival aber zu einem besonderen Ereignis macht, sind nicht nur die Filme, sondern das Drumherum. Unzählige Mitarbeiter stellen das Festival seit seiner Gründung im Jahr 2000 ehrenamtlich (!) auf die Beine. Nicht kommerzielles Interesse, sondern das mit Herzblut gestaltete Näherbringen einer ganzen Kultur steht im Zentrum – und das merkt man dem für einige Tage in ein kleines Japan verwandelten Festivalzentrum (das AStA Haus der Goethe Universität Frankfurt/Main) auch an. Hier laufen nicht nur Spiel-, Experimental- und Dokumentarfilme in den zwei Parallelschienen Nippon Cinema und Nippon Digital. Es gibt Sushi-, Sake-, Tee- und Nudelsuppenbars, eine Spielhölle mit den aktuellsten Konsolen (so konnte dieses Jahr auch bereits auf einer Wii in den Pausen geboxt und gebowlt werden) und Shops mit Kleidung und allerlei anderem Nippes aus Nippon. Der historischen Kultur des Landes, die in der hochtechnisierten Gesellschaft nach wie vor weiterexistiert, wird in Workshops, Vorträgen und Verkostungen Rechnung getragen. So gelang es den Veranstaltern dieses Jahr unter anderem, Joe Taira für die Eröffnungsveranstaltung zu gewinnen. Der Shooting Star des Puppenspiels füllt in seiner Heimat ganze Hallen und gewann als jüngster Japaner den Nationalen Japanischen Puppenspielpreis. Auf der diesjährigen Nippon Connection zeigte er nicht nur einen eindrucksvollen Tanz mit einer selbsthergestellten Puppe zur Musik Richard Wagners. Einen Tag später stellte er nachmittags auch seine Künste einem kleinen Publikum hautnah vor, erklärte die Schwierigkeiten beim Puppenspiel und zeigte seine eindrucksvolle Körperbeherrschung, die das deutsche Publikum am eigenen Leib nachvollziehen durfte. Im „duck walk“ ging es unter Anleitung des Profis durch den Vortragsraum – und dabei immer schön auf die Haltung achten, damit die Puppe sich auf der anderen Seite des Sichtschirms für das Publikum auch ästhetisch zu bewegen scheint.



Die filmische Ausbeute hielt sich diesmal vor allem in der ersten Hälfte der Connection allerdings eher in Grenzen. Herausstechen konnten vor allem die Animes „Tekkon Kinkreet“ und Paprika mit ihren bunten und gewaltigen Bildern, die auf einer gewohnt überbordenden Phantasiewelle japanischer Machart schwammen. Zu gefallen wusste auch der Eröffnungsfilm „Strawberry Shortcakes“, der das Leben vier ganz unterschiedlicher junger Frauen in Tokio porträtiert, die alle auf ihre Weise nach Aufmerksamkeit, Liebe und Freundschaft suchen. Schade nur, dass gen Ende unnötige Zugeständnisse an hollywoodsche Erzählkonventionen gemacht wurden. Gewinner des diesjährigen Publikumspreis „Nippon Cinema Award“ wurde „La Maison De Himiko“, der mit viel Humor und Liebe zu seinen Figuren eine ungewöhnliche Geschichte über lebenslustige alte Männer in einem Schwulen-Altersheim erzählt. Hinter den Erwartungen zurück blieben auch Mushishi, das neue Werk von „Akira“-Macher Katsuhiro Ôtomo, sowie der Horror-Episoden-Film Unholy Women, der von Mai bis Juli durch einige deutsche Kinos touren wird. Für den schrägen Anteil sorgte der inzwischen am Freitagabend etablierte Pinkfilm im Programm: Im Mittelpunkt von „Uncle’s Paradise“ steht Takashi, der sich bei seinem Neffen Haruo einnistet. Der Onkel ist chronisch übermüdet und kann sich nur mit dem literweisen Saufen von Energydrinks und dem wahllosen Verführen von Frauen wach halten. Warum? Um seinen noch viel absurderen Sex-Albträumen entgehen zu können... Wer vergangenes Jahr an The Strange Saga Of Hiroshi The Freeloading Sex Machine Spaß hatte (auch von Drehbuchautor Fumio Moriya), darf hier wieder bedenkenlos hinsehen, auch wenn es nicht ganz so witzig wird wie beim Vorgängerwerk.



Trotz einer gegenüber dem Vorjahr eher mageren Ausbeute an Sehenswertem lautet das Nippon-Connection-Fazit aber auch dieses Jahr wieder redaktionseinstimmig: ein gelungenes Festival, das mit seiner allgegenwärtigen, fernöstlichen Atmosphäre manchmal wünschen macht, es liefen weniger Filme, damit mehr Zeit für das umfangreiche Rahmenprogramm bleibt. Wer will da schon noch zur eiskalten Berlinale im Februar, wenn er auch im milden April am Main in Deutschlands Sonnenstadt sitzen kann...?

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