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    Mademoiselle Chambon
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Mademoiselle Chambon
    Von Sascha Westphal
    Der von Vincent Lindon („Wenn wir zusammen sind", „Welcome") gespielte Maurer Jean liebt seinen Job. Für ihn gibt es nichts Schöneres, als Häuser und Wohnungen zu renovieren oder zu bauen. Wenn er einen Job erledigt hat, haben Menschen ein neues Zuhause, ein Heim, das ihnen Sicherheit und Beständigkeit verspricht. Das Wissen, dass er etwas mit den eigenen Händen geschaffen hat, das auf einem sicheren Fundament steht und den Stürmen des Lebens trotzen kann, ist für Jean letztlich wichtiger als Geld und auch als alles andere. Nach diesem Prinzip hat er sich auch sein eigenes Leben aufgebaut. Sein eigenes Haus ist das in Stein gefasste Symbol seiner Beziehung zu seiner Frau Anne-Marie (Aure Atika, „OSS 117 - Der Spion, der sich liebte") und seinem Sohn Jérémy (Arthur Le Houérou). Nur Jean selbst kann diese feste Burg noch ins Wanken bringen. Wie er das von ihm Erbaute nach und nach zerschlägt, wie er eine Wand nach der anderen zum Einsturz bringt, davon erzählt der französische Filmemacher Stéphane Brizé („Man muss mich nicht lieben") in seinem so zarten wie tiefgründigen Drama „Mademoiselle Chambon" auf eine geradezu berauschende Weise.

    Als überzeugter Traditionalist bewegt er sich dabei bewusst ausschließlich in den Bahnen klassischer Dreiecksgeschichten – des Kinos wie der Literatur. Das mag altmodisch wirken, aber Brizé beherrscht die Kunst der Variation, das Spiel mit feinsten Nuancen, derart perfekt, dass diese Konstellation, ein Mann zwischen zwei Frauen, zu einem Spiegel des Lebens an sich wird, seiner Schönheit und seiner Tragik, seiner Klarheit und seiner Komplexität, seiner Widersprüche und seiner Gewissheiten. Mehr kann Kino kaum leisten.

    Eigentlich hat Jean nie etwas in seinem Leben vermisst. Seine Arbeit und seine Familie – mehr brauchte er nicht. An etwas Anderes hat er bisher gar nicht gedacht. Immerhin hat schon sein Vater genau so gelebt. Insofern ist er auch ziemlich überrascht, als Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain, „Der kleine Nick"), die Lehrerin seines Sohnes, ihn fragt, ob er einmal in ihre Klasse kommen und von seiner Arbeit erzählen würde. So recht kann er sich nicht vorstellen, dass die achtjährigen Mitschüler von Jérémy sich für seinen Beruf interessieren, schließlich ist er Maurer und kein Arzt oder etwas Ähnliches. Trotzdem ist er einverstanden. Als es soweit ist, spricht Jean so anschaulich und mit so viel Begeisterung davon, was es ihm bedeutet, Häuser zu bauen, dass nicht nur die Klasse wie gebannt ist. Auch Mademoiselle Chambon sieht ihn nach dieser Stunde mit anderen Augen. Plötzlich fühlen sich beide zueinander hingezogen.

    Die Liebe trifft die Lehrerin und den Maurer völlig unvorbereitet. Er, der immer nur nach Sicherheit und Stabilität strebte, lässt sich mit einmal auf etwas ganz und gar Unsicheres ein. Sie, die in ihrem Leben bisher immer irgendwie auf der Flucht war, die keinen Menschen richtig an sich herangelassen hat, beginnt sich nach und nach zu öffnen. Etwas nagt an ihnen, ganz langsam, immer nur ein kleines bisschen. Für die ganz großen Gefühle und eine wilde, an den Rand des Wahnsinns führende Leidenschaft ist keiner von ihnen der Typ. Natürlich fehlte Mademoiselle Chambon und Jean in ihrem bisherigen Leben etwas. Nur hatten sie das beide gar nicht bemerkt, und wahrscheinlich hätten sie es auch niemals bemerkt, wenn das Schicksal sie nicht zusammengeführt hätte.

    So vorsichtig und zurückhaltend wie sich seine beiden Protagonisten einander annähern, so bedächtig tastet sich Stéphane Brizé wiederum auch an sie heran. Er lässt diesen beiden eigentlich ganz alltäglichen und dabei doch einzigartigen Charakteren die Zeit und auch den Raum, sich zu entwickeln. Die Sprache, die den Arbeiter und die Lehrerin trennt, tritt dabei in den Hintergrund. Worte, die in so vielen französischen Filmen sonst Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens sind, spielen in „Mademoiselle Chambon" nur eine untergeordnete Rolle. Die suchenden, sich nur ganz langsam vorantastenden Blicke, die Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon sich zuwerfen, die oftmals zögerlichen Gesten, mit denen sie einander begegnen, sagen mehr als die Worte, mit denen vor allem Jean zu kämpfen hat. Zudem erzählt Antoine Héberlés Kamera, seine die widerstreitenden Gefühle der beiden spiegelnde Fahrten wie auch seine überaus zärtlichen Großaufnahmen, auf dezente und zugleich ungeheuer präzise Weise so viel über die Milieus, aus denen die zwei stammen, dass Worte nahezu überflüssig werden. Der Mauerer und die Lehrerin leben in einer Stadt, aber in zwei Welten. Die soziale Differenz zwischen ihnen ist aber weder in ihren noch in Stéphane Brizés Augen etwas, das sie trennt. Sie übt vielmehr einen besonderen Reiz aus und lässt sich viel leichter überwinden als die Probleme, die sich aus den Verpflichtungen Jeans ergeben, aus der Liebe zu seiner Frau und seinem Sohn.

    Mit seinen klassizistischen Zügen, seiner Hinwendung zurück zu Filmen wie David Leans 1945 entstandenem Meisterwerk „Begegnung" wirkt „Mademoiselle Chambon" beinahe wie eine Antwort auf Catherine Corsinis wüster, wütender Dreieckstragödie „Die Affäre". Wo der eine Film provoziert und auch einmal über das Ziel hinauszuschießen scheint, bleibt der andere ganz bewusst in den Grenzen eines fast schon bürgerlich zu nennenden Takts. Trotzdem sind diese beiden modernen Melodramen längst keine Antipoden. Sie stehen eher wie Spiegelbilder zueinander, die erst zusammen wirklich eins sind. Der Zorn Catherine Corsinis korrespondiert mit der Melancholie Stéphane Brizés. Beide lehnen sie sich gegen die Welt, wie sie ist auf. Nur gehen sie dabei unterschiedliche Wege. In „Die Affäre" wird die Liebe über die Grenzen der Klassen und Milieus zur amour fou, zu einer zerstörerischen Leidenschaft. In „Mademoiselle Chambon" führt sie zu einer neuen Klarheit. Jean reißt die Wände seines Lebens ein, aber das Fundament bleibt. Das Gewöhnliche, der Alltag, siegt letztlich über das Außergewöhnliche – und das nicht einmal zu Unrecht. Darin liegt die existenzielle Tragik des Menschen – jedes Glück ist nur um den Preis eines anderen Glücks zu haben.
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