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    Das brandneue Testament
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Das brandneue Testament
    Von Lars-Christian Daniels
    Man stelle sich vor, der liebe Gott würde nicht im Himmel wohnen, sondern mitten in Brüssel – und er wäre auch gar nicht lieb, sondern ein echtes Vorzeige-Arschloch, das diebische Freude dabei empfindet, die von ihm erschaffene Menschheit jeden Tag aufs Neue zu quälen. Genau diesem absurden Gedanken widmet sich Jaco Van Dormael („Mr. Nobody“) in seiner im besten Sinne gotteslästerlichen Komödie „Das brandneue Testament“. Der belgische Filmemacher präsentiert Gott als Menschen aus Fleisch und Blut, der plötzlich mit seinen eigenen Geboten konfrontiert wird. Das Ergebnis ist ein schräger, aber höchst unterhaltsamer Film, der nicht von ungefähr als „Beste Komödie“ für den Europäischen Filmpreis 2015 nominiert wurde und in dem mit Catherine Deneuve („Belle de jour – Schöne des Tages“) auch noch eine Grande Dame des französischen Kinos in einer ungewöhnlichen Nebenrolle zu sehen ist.

    Gott (Benoît Poelvoorde) lebt als Familienvater in Brüssel – und hat sichtlich Spaß daran, seiner menschlichen Schöpfung mit fiesen Nervereien den Alltag zu versauen. Zu den biblischen zehn hat er weit über 1000 brandneue Gebote geschaffen: Marmeladenbrote landen grundsätzlich mit der bestrichenen Seite auf dem Fußboden, das Telefon klingelt immer dann, wenn man sich gerade in die Badewanne gesetzt hat, und der Wecker klingelt stets zehn Minuten bevor man halbwegs ausgeschlafen wäre. Gottes genügsame Ehefrau (Yolande Moreau) lässt das alles kalt: Sie kümmert sich lieber um den Haushalt und spricht schon seit Jahren nicht mehr, weil ihr Gatte es verboten hat. Seiner aufgeweckten Tochter Ea (Pili Groyne) gefällt das allerdings gar nicht: Wieso ist der göttliche Papa so gemein zu den Menschen? Die Kleine hackt sich heimlich in den Computer ihres Vaters und verschickt eine SMS-Lawine, mit der allen Menschen ihr exaktes Todesdatum mitgeteilt wird. Fortan ist die Welt nicht mehr dieselbe -  denn jeder möchte die ihm verbliebene Zeit so intensiv wie möglich auskosten ...


    Darf man sich über Gott und die Bibel lustig machen? Dem Christentum einen persiflierenden Spiegel vorhalten? Diese Fragen wurden in den vergangenen Jahrzehnten – man denke nur an den Monthy-Python-Klassiker „Das Leben des Brian“, an den Jim-Carrey-Hit „Bruce Allmächtig“  oder an Kevin Smiths „Dogma“ – hinreichend beantwortet. So mancher gläubige Zuschauer mag „Das brandneue Testament“ dennoch als respektlosen Angriff auf die Kirche abstempeln – doch wer über Scherze auf Kosten des Christentums lachen kann, kommt bei diesem absurden, aber nie albernen Gag-Feuerwerk voll auf seine Kosten. Allein die Gottesfigur, die ein wenig an Olli Dittrichs schluffigen Imbiss-Philosophen Dittsche erinnert, bietet – pardon für den Ausdruck - ein Bild für die Götter: Eas Vater trägt weiße Tennissocken in den Adiletten, einen modisch fragwürdigen Bademantel und statt einer Frisur einfach das auf dem Kopf, was das Kopfkissen nachts aus seinen graumelierten Haaren geformt hat. Für seinen gekreuzigten Sohn hat er im Übrigen kaum ein nettes Wort übrig („Was hat er schon erreicht? Er wurde an ein Gestell genagelt!“), aber immerhin hängt Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde „Das letzte Abendmahl“, auf dem Jesus mit den zwölf Aposteln zu sehen ist, wie selbstverständlich bei Gott im Wohnzimmer.

    Zwölf? Das sind Gottes schweigsamer Ehefrau (köstlich: Yolande Moreau) eindeutig zu wenig. Sie frönt einer Leidenschaft für Baseball – und da gehören nun mal 18 Spieler zum Team. Also macht sich Töchterchen Ea (keck: Pili Groyne) nach dem Verschicken der folgenreichen SMS auf, sechs weitere Apostel zu finden. Regisseur Jaco Van Dormael und sein Drehbuch-Coautor Thomas Gunzig („Kiss & Cry“) schicken das Mädchen auf eine unterhaltsame Reise durch Brüssel und reihen die sechs Einzelschicksale der Auserkorenen (darunter die selbstironische Catherine Deneuve als Martine) aneinander, ohne den roten Faden der Geschichte je aus der Hand zu geben. Parallel zu Eas Ausflug begibt sich Gott nämlich auf die Suche nach seiner geflüchteten Tochter. Dies ist eindeutig der spaßigste Handlungsstrang des Films, weil der Allmächtige auf den Straßen Brüssels plötzlich selbst mit den Tücken seiner eigenen willkürlichen Regeln und Gebote zu kämpfen hat. Neben irre komischen Szenen (Stichwort: Marmeladenbrot) werden auch einige clever eingefädelte Denkanstöße über die oft beschworenen christlichen Werte geboten. Dem Zuschauer bleibt das Lachen gelegentlich im Hals stecken – etwa wenn Gott seine Tochter ohne Vorwarnung brutal verprügelt -, aber der Regisseur weiß, was er tut, und meistert die Gratwanderung zwischen Komik und Tragik mit traumwandlerischer Sicherheit. Und beantwortet abschließend sogar die Frage, wie die Welt wohl aussehen könnte, wenn Gott eine Frau wäre ...

    Fazit: Gott lebt – und zwar in Belgien! Jaco Van Dormael inszeniert mit „Das brandneue Testament“ eine originelle und äußerst unerhaltsame Komödie, die vor schrägen Ideen und köstlichen Situationen nur so strotzt.

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