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    Okko's Inn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Okko's Inn

    Die großen Fußstapfen von Studio Ghibli

    Von Asokan Nirmalarajah
    Das japanische Animationsstudio Studio Ghibli wurde vor allem durch die bildgewaltigen, unkonventionellen Leinwandmärchen von Hayao Miyazaki weltberühmt. In dessen besten Werken steht dabei meist eine junge Heldin im Mittelpunkt, die ein einschneidendes Trauma bewältigt, indem sie ihre emotionalen Konflikte in einer fantastischen Parallelwelt austrägt. Das beste Beispiel dafür ist wohl „Chihiros Reise ins Zauberland“ von 2001 (für uns einer der besten 20 Zeichentrickfilme aller Zeiten). In dieser illustren Tradition steht nun auch „Okko’s Inn“ des früheren Ghibli-Zeichners Kitaro Kosaka. Das sanfte, unaufgeregte Drama nach der gleichnamigen Kinderbuch- und Zeichentrickserie lebt von sympathischen Figuren und positiven Botschaften. Trotzdem kommt er aber weder erzählerisch noch tricktechnisch an die herausragend hohe Qualität der Studio-Ghibli-Vorbilder heran.

    Während das kleine Mädchen Oriko Seki, von allen liebevoll Okko gerufen, als einzige überlebt, kommen ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Nach einem Krankenhausaufenthalt zieht Okko deshalb zu ihrer Großmutter Mineko, die in einem kleinen Örtchen ein Gasthaus mit heilsamen Dampfbädern namens „Hananoyu Inn“ betreibt. Dort begegnet sie auch dem frechen Jungen Makoto Tachiuri, der seiner früheren Freundin Mineko als hilfreicher Geist unter die Arme greift. Er ist es auch, der Okko schließlich dazu überredet, als junge Gastwirtin der alten Frau auszuhelfen. Okkos Begegnungen mit den nicht weniger vom Schicksal gebeutelten Gästen des Inns, die jeweils ebenfalls mindestens eine wichtige Person in ihrem Leben verloren haben, eröffnen ihr nach und nach ganz neue Perspektiven auf das Leben...

    Regisseur Kitaro Kosaka präsentiert in "Okko’s Inn" die typische Anime-Ästhetik.


    Kitaro Kosakas Kinofilm „Okko’s Inn“ entstand zeitgleich und parallel zu einer 24-teiligen Anime-Serie desselben Stoffes, die ebenfalls von den Studios DLE und Madhouse produziert wurde. Und man merkt es dem Film durchaus an, dass eine Kinoauswertung der episodenhaften Geschichte wohl eher ein Nachgedanke war. Vor allem die spannungsarme Entwicklung der Handlung und die in eineinhalb Stunden Laufzeit unzureichend entwickelten Figuren deuten darauf hin, dass die Geschichte wohl eher darauf angelegt ist, sich über die vielen Folgen einer Serienstaffel hinweg zu entfalten.

    Nicht wirklich Kino, nicht wirklich TV


    Die Tricktechnik des Films orientiert sich ebenfalls erkennbar an der eher schlichten Ästhetik von Anime-Serien, die für TV-Bildschirme und nicht für Kinoleinwände produziert wurden. Fernsehzuschauer wiederrum hätten aber sicher Mühe mit der unaufgeregten Inszenierung und der episodenhaften Handlung, die zu keinem Punkt eine dringliche erzählerische Dynamik entwickelt, um den Zuschauer mitzureißen. So nimmt der mit 94 Minuten Spielzeit eigentlich kurze Film mit seinem meditativen Tempo und der wenig ambitionierten Ästhetik eine eigenwillige Zwischenstellung ein.

    Was „Okko’s Inn“ hingegen auszeichnet und trotz einiger Längen im mittleren Drittel zumindest für Anime-Fans und Freunde sensibler Familiendramen sehenswert macht, ist die liebevolle Gestaltung der Figuren und die taktvolle Beschäftigung mit den Themen Tod, Verlust, Waisen-Dasein und Trauma-Bewältigung. Der tragische Verlust der Eltern wird hier nicht in tränenziehenden, melodramatischen Monologen bewältigt, sondern hängt als Schatten über alle Gesten von Okko. Leider verliert der Film dabei gerade im mittleren Drittel etwas den Fokus, wenn sich Okko vom traurigen, einsamen Waisenmädchen hin zu einer aufmerksamen Gastwirtin entwickelt. Ihre Begegnungen mit den Gästen sind zwar wichtig für die Entwicklung ihrer Figur, aber diese kurzen Vignetten, in denen Okko nebenbei auch ihre legendäre Puddingspeise entwickelt, plätschern mitunter doch auch etwas ziellos dahin.

    Okkos bester Freund Makoto Tachiuri hängt ab.


    Die Botschaft des Films, dass einem das Sorgen um das Wohl anderer Menschen auch selbst einen neuen Lebenssinn geben kann, schleicht sich erst einmal subtil ein, bevor sie im emotionalen Finale dann noch einmal ausbuchstabiert wird. Zu diesem Zeitpunkt hat man Okko allerdings schon so liebgewonnen, dass die weniger interessanten Episoden mit einer gastierenden Wahrsagerin oder der gleichaltrigen Hotel-Konkurrentin Matsuki Akino nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Auch die albernen, wenig amüsanten Eskapaden von Makoto und anderen Geistern verzeiht man da gern.

    Fazit: „Okko’s Inn“ von Studio-Ghibli-Zeichner Kitaro Kosaka reicht nicht an die Filme seines früheren Arbeitgebers heran. Dennoch lohnt sich der bescheidene Film als liebevoll gestaltete Nachmittagsunterhaltung, deren Geschichte zwar nie so spannend ist, dass man gebannt davorsitzt, die mit ihren liebenswerten Figuren und ihrer zutiefst menschlichen Botschaft aber trotzdem zum Verweilen einlädt.

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