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    Netflix-Tipp: 2 Marvel-Schurken in einem schaurig-schönen Gothic-Horror vom "Hellboy"-Macher
    19.10.2021 um 16:30
    Sidney Schering
    Sidney Schering
    -Freier Autor und Kritiker
    Sein erster Kinofilm war Disneys „Aladdin“. Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

    Jessica Chastain und Tom Hiddelston glänzen in einer sehnsüchtig-bitteren Gruselgeschichte von Guillermo del Toro. Im Kino ist „Crimson Peak“ leider gefloppt, dennoch empfehlen wir ihn als Start in die schaurige Jahreszeit.

    Universal Pictures

    +++Meinung+++

    Es ist stets ein Jammer, wenn gute Filme floppen, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprechen. „Crimson Peak“ ist ein solcher Film: Nicht hart genug, um die Gewaltsüchtigen unter den Horrorfans zu befriedigen. Zu sehr an schwelgerischen Emotionen orientiert, statt an intellektuellen Gesellschaftskommentaren, um als „Elevated Horror“ ein ansonsten nicht Genre-affines Publikum anzusprechen. Und die Freakshow, die sich Teile des Publikums von Guillermo del Toro erhofften, bot „Crimson Peak“ auch nicht wirklich – da bekam „Shape of Water“ zwei Jahre später mit seiner Monster-Erotik schon eher die entsprechende Mundpropaganda.

    Selbst das Staraufgebot von „Crimson Peak“ half dem Film nicht: Bei einem Budget von 55 Millionen Dollar spielte der romantische Grusel 2015 etwas weniger als 75 Millionen Dollar ein. Das mag vielleicht daran liegen, dass Stars heute weniger Zugkraft aufweisen als bereits etablierte Rollen – daher locken auch wir in der Überschrift dieses Artikels mit dem Versprechen zweier Marvel-Fieslinge, statt mit Tom Hiddleston und „X-Men: Dark Phoenix“-Schurkin Jessica Chastain.

    „Crimson Peak“ ist jedenfalls viel besser, als sein schwaches Kinoergebnis vermuten lässt. Denn Guillermo del Toro ist mit diesem opulent ausgestatteten Film eine wunderbare Gothic Story gelungen.

    Darum dreht sich "Crimson Peak"

    Die von einer Karriere als Schriftstellerin träumende Edith Cushing (Mia Wasikowska) weiß seit ihrer frühesten Kindheit: Geister existieren! Denn einst hatte sie Kontakt mit ihrer verstorbenen Mutter, die sie vor Crimson Peak warnte. Diese Warnung erschließt sich Edith erst im Erwachsenenalter, nachdem sie dem geheimnisvollen Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) verfiel, den ihr Vater (Jim Beaver) sowie ihr Kindheitsfreund Dr. Alan McMichael (Charlie Hunnam) verachten.

    Denn der Adelige führt Edith in sein heimisches England, wo sie zusammen das große, düstere Anwesen beziehen, in dem Sir Thomas zuvor allein mit seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain) lebte. Der Grund und Boden, auf dem sich das Anwesen befindet, wird gemeinhin Crimson Peak genannt. Und neben der unnahbaren, missgünstigen Lucille warten dort verstörende Geistererscheinungen und nicht minder schreckliche Geheimnisse…

    Gotisch, romantisch, schauderhaft

    Viele Filmfans nutzen den Oktober, um sich durch zahllose Horrorfilme zu arbeiten – und wie könnte man die Horrorsaison besser einläuten als mit einem Film, der die heutigen, er laxen Jugendschutzhürden ausnutzt, um mit voller Passion eine altmodische Schauergeschichte zu erzählen? So würdigt man zugleich die Genregegenwart und das, worauf sie fußt!

    Denn del Toro und der für „Crimson Peak“ mitverantwortliche Autor Matthew Robbins breiten hier vor ihrem Publikum eine dramatisch-sehnsuchtsvolle Gothic Romance aus. Und das in zwei Facetten zugleich: Mit dem galant-dunklen Pathos ausgestattet, das unter anderem Hitchcocks „Rebecca“ oder solche Brontë-Verfilmungen wie „Die Waise von Lowood“ ausmacht, geht es um eine Liebesbeziehung, die überdeutlich einem fatalen Ende geweiht ist. Gehüllt wird dies aber in das geisterhafte, betörend-schaurige Gewand, das frühe Gruselklassiker populär machte, vor allem klassischen Universal-Horror wie die kultgewordenen Adaptionen von „Dracula“ oder „Frankenstein“, die viel Herz für ihre grotesken Gestalten haben, und mindestens so sehr von unerfüllter Sehnsucht handeln wie von Angst und Schrecken.

    Aber del Toro wäre nicht del Toro, würde er reine Hommagen aneinanderreihen. Er adaptiert die gotische, zum Scheitern verdammte Romanze neu, indem er mit schonungsloser Direktheit die Tabus anspricht, die im alten Hollywood bestenfalls scheu angedeutet wurden. Zugleich verhärtet er den Horror mit sporadischen Schreckeffekten und rar gesäten, sehr akzentuiert eingesetzten, ekelig-blutig-expliziten Todesszenen.

    Während die Geistererscheinungen leider ab und zu in wackligen Computereffekten auf uns und Edith einprasseln, begeistert „Crimson Peak“ sonst mit einer haptischen, ausschweifenden, detailreichen Ausstattung mit berückend-verfallenen Kulissen sowie filigran-fiesen Kostümen. Man kann sich förmlich in den Schauplätzen des Films verlieren – und würde es, ganz gleich wie abschreckend sie wirken, glatt auch wollen. Denn del Toros Liebe zum Abseitigen trieft ebenso sehr aus jeder Pore des Films, wie der blutrote Ton aus der Erde des titelgebenden Anwesens schwitzt.

    Garstig, inbrünstig, sehnsüchtig

    In dieser sehr atmosphärischen, makaber-sinnlichen, zugleich verrottenden Welt spielt vor allem Jessica Chastain brillant auf. Die zweifach Oscar-Nominierte, die wenige Jahre nach „Crimson Peak“ in ihrer „X-Men: Dark Phoenix“-Schurkenrolle leider ungeheuerlich blass blieb, glüht förmlich als von Eifersucht zerfressene, gallig-garstige Lucille, die Edith mit einer brodelnden Inbrunst verabscheut und Thomas unangenehm nahe steht. Der wiederum ist mit Tom Hiddleston ideal besetzt worden.

    Es ist natürlich ziemlich naheliegend, den Loki-Darsteller als oberflächlich-eleganten, aber auch überdeutlich unehrlichen, Unheil versprechenden Herren von (Unter-)Welt zu besetzen – aber er füllt dieses Rollenschema einfach zu gut aus, um sich darüber zu beschweren. Und „Alice im Wunderland“-Mimin Mia Wasikowska hält den ganzen Film zusammen:

    Man kauft ihr ab, dass sie Sir Thomas trotz der klaren Warnzeichen verfallen ist, und hat Verständnis dafür, wieso sie sich als von einer engstirnigen Gesellschaft missachtete Frau in die Gesellschaft unangenehm enger Geschwister flüchtet. Doch statt als Edith hilflos und orientierungslos in ihr Verderben zu stolpern, lässt Wasikowska aus der scheuen Edith sukzessive eine mutigere Protagonistin werden, die sich vorsieht und für sich einsteht. Und anders als bei Burtons „Alice im Wunderland“ ist dieses Wachstum bei „Crimson Peak“ glaubhaft skizziert.

    Daher: Es empfiehlt sich, den eigenen Horrorherbst mit „Crimson Peak“ zu beginnen – denn der weckt Lust auf dunkelromantischen, klassischen Horror. Und auf behutsame Modernisierungen von Genreklassikern. Er kitzelt mit seinen wenigen, aber harten Gewaltspitzen Blutlust wach. Und er macht Lust auf noch mehr Schauergeschichten mit überraschend gut geschriebenen Frauenrollen. Die Watchlist ist rasch für den Rest des Oktobers gefüllt…

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