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    "Keine Zeit zu sterben": Darum hat mich das Finale im neuen "James Bond" völlig kalt gelassen
    08.10.2021 um 10:15
    Benjamin Hecht
    Benjamin Hecht
    -Redakteur
    Weil Hayao Miyazaki ihn träumen lässt, Sergio Leone ihm den Schweiß auf die Stirn treibt und Stanley Kubrick seinen Grips fordert: Dafür liebt Benjamin das Kino!

    „Keine Zeit zu sterben“ soll als großer emotionaler Abschied von Daniel Craig als James Bond dienen. Doch leider verschenkt das Agenten-Abenteuer viel Potential. Der finale Moment löste in mir erschreckend wenig aus...

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    +++ Meinung +++

    Als Agenten-Abenteuer mit tollen Action-Sequenzen und gutem Humor hat „Keine Zeit zu sterben“ für mich wunderbar funktioniert. Doch auf der emotionalen Ebene wollte das große Finale von Daniel Craig als James Bond einfach nicht zünden. Vor allem der tragische Höhepunkt des Films ganz zum Schluss hat mich ziemlich kaltgelassen. Die Gründe dafür präsentiere ich euch gleich. Zunächst erstmal ein Spoiler-Warnung: Natürlich verrät dieser Artikel wichtige Details zum Ende des neuesten Bond-Films.

    Eine Liebesgeschichte, die keine ist

    Fangen wir mit einem grundlegenden Problem an, das sich durch den kompletten Film zieht, aber sich bis zum ersten Bond-Auftritt von Daniel Craig im Jahre 2006 zurückverfolgen lässt. Denn „Keine Zeit zu sterben“ will eine Liebesgeschichte zwischen James Bond und Madeleine Swann (Lea Seydoux) erzählen, macht aber mehr als deutlich, dass der Ex-007 immer noch seiner ehemaligen Geliebten Vesper Lynd (Eva Green) nachtrauert, die ihn am Ende von „Casino Royale“ verraten hat und sich aus Schuldgefühlen quasi selbst das Leben nahm.

    Gaumont Columbia Tristar Films
    Eva Green als Vesper Lynd in „Casino Royale“

    Gleich zu Beginn von „Keine Zeit zu sterben“ besucht Bond das Grab seiner einstigen Gefährtin. Zwar führt er bereits eine oberflächlich glücklich scheinende Beziehung mit Madeleine, doch in Gedanken kann er sich noch immer nicht von Vesper lösen. Die Tatsache, dass der Agent im Ruhestand dann auch noch die erste Gelegenheit nutzt, um seine Freundin des Verrats zu beschuldigen und gewillt ist, sie für immer aus seinem Leben zu verbannen, zeigt entweder, wie wenig ihm die Beziehung zu Madeleine bedeutet, oder wie viel Angst Bond doch davor hat, sich nach seinen Erfahrungen mit Vesper erneut einer Frau emotional hinzugeben.

    In beiden Fällen gilt: Bond ist auch viele Jahre nach ihrem Tod mehr mit Vesper beschäftigt, als mit Madeleine. Ein schlechter Start für die Liebesgeschichte, die „Keine Zeit zu sterben“ eigentlich sein soll.

    Der tragische Höhepunkt verläuft ins Nichts

    Springen wir nun bis ans Ende des neuen Films: James Bond steht auf dem Dach des Inselverstecks von Schurke Lyutsifer Safin (Rami Malek), den er zuvor erledigt hat. In seiner letzten Amtshandlung öffnete der MI6-Agent die Schleusen, um die Massenvernichtungswaffe des Schurken angreifbar zu machen. Die Raketen sind schon auf dem Weg, Bond kann nicht mehr entkommen. Mitsamt des Labors wird er in die Luft gesprengt.

    Auf den ersten Blick opfert James Bond sich in einem letzten heroischen Akt für die Menschheit. Doch für mich hat dieser Moment einen ärgerlichen Beigeschmack. Denn zuvor hatte Safin den britischen Agenten mit einer besonderen Variante des Nanoroboter-Virus infiziert. Diese fügt Bond zwar keinen direkten Schaden zu, aber würde er Madeleine oder die gemeinsame Tochter berühren, würden diese sterben. Eine Situation mit jeder Menge Tragik, die aber völlig ins Leere verläuft, weil Bond kurz darauf sowieso stirbt.

    Der Film macht schließlich sehr deutlich, dass Bond schlicht keine Zeit mehr hat, um von der Insel zu fliehen, da Safin die Schleusen noch mal schloss, als 007 schon auf der Flucht war und er deshalb noch mal zurück musste. Außerdem wurde Bond auch noch mehrfach angeschossen. Alles in Allem scheint es unwahrscheinlich, dass er hätte fliehen können. Die Tatsache, dass Safin ihn infiziert hat, hat keinerlei Konsequenzen... oder etwa doch?

    War James Bond am Ende einfach nur feige?

    Nehmen wir mal an, Bond hätte doch entkommen können. Dass würde ja bedeuten, er stirbt am Ende von „Keine Zeit zu sterben“ freiwillig, weil er ein Leben ohne Madeleine und seine Tochter nicht ertragen würde. Für mich wäre das eine riesige Enttäuschung. Denn erstens kaufe ich ihm ja von vornherein schon nicht ab, dass er Madeleine so sehr liebt, wie es uns der Film gerne glauben lassen möchte. Andererseits spricht doch nichts dagegen, dass irgendwann in der Zukunft doch noch ein Heilmittel gegen dieses noch sehr neuartige Virus entwickelt wird.

    James Bond versucht in diesem Szenario offenbar nicht mal mehr, am Leben zu bleiben. Er hat den Kampfgeist verloren, einfach keinen Bock mehr zu leben. Das ist ein unwürdiges Verhalten für den Mann mit dem Doppelnull-Status.

    Bestätigt: Auch der nächste Bond wird männlich – das Ende von "Keine Zeit zu sterben" liefert den entscheidenden Hinweis

    Als ich im Kino saß, ließ mich das Finale von „Keine Zeit zu sterben“ aus den genannten Gründen leider völlig kalt. Womöglich hätte der Tod von Bond besser funktioniert, wenn er nicht so clean gewesen wäre und er nicht wie ein alter Mann am Ende seiner Tage in den Sonnenuntergang blicken würde, mit der Bereitschaft loszulassen. Wenn man wirklich gemerkt hätte, dass er an seinem Leben hängt, aber er sich letzten Endes doch geopfert hätte, um eine globale Katastrophe zu vermeiden.

    Doch die Entscheidung, Bond erst den Grund zum Leben zu nehmen und dann auch noch das Leben selbst, erweist sich als großer Fehler. Denn ohne Fallhöhe tut auch der Fall nicht mehr weh  – und plötzlich fühlt sich einer der aufsehenerregendsten Tode der Filmgeschichte seltsam belanglos an.

    "Keine Zeit zu sterben": Wie gut ist der neue James-Bond-Film?

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