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    El Topo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    El Topo
    Von Gregor Torinus

    Obwohl Alejandro Jodorowsky gerade einmal sieben lange Spielfilme gedreht hat, von denen er zweien („Tusk“ und „The Rainbow Thief“) nach der Fertigstellung auch noch seine Autorisierung entzogen hat, gilt der eigensinnige Chilene in cinephilen Kreisen als einer der noch größten lebenden Kultregisseure. Der Mythos Jodorowsky wurde sicher auch dadurch befeuert, dass seine Filme lange Zeit nur schwer verfügbar waren. Aufgrund rechtlicher Streitigkeiten waren für viele Jahre nur „Fando y Lis“ (1968) und „Santa Sangre“ (1989) offiziell erhältlich, während der surreale Kurzfilm „La Cravate“ (1957) sogar bis 2006 als verschollen galt. 2013 ist nun so etwas wie das Comeback-Jahr des Regisseurs: Beim Festival in Cannes stellte der ewigen Quertreiber mit der Adaption seiner Autobiografie „La Danza de la Realidad“ nach über 20 Jahren einen neuen Film vor. Ende Dezember 2013 erscheinen im Rahmen einer Blu-ray-Collection zudem die bislang nur per Import erhältlichen „El Topo“ (1970) und „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973) in Deutschland und laufen in diesem Rahmen auch wieder in ausgewählten Kinos – ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Dies gilt besonders im Fall des surrealen Westerns „El Topo“: Jodorowskys bekanntestes Werk ist eine Klasse für sich und gilt als der erste Vertreter des zur damaligen Zeit in New York geborenen Mitternachtskinos.  

    El Topo (Alejandro Jodorowsky) ist ein ganz in schwarz gekleideter Revolverheld.  Gemeinsam mit seinem nackten, siebenjährigen Sohn Brontis (Brontis Jodorwosky) reitet El Topo durch die Wüste. Schließlich bleiben sie an einem einsam aus dem Sand herausragenden Holzpflock stehen und El Topo weist seinen Sohn an hier sein Spielzeug und das Bild seiner Mutter zu vergraben, da er mit sieben Jahren nun ein Mann sei. Am Rande der Wüste gelangen die beiden danach zu einem Dorf, in dem fast alle Bewohner, einschließlich der Tiere, ermordet wurden. Der letzte Überlebende bittet in seinem Todeskampf El Topo, ihn zu erschießen. El Topo reicht seinen Revolver seinem Sohn, welcher die Tat ausführt. Daraufhin begeben sich die beiden auf die Suche nach den Mördern. Sie finden drei von ihnen in den Bergen und besiegen diese. Einer von ihnen verrät vor seinem Tod, dass sich ihr Anführer in einer Franziskaner-Mission versteckt hat. Dort erwartet Vater und Sohn die nächste erschreckende Szenerie. Dies ist erst der Anfang eines bizarren Trips, der El Topo unter anderem noch zur Auseinandersetzung mit vier spirituellen Meistern und in eine Höhle voller Verkrüppelter führen wird.

    Bevor der 1929 geborene Alejandro Jodorowsky im Jahre 1967 mit „Fando y Lis“ seinen ersten Spielfilm drehte, hatte er bereits so einiges auf die Beine gestellt. So arbeitete der Sohn russischer Immigranten in Santiago de Chile als Clown im Circus und leitete eine aus 50 Mitgliedern bestehende Theatergruppe. Da er seine Möglichkeiten in seiner chilenischen Heimat damit bereits weitestgehend erschöpft sah, zog er 1953 nach Paris. Dort gründete er gemeinsam mit seinen ebenfalls universell begabten Mitstreitern Fernado Arrabal (u.a. Regisseur von „Viva la Muerte“) und Roland Troper (u.a. Buchvorlage für Roman Polanskis „Der Mieter“) die avantgardistische Künstlergruppe „Movement panique“. Ihre wilden Performances hatten zum Ziel, den inzwischen reichlich zahm und bürgerlich gewordenen Surrealismus zu seiner ursprünglichen Radikalität zurückzuführen. Jodorowsky setzte dieses Ziel bald mit Filmen um.

    Nachdem sein in Schwarzweiß in Mexiko gedrehtes Langfilmdebüt bei der Premiere 1968 auf dem Filmfest von Acapulco einen derartigen Aufruhr verursachte, dass der Regisseur nach eigener Aussage weggefahren werden musste, um nicht von der vor Wut schnaubenden Meute gelyncht zu werden, wollte es das Enfant terrible erst recht wissen: Mit „El Topo“ drehte er trotz der Proteste auch seinen zweiten Spielfilm  in Mexiko, der vor allem in den USA schnell zum Kult-Hit avancierte. Großen Anteil hatte daran ein umtriebiger New Yorker Kinobetreiber, der auf die Idee kam, den Film nur um Mitternacht zu zeigen. Für Monate lief „El Topo“ dann in diesem Kino, das Phänomen nahm seinen Anfang. Der Hype um den surrealen Kunstfilm ist aber nicht nur die Folge dieses geschickten Marketing-Schachzugs, sondern vor allem des  Films selbst:  „El Topo“ ist trotz seines Western-Settings eigentlich nicht klassifizierbar, quasi ein Genre für sich. Der Regisseur erschafft eine vollkommen eigene, surreale Welt wie es vielleicht sonst nur David Lynch („Lost Highway“, „Twin Peaks“) in seinen besten Werken vermochte. Doch während Lynch die unter der biederen Oberfläche der amerikanischen Gesellschaft verborgenen Abgründe freilegt, ist so etwas wie Normalität bei Jodorowsky schon zu Beginn nicht existent.

    So sind in „El Topo“ nicht nur die in einer kleinen Westernstadt lebenden Menschen als Vertreter der „normalen“ Gesellschaft völlig verkommen und degeneriert. Auch die in einer Höhle hausenden inzestuösen Freaks erscheinen nicht wirklich als ein erstrebenswertes Gegenbild. In der Wüste leben hingegen nur vergewaltigende und mordende Banditen oder im höchsten Maße skurrile Gurus, die zugleich auch noch Revolverhelden sind. In der Person El Topos vereinen sich schließlich machohafte Männlichkeit und spirituelle Suche, ein hinterhältiger Killer und ein sich aufopfernder Menschenfreund. Mit dem Ende des Films, das sich als der Beginn eines neuen Zyklus erweist, wird „El Topo“ endgültig zu einer Parabel über das Leben und den Tod. Jodorowsky selbst sagt, dass er nicht zwischen seinen Filmen und seinem Leben unterscheiden könne. Denn das, was er zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Film zeigt, ist auch genau das, was ihn gerade persönlich am meisten beschäftigt. Dieser Zusammenhang ist in „El Topo“ ebenso deutlich wie verwunderlich, da der Filmemacher selbst El Topo und sein eigener Sohn Brontis El Topos Sohn, der ebenfalls Brontis heißt, spielt.

    Es ist kein Zufall, dass sich in der Figur des schwarzgekleideten Revolverhelden Gewaltbereitschaft und Spiritualität vereinigen. Einerseits handelt „El Topo“ von einem Prozess der Läuterung. Doch darüber hinaus sieht Jodorowsky im Leben generell eine äußerst virile Kraft wirken, die immer auch etwas Gewaltsames hat. Deshalb sei es unmöglich einen wirklich mystischen Film zu machen, der nicht auch zugleich äußerst gewalttätig ist. Die Gewalt als Form der Lebenskraft zeigt sich in „El Topo“ auch im Bild des Blutes. Da wo der rote Lebenssaft kräftig schließt und spritzt, da zeugt er von einer starken Lebensenergie, die in ihrem Versiegen den Tod bedingt. Diese Gleichzeitigkeit der Gegensätze ist das Mystische aber auch das Verstörende, das diesen Film auszeichnet. Wie die beiden Verkrüppelten im Film, von denen der eine ohne Beine auf dem anderen ohne Arme hockt, und die zusammen wie ein einziger, unversehrter Mensch funktionieren, so besteht auch der gesamte Film aus oftmals hässlichen, bizarren und absurden Szenen, die erst in ihrem Zusammenspiel einen größeren Sinn ergeben. Die schier endlose Parade an fetten Sadisten, geifernden Vergewaltigern, erleuchtet grinsenden Selbstmördern, filigrane Kunstwerke erstellenden Muttersöhnchen, russisches Roulette spielenden Priestern, missgestalteten Zwergen und heimlich im Keller Gruppensex treibenden gierigen Bürgern ist so ganz und gar kein reiner Schock-Selbstzweck.

    Fazit: Der surrealen Western „El Topo“ von Alejandro Jodorowsky ist ein ebenso bizarres wie gewalttätiges wie spirituelles Kunstwerk.

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