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    Jugend ohne Jugend
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Jugend ohne Jugend
    Von Andreas Staben
    Zehn Jahre nach der John-Grisham-Verfilmung „Der Regenmacher“ kehrt der fünffache Oscar-Gewinner Francis Ford Coppola (Der Pate-Trilogie, Apocalypse Now) nun mit dem philosophischen Drama „Jugend ohne Jugend“ in die Kinos zurück. Statt einem Millionenbestseller adaptiert er diesmal eine wenig bekannte Novelle des rumänischen Religionswissenschaftlers und Schamanismusforschers Mircea Eliade. Die Gegensätze zwischen den beiden Filmen könnten nicht nur wegen der so unterschiedlichen Vorlagen größer kaum sein. Der aufwändigen Hollywood-Genreproduktion mit Starbesetzung folgt ein fast vollständig in Rumänien mit einheimischer Crew in HD-Video gedrehter, selbstfinanzierter Kunstfilm. Mit seinen bald 70 Jahren ist Coppola immer noch keinem Experiment abgeneigt. Getreu seiner Maxime, dass Filme ihrem Stoff und Thema ähneln sollten, sucht er für jedes Werk von Neuem nach der angemessenen Form. „Jugend ohne Jugend“ ist in dieser Hinsicht zugleich Summe und Neubeginn nach langer schöpferischer Pause. Coppola greift viele seiner bevorzugten Themen und Motive auf, so etwa die Erforschung von Zeit und Bewusstsein, Traum und Realität. Dabei spiegelt sich die Persönlichkeit des Regisseurs in seinem Protagonisten, weshalb „Jugend ohne Jugend“ durchaus auch als Selbstporträt verstanden werden kann.

    Der Linguistik-Professor Dominic Matei (Tim Roth, Pulp Fiction, Invincible, Der unglaubliche Hulk) ist verzweifelt und denkt an Selbstmord. Sein wissenschaftliches Lebenswerk über den Ursprung der Sprache und den Beginn des menschlichen Bewusstseins, für das er gar seine große Liebe Laura (Alexandra Maria Lara, Der Untergang, Control) aufgegeben hat, bleibt ein unvollendbares Fragment. Ostern 1938 wird Matei vom Blitz getroffen. Wie durch ein Wunder überlebt der 70-Jährige mit schweren Verbrennungen und um etwa vierzig Jahre verjüngt. Er wird zum von der medizinischen Fachwelt bestaunten Phänomen und weckt die Begehrlichkeiten von Nazi-Wissenschaftlern, die in Matei den Schlüssel zur ewigen Jugend sehen. Der behandelnde rumänische Arzt Dr. Stanciulescu (Bruno Ganz, Der Himmel über Berlin, Der Untergang, Vitus) verschafft dem von neuem Forschereifer Erfüllten Exil in der Schweiz. Nach dem Krieg begegnet Matei Veronika (Alexandra Maria Lara in einer Doppelrolle), die seiner Jugendliebe Laura frappierend ähnlich sieht. Als die junge Frau ebenfalls der Blitz trifft, hält sie sich plötzlich für eine Inderin, die im 7. Jahrhundert lebt. Nur Matei kann ihr Sanskrit verstehen. Veronika verfällt immer wieder in Trance, wobei sie sich in der Sprachgeschichte rückwärts bewegt, gleichzeitig aber selbst stark altert. Matei kommt dem Ziel seines Forscherlebens immer näher, während der Geliebten der baldige Tod droht…

    Die äußere Handlung ist in „Jugend ohne Jugend“ zugleich nebensächlich und überdeutlich. Von kolportagehaften Nazi-Schurken wie dem dämonischen Wissenschaftler Dr. Rudolf (André Hennicke, Der alte Affe Angst, Der freie Wille) oder der Spionin mit Hakenkreuz auf dem Strumpfband bis zur reichlich esoterisch verbrämten Indien-Episode gibt es immer wieder Elemente, die der Emotionalität des Geschehens und der Ernsthaftigkeit der behandelten Themen zuwiderlaufen. Zugleich ist es gerade das Disparate, das dem Film besonderen Reiz verleiht. Zudem versteht es Coppola, mit der hochauflösenden DV-Optik Bilder von großer Schönheit zu komponieren und einzelne Momente zu großer Wirkung zu verdichten. Auch wenn die Inszenierung im Vergleich zu anderen seiner Filme wie dem opernhaft-opulenten Bram Stoker´s Dracula fast schon zurückhaltend ausfällt, zeigt Coppola, dass er weiterhin zu den großen Bildermachern des Kinos gehört.

    Coppola und sein junger Kameramann Mihai Malamare Jr. setzen auf klassische Eleganz, erreichen diese jedoch mit modernsten Mitteln. Schon der im traditionellen 40er-Jahre-Stil gehaltene Vorspann gibt die Richtung vor, fast spielerisch werden danach Varianten eingesetzt, wenn beispielsweise mit künstlicher Nacht und expressionistischem Licht die Atmosphäre des Film Noir heraufbeschworen wird. Die formale Gestaltung besitzt dabei fast immer auch thematische Sinnfälligkeit wie bei der Schuss-Gegenschuss-Technik für die Szenen mit Matei und seinem Doppelgänger und bei den fast hypnotischen auf den Kopf gestellten Traumbildern einer Autofahrt. Der weitgehende Verzicht auf Kamerabewegungen macht sich am Ende bei einer der wenigen Fahrten über eine schneebedeckte Treppe bezahlt. Diese Abschiedsszene entfaltet dadurch erst ihre volle Wirkung und Tragweite. „Jugend ohne Jugend“ ist auf vielerlei Art durch das Spannungsverhältnis von Traditionsbewusstsein und Experiment, Reduzierung und Überladung, Vergangenheit und Zukunft geprägt und erzählt an den Bruchstellen deutlich von der Person und der Karriere des Regisseurs.

    Wer sich „Hearts Of Darkness“, die Dokumentation über die chaotischen Dreharbeiten zu Apocalypse Now, ansieht, bekommt einen Eindruck von der Energie, dem Ehrgeiz und der Eigenwilligkeit einer fast überlebensgroßen Regiepersönlichkeit. Francis Ford Coppola hatte bei der unter widrigsten Umständen im philippinischen Dschungel entstandenen Joseph-Conrad-Verfilmung, deren Handlung in den Vietnam-Krieg verlegt wurde, nicht nur künstlerisch alles auf eine Karte gesetzt, auch seine Ersparnisse und seine Gesundheit warf er in die Waagschale, um die eigene Vision kompromisslos umsetzen zu können. In seinen scheinbar grenzenlosen Ambitionen ist Coppola nur mit wenigen Titanen der amerikanischen Filmgeschichte wie D.W. Griffith („Die Geburt einer Nation“, „Intoleranz“) und Orson Welles (Citizen Kane, Im Zeichen des Bösen) vergleichbar. Triumphen auf der ganzen Linie wie Der Pate stehen in Coppolas wechselhafter Karriere desaströse Flops wie sein mit extremer Künstlichkeit gestaltetes Las-Vegas-Musical „Einer mit Herz“ entgegen. Das finanzielle Scheitern dieses Projekts führte zum Bankrott Coppolas und in der Folge musste er auch weniger persönliche Auftragsarbeiten annehmen, die er sich aber mit seinem einzigartigen visuellen Gespür und durch thematische Akzentuierungen anzueignen wusste.

    Die Vermischung, Verschiebung und Auflösung von Zeitebenen etwa findet sich auch in auf den ersten Blick völlig unpersönlichen Gelegenheitsjobs wie „Peggy Sue hat geheiratet“, in dem Kathleen Turner in ihre Jugend zurückbefördert wird, und dem unbekannten Fernsehfilm „Rip Van Winkle“. Die Nicht-Übereinstimmung von gefühltem und äußerem Alter ist auch das Dilemma des von Robin Williams verkörperten Titelhelden im unterschätzten „Jack“. Dessen Körper wird vier Mal schneller älter als die seiner Kameraden und er endet schließlich als Greisengestalt mit Teenagergemüt. Bei Dominic Matei verhält es sich umgekehrt, wenn er - mit dem Wissen und den Erfahrungen eines 70-Jährigen versehen - biologisch plötzlich nur noch 30 ist. Sein Bewusstsein ist alt, er erlebt also tatsächlich Jugend ohne Jugend. Dass Veronika in einer gegenläufigen Bewegung im Zeitraffer dem Tod entgegenstürzt, verleiht der Liebesgeschichte eine tragische Dimension. Überleben scheint nur durch Trennung und Verzicht möglich. In einer großartigen melodramatischen Szene inszeniert Coppola diese Situation des hoffnungslosen Paares: Ein atemberaubender Sonnenuntergang im Hintergrund verstärkt die Schmerzlichkeit des Abschieds, das Oszillieren zwischen Tag und Nacht, Leben und Tod wird zum visuellen Ausdruck des existentiellen menschlichen Wunsches, den flüchtigen Augenblick festhalten zu können.

    In Coppolas Traumprojekt „Megalopolis“, an dem er seit vielen Jahren immer wieder feilt, das er aber momentan auf Eis gelegt hat, gibt es nicht zufällig eine Figur, die die Zeit anhalten kann. Es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, dass er damit auch die Motivation für die eigene Tätigkeit beschreibt. Ein Filmregisseur von der Statur Francis Ford Coppolas ist wie ein Alchimist, der die Kategorien von Zeit und Bewusstsein auf der Suche nach der magischen Formel, nach dem göttlichen Funken der Erkenntnis durcheinanderwirbelt. „Jugend ohne Jugend“ erzählt mit der Klarheit eines Märchens von der Verheißung und der Anmaßung des gottgleichen Schöpfens.
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