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The Good Night
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
The Good Night
Von Jens Hamp
Aufreizend kommt das langbeinige Model näher. Verführerisch spitzt es die Lippen und beginnt, sich langsam zu entkleiden. Dann ertönt plötzlich ein schriller Ton. Verwirrte Blicke und schließlich die ernüchternde Erkenntnis, dass der Wecker gerade den Traum von der Traumfrau wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen ließ. Wahrscheinlich kennt jeder Mann eine derartige Situation, vielleicht war sogar die frischgebackene Oscar-Gewinnerin Penélope Cruz (Vicky Cristina Barcelona, Volver) das Objekt der träumerischen Begierde. Wieso aus diesen allgegenwärtigen Männerphantasien keine Komödie zaubern, dachte sich Regiedebütant Jake Paltrow. Doch trotz dieser Idee hindert ein Haufen langweiliger Figuren die lethargische Komödie „The Good Night“ daran, irgendwann mal auf Trapp zu kommen.

Einst war Gary (Martin Freeman, Per Anhalter durch die Galaxis, Tatsächlich Liebe) ein gefeierter Britpop-Musiker. Doch der Ruhm verblasste schnell. Nun fristet er einen deprimierenden Alltag mit einem miesen Job als Komponist für Werbejingles und auch die Beziehung zu der mausgrauen Dora (Gwyneth Paltrow, Shakespeare In Love, Iron Man) ist bereits seit Ewigkeiten eingeschlafen. Doch des Nächtens findet Gary einen Ausweg aus dieser Misere: Im Traum erscheint ihm immer wieder die unnahbare Schönheit Anna (Penélope Cruz) – und wie durch ein Wunder umgarnt sie den Verlierer. Während seine reale Beziehung immer weiter den Bach heruntergeht, sucht Gary den Traumexperten Mel (Danny de Vito, Big Fish, Der Regenmacher) auf. Dieser soll ihn lehren, wie er seiner Traumfrau „dauerhaft“ nahe sein kann…

„Sometimes I wish that you could just hit the sack and never wake up. If your favorite song never ended, or your best book never closed, if the emotions mustered from these things would just go on and on, who wouldn't want to stay asleep?“ - Mel

Nicht erst seit Hollywood ist der Traum ein probates Mittel, um der ernüchternden Realität zu entfliehen. Während sich die kleine Ofelia allerdings eine Welt voller phantastischer Geschöpfe erträumt (Pans Labyrinth) und Gael García Bernal Elektrorasierer zum Leben erweckt (The Science Of Sleep), kommt Gary lediglich auf die schnöde Idee, seine eingebildete Schönheit mit Untertiteln reden zu lassen. Die Ausflüge in Morpheus Reich erweisen sich daher in „The Good Night“ als äußerst schal: Prätentiös wird die reale Welt in tristen Tönen gehalten, die Träume dagegen sind farbenfroh – schmerzlich vermisst man die Kreativität und Leidenschaft eines Guillermo del Toros oder Michel Gondrys.

Doch nicht nur Garys fantasielose Phantastereien belegen Jake Paltrows Einfallslosigkeit als Drehbuchautor. Bereits mit der Eröffnungssequenz bremst er die Handlung auf Schrittgeschwindigkeit herab. Zwar ist es im Kontext der musikalischen Vergangenheit der Hauptfigur amüsant, unter anderem Jarvis Cocker (Kopf der Britpop-Legenden Pulp, (Harry Potter und der Feuerkelch) über Garys Vergangenheit zu befragen, die pseudodokumentarischen Interviewschnipsel werden jedoch viel zu lange ausgekostet. Und auch in der Folge wird die Handbremse viel zu selten gelöst. Zwar sind Gwyneth Paltrow und Martin Freeman unzweifelhaft zwei begabte Darsteller, das Drehbuch drückt ihren Figuren aber langweilige Dialoge aufs Auge und breitet den eingeschlafenen Beziehungsalltag viel zu langatmig aus. Dass die Luft aus der Beziehung heraus ist, hat man spätestens erkannt, wenn aus Jack Paltrows Schwester Gwyneth das zu einem emotionslosen Abendritual verkommene „I love you“ herausbricht. Wirklich hervor stechen die beiden Darsteller so nur bei einem wegweisenden Streitgespräch, in dem Dora all ihre aufgestauten Emotionen freisetzt.

Kleine Lichtblicke während dieser ereignislosen Nächte sind die Figuren, die sich um das verstrittene Paar ranken. Simon Pegg (Shaun Of The Dead) versucht als Garys ehemaliger Bandkollegen Paul verzweifelt gegen das elanlose Drehbuch anzuspielen – erinnert mit seiner rücksichtslosen und überheblichen Figur jedoch nur blass an seinen Auftritt in New York für Anfänger. Dafür punktet Danny De Vito als schrulliger Traumexperte bereits mit seinem ersten Auftritt. Hemmungslos beschimpft er ein kleines Mädchen als „geistlose Narzisstin“, weil sie als Ballerina vor einem Spiegel herumhüpft. In bester Spiellaune gibt De Vito sodann den spinnerten Mel, der Gary sogar in der Bettenabteilung eines Möbelhauses weise Ratschläge erteilt und schlussendlich den wohl besten Spruch des Films ablässt: „Hangin’ around with you is pretty depressing!“ – das bringt die Gefühlslage des bereits tief in den Sessel gerutschten Zuschauers genau auf den Punkt.

„The Good Night“ verliert sich völlig in Belanglosigkeiten und wird auch nicht mehr vor dem Abgrund bewahrt, als Gary herausfindet, dass seine Traumfrau eigentlich ein Model ist, das auf allen Bussen der Stadt spazieren gefahren wird. Denn selbst diese Momente, in denen Gary versucht, sein traumhaftes Leben in die Realität zu übertragen, erweisen sich als viel zu pomadig.

Sweet dreams aren’t made of this…

Bereits in den Achtzigern wussten die Eurythmics, woraus süße Träume gemacht sind – an Jake Paltrows Regiedebüt dachten Annie Lennox und David Stewart dabei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Ohne Esprit dümpelt die Realitätsflucht vor sich hin. Lediglich der formidable Soundtrack von Alec Puro (angereichert mit Pulp-Variationen) und die sichtlich bemühten Darsteller bewahren den Zuschauer davor, bereits nach wenigen Minuten den Kampf gegen das Entschlummern zu verlieren.
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