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Es begab sich aber zu der Zeit...
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Es begab sich aber zu der Zeit...
Von Carsten Baumgardt
Rein zeitlich könnte es sich bei Catherine Hardwickes „Es begab sich aber zu der Zeit...“ um ein Prequel zu Die Passion Christi handeln. Doch völlig unabhängig davon, ob man nun Mel Gibsons umstrittenen Jesus-Film bewundert oder abgrundtief verabscheut, was sich beides plausibel begründen lässt, hat der eine mit dem anderen Film stilistisch nun so überhaupt nichts zu tun. Während Gibson auf Authentizität bis an die Schmerzgrenze setzte, liefert die eigentlich versierte Regisseurin Hardwicke nur eine naive, belanglose Light-Version der Weihnachtsgeschichte, die vornehmlich auf zartere Gemüter zugeschnitten ist.

Die junge Maria (Keisha Castle-Hughes) ist alles andere als begeistert, als ihr Vater Joachim (Shaun Toub) sie in Nazareth ohne ihr Einverständnis einzuholen, mit einem Mann aus dem Dorf verheiraten will - selbst wenn Joseph (Oscar Isaac), so sein Name, ein ehrbarer Handwerker ist. Das plötzliche Erscheinen des Engels Gabriel (Alexander Siddig) verändert ihr Leben. Er kündet an, dass sie von Gott auserwählt wurde und dessen Sohn gebären werde. Jesus solle er heißen und sein Volk erretten. Verwirrt reist Maria zu ihrer Cousine Elisabeth (Shohreh Aghdashloo), um zu sich zu finden. Sie verspricht, bis zur Ernte nach Nazareth zurückzukehren. Dann geschieht das Unfassbare: Maria wird schwanger, ohne von ihrem Mann angerührt worden zu sein. Nicht nur Joseph zweifelt an Marias Erzählung über die Erscheinung, das ganze Dorf ist ihr feindlich gesonnen. Erst als Joseph ebenfalls von Gabriel heimgesucht wird, wendet sich das Blatt. Unterdessen setzt König Herodes (Ciaran Hinds) dem Volk schwer zu, verlangt nach jeder Ernte mehr Steuern. Das Gerücht, dass die Geburt eines neuen Heilands unmittelbar bevorsteht, beunruhigt den unnachgiebigen Herrscher...

Die Idee zu dem Bibel-Film „Es begab sich aber zu der Zeit...“ hatte der tiefgläubige Drehbuchautor Mike Rich (Forrester, Sie nennen ihn Radio) im Jahr 2004. Da die Weihnachtsgeschichte für das Kino bisher noch niemand erzählt hatte, und die USA tief in christlichen Wurzeln und Traditionen verankert ist, ging das vielversprechende Projekt vor die Kameras. Mit Catherine Hardwicke (Dreizehn, Dogtown Boys) kam eine ambitionierte Regisseurin dazu, was sich leider im Endprodukt nicht spürbar niederschlägt. Die Schlacht ist im Prinzip schon verloren, bevor sie so richtig beginnt. Die erste halbe Stunde kennzeichnet einige unfreiwillig komische Momente, die vor allem durch Keisha Castle-Hughes’ (grandios in Whale Rider) völlig statische Darstellung der Jungfrau Maria hervorgerufen werden. Die junge in Australien geborene Neuseeländerin (Jahrgang 1990) bestreitet den gesamten Film mit anderthalb Gesichtsausdrücken, aus denen jedoch nicht mehr als staunende Passivität spricht. Die Dynamik der Dramatik wird durch die komplett naive Inszenierung Hardwickes ruiniert, selbst die Sonntags-Bibel-TV-Filme bieten mehr Elan. Castle-Hughes’ Leinwandpartner Oscar Isaac darf als Joseph am besten aussehen, weil ihm zumindest ein Minimum an charakterlicher Entwicklung zugestanden wird. Trotzdem wirken die Wendepunkte der Dramaturgie für einen großen Kinofilm seltsam hölzern.

Der eingeschlagene, märchenhafte Stil führt dazu, dass auf jegliche Form von Gewalt, die die Geschichte aber in bedeutenden Teile ausmacht, verzichtet wird. Sinnbildlich: Der größte Aufreger ist ein Angriff einer Wasserschlange, der aber so fade inszeniert ist, dass dies keinerlei Regung beim Zuschauer hervorruft. Dieser bevormundende Tonfall qualifiziert den Film nicht unbedingt für ein aufgeschlossenes Erwachsenenpublikum. Vielmehr kleistert Hardwicke „Es begab sich aber zu der Zeit...“ mit Kitsch zu, was unfreiwillig dazu führt, dass der Film über weite Strecken wie Edelfolklore wirkt. Richtig gehend unangenehm ist die Darstellung der Heiligen drei Könige Caspar (Stefan Kalipha), Melchior (Nadim Sawalha) und Balthasar (Eriq Ebouaney), die Weisen des Morgenlands werden als drollig-lustige Sidekicks, die sich selbst für einen Kalauer nebenbei nicht zu schade sind, missbraucht. Diese rundum harmlose Inszenierung mündet in der logischen Konsequenz: Langeweile. Der Film hat überhaupt keine innere Spannung und plätschert bis zum Finale im Stall von Bethlehem in schön photographierten Bildern (gedreht in Marokko und Italien) vor sich hin.

Der Umstand, dass die Darsteller im Original mit orientalisch-orientiertem Akzent Englisch sprechen, wirkt einigermaßen befremdlich. Über eine Imitation von Authentizität kommt dieser Schachzug nicht hinaus. Was „Es begab sich zu dieser Zeit...“ letztlich in die Belanglosigkeit reißt, ist der gänzlich fehlende Charme, der einfach durch süßliche Naivität ersetzt wird. Was Coca Cola aus Weihnachten gemacht hat, tut Hardwickes Film der „Nativity Story“ an, die Lightshow über Bethlehem steht analog für die Coca-Cola-Laster, die alljährlich deutsche Großstädte überrollen. Die Zuckergussschicht lässt den Film erstarren und verzerrt die Legende zu einem verkappten Feel-Good-Movie, das kommentarlos und ohne Biss die Weihnachtsgeschichte nacherzählt. Es ist zu bezweifeln, dass das hübsche, aber zahme Bibel-Drama selbst Hardcore-Christentumfans gefällt, weil es kaum noch Weihnachtswerte transportiert und den Rest dieser ohne Emotionen im Kitsch ersäuft. Am besten also im Original nachschlagen, in der Bibel ist die Weihnachtsgeschichte sowohl im Matthäus- als auch im Lukas-Evangelium wesentlich spannender erzählt.
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