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Mirrors
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Mirrors
Von Björn Helbig
Wer sein Spiegelbild betrachtet, blickt gleichzeitig in die eigene Seele. Doch nicht immer zeigt das Widerbild dem Betrachter das eigene Selbst. Mitunter sieht man, ohne es zu ahnen, auf etwas ungleich Böseres. Alexandre Aja, der mit seinem heftigen Erstling High Tension einen Genre-Erfolg feierte und mit dem darauf folgenden The Hills Have Eyes – einem Remake des Wes-Craven-Klassikers Hügel der blutigen Augen – den Terrorfilm wieder salonfähig machte, widmet sich in seinem dritten Streich nun Spiegeln und allem, was dahinter lauert. Wie die Vorgänger ist auch „Mirrors“ weder einem schreckhaften noch einem zart besaiteten Publikum zu empfehlen.

Ben Carson (Kiefer Sutherland) steckt in einer schweren Krise. Nach dem Tod seines Partners sucht der Ex-Cop Zuflucht in Alkohol und Medikamenten – was ihn schließlich auch noch seine Frau (Paula Patton) und seine Kinder (Cameron Boyce und Erica Gluck) kostet. Schwer gebeutelt entsagt Ben dem Alkohol und nimmt einen Job als Nachtwächter im baufälligen Mayflower Building, einem ehemaligen Luxuskaufhaus, an. Doch schon in seiner ersten Nacht scheinen seine Sinne ihm einen Streich zu spielen. Ben hört Geräusche und die gewaltigen Zierspiegel in dem maroden, rußverschmierten Bauwerk offenbaren ihm unheimliche Visionen. Die Neugier des Ex-Cops ist geweckt…

„Mirrors“ ist zwar erst Alexandre Ajas dritter Film, dennoch besitzt der 1978 in Paris geborene Regisseur bereits einen gewissen Ruf – dabei war zumindest High Tension gar nicht mal besonders gut und eher was für eingefleischte Fans. Sicher ging es auch dort ordentlich zur Sache, aber die Geschichte aus eigener Feder war zu simpel, der Schlusstwist schlecht vorbereitet und alles andere als glaubwürdig. Trotzdem zeigte sich schon damals, dass Aja inszenieren kann. Als beim folgenden Wes-Craven-Remake dann noch ein ordentliches Drehbuch dazu kam, zeigte sich das Talent des jungen Franzosen unverstellt. Die Hoffnungen, die Genrefans weltweit in seinen neuen Film gesetzt haben, sind dementsprechend groß.

Um es vorwegzunehmen: Die ganz großen Hoffnungen erfüllt „Mirrors“ nicht, wohl aber die Erwartungen. Aja präsentiert sich auch in seinem neuen Horrorstreifen als formidabler Regisseur, allerdings auch wieder als Drehbuchautor mit Schwächen. Mit anderen Worten: Im letzten Drittel wird’s noch einmal richtig schön doof. Die Geschichte, die Aja und sein langjähriger Freund und Co-Autor Grégory Levasseur (P2 – Schreie im Parkhaus) dem Zuschauer auftischen, ist - gelinde gesagt - völlig abstrus. Was man am Anfang noch für einen „normalen“ Mystery-Film halten könnte, entpuppt sich im weiteren Verlauf als wildes Themen-Potpourri zwischen Der Exorzist, The Ring und Das Geisterschloss, das zudem ein gutes Stück härter als der Genre-Durchschnitt ausfällt (Stichwort „Kiefer“). Und zumindest letzteres war von Aja ja auch zu erwarten. Zu Gute kommt dem Film, dass er nicht einfach eines zu eines Sung-ho Kims Into The Mirror kopiert und so auch für Kenner des Originals spannend bleibt. Trotzdem: Wer gehofft hatte, Aja würde an seinen Erfolg von 2006 anschließen, wird enttäuscht. Was die Story betrifft, präsentiert sich „Mirrors“ nämlich ähnlich grobschlächtig wie „High Tension“.

Seinem Ruf als „Regiewunderkind“ macht Aja allerdings auch in „Mirrors“ alle Ehre. In dem Spiegel-Szenario findet er eine Spielwiese für zahlreiche inszenatorische Einfälle. Im Gegensatz zum Original spielt die Geschichte diesmal nicht in einem ultramodernen, sondern in einem völlig heruntergebrannten Kaufhaus. Während die meisten Außenaufnahmen in New York gedreht wurden, entstand der Rest des Films überwiegend in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. In der Akademie der Wissenschaften fand das Produktionsteam einen eindrucksvollen Rohbau, der 1989 nach dem Tod von Nicolae Ceausescu unvollendet als Ruine zurückgelassen wurde. „Das Gebäude ist einfach phänomenal, so was kann man in keinem Studio aufbauen“, lobt Aja das Setting, das von Produktionsdesigner Joseph Nemec III (Terminator 2) eindrucksvoll hergerichtet und mit unzähligen Spiegeln versehen wurde. Neben den menschlichen Protagonisten ist das heruntergekommene Gebäude sicherlich der geheime Star des Films. Was zu einem weiteren wichtigen Punkt überleitet.

Wenn der Film selbst auch alles andere als perfekt ist – an der Besetzung gibt es jedenfalls nichts zu mäkeln. Paula Patton (Déjà Vu, Idlewild) als Bens Frau Amy und die charmante Amy Smart (Ein Trauzeuge zum Verlieben, Crank, Butterfly Effect) als Bens Schwester Angela bieten solide Leistungen. Smart hat zwar eine fulminante Szene, kommt im Film aber dennoch etwas zu kurz. Patton lässt sich ebenfalls nichts zu Schulden kommen: Zwar ist die enervierende Ungläubigkeit ihrer Figur angesichts des starken Tobaks, den ihr Mann ihr auftischt, nicht unrealistisch, doch auf Dauer dennoch etwas anstrengend. Was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, denn im Grunde steht und fällt der Film sowieso mit der Performance des Hauptdarstellers: Kiefer Sutherland (Flatliners, The Sentinel) gehört zwar nicht zur ersten Garde Hollywoods, doch wenn es um die Verkörperung ambivalenter Charaktere geht, macht ihm so schnell keiner etwas vor. Sein Ben Carson ist gar nicht so weit von seiner Darstellung des CTU-Agenten Jack Bauer in der Serie „24“ entfernt. Auch der Ex-Polizist Carson agiert auf der Schnittstelle zwischen Besessenheit und Professionalität immer am Rande endgültiger Gebrochenheit. Anders als der unkorrumpierbare Agent Bauer kann der trockene Alkoholiker Carson jedoch weder sich, noch seinem eigenen Spiegelbild trauen. Es gibt einige herrliche Szenen in „Mirrors“, in denen sich der Zuschauer nicht sicher sein kann, ob er gerade den echten Carson oder dessen Spiegelbild sieht – eine Paradesituation für Sutherland, der hier sein ausgefeiltes Minenspiel voll zum Einsatz bringt.

So ist „Mirrors“ trotz der wirren Geschichte dank Ajas Kreativität und Sutherlands ungemeiner Präsenz noch ein ziemlich spannender Film geworden, der Spiegel von ihrer bösesten Seite zeigt und weniger hart gesottene Zuschauer beim Blick in selbige noch eine Weile verfolgen dürfte. Aberglauben gibt es viele: Ein zerbrochener Spiegel bringt generell Unglück. Auch sollte man nicht im Kerzenlicht sitzen, während man sich in einem solchen betrachtet, und über die Schulter eines anderen sollte man schon gar nicht in einen hineinsehen. Die Liste unglücksbringender Spiegelgeschichten ließe sich sicher beliebig fortführen. Positiv konnotierte Mythen sind da schon seltener: So werden Paare, die sich das erste Mal im Spiegel sehen, eine glückliche Ehe führen. Aja tut gut daran, nicht einfach eine bestehende Mär auszuschlachten, sondern sich seine eigene schräge Geschichte zusammenzuzimmern. Ben und Amy Carson jedenfalls haben sich offensichtlich nicht im Spiegel kennen gelernt – sonst wäre ihre Ehe bestimmt anders verlaufen.

Fazit: Alexandre Aja erweist sich einmal mehr als herausragender Regisseur – zugleich allerdings als nur mäßiger Drehbuchautor. Ein vergnüglicher Nervenkitzel ist seine rasante Geisterbahnfahrt durch die Spiegelwelt des ausgebrannten Einkaufszentrums aber trotzdem. Und das nicht zuletzt, weil ein gut aufgelegter Kiefer Sutherland sich richtig schön in die Kurven legt.
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