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Step Up
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Step Up
Von Nicole Kühn
Haudegen-Boy aus dem Ghetto trifft Ballerina-Girl aus der Upper Class. Gegenseitige Verachtung steht beiden ins Gesicht geschrieben, obwohl eine gemeinsame Leidenschaft vorhanden ist. Zu verschieden scheinen ihr Herkunft und ihr Lebensstil. Über die Fallstricke der Liebe stolpern beide, wie es sich gehört und landen in der alle Widerstände überwindenden innigen Umarmung, zur Freude all derer, die sich zunächst gegen sie gestellt hatten. Zu schön, um wahr zu sein, und deshalb immer wieder gerne wiedergekäuter Kinostoff, den Anne Fletcher in ihrer Tanz-Romanze „Step Up“ aufbietet. Nicht selten funktioniert die Boy-meets-Girl-Geschichte, obwohl jeder sie wohl schon tausend Mal gesehen hat. Dazu braucht es dann aber doch etwas mehr Einfallsreichtum, als einen stimmigen Soundtrack und ein paar passende Choreographien. Dergleichen kann man sich 24 Stunden am Tag in diversen Musikvideos ansehen. Für einen abendfüllenden Film genügt das nicht.

Als Tyler (Channing Tatum) und seine beiden Kumpels bei einem albernen Streich auf frischer Tat ertappt werden, ermöglicht er als einziger Weißer den beiden Schwarzen die Flucht und bekommt als Strafe 200 Sozialstunden aufgebrummt – abzuleisten am Ort des Geschehens, einer Schule der Künste. Hier tummeln sich junge Musiker, Sänger und Tänzer. Seine ablehnende Haltung gegenüber den „Snobs“ verwandelt sich in Verzauberung, als er die schöne Nora (Jenna Dewan) zu klassischer Musik tanzen sieht. Sie ist ihrerseits fasziniert von seinem kraftvollen Breakdance zum Hip-Hop-Beat. Erst der Ausfall von Noras Tanzpartner für die alles entscheidende Abschlussaufführung gibt den beiden die Möglichkeit, einander kennen und schließlich lieben zu lernen. Das geht natürlich nicht immer geradlinig zu und birgt so manches Hindernisse.

Selbst dieser Plot kommt in manchem Video-Clip eindringlicher daher, als im Regiedebüt der Choreographin Anne Fletcher. Statt die 99 Minuten zu nutzen, um interessante Charaktere zu entwickeln, werden munter große Lebensprobleme mit dem Holzhammer in die Story hineingezimmert, die zwar selten weitergeführt, ersatzweise jedoch mit allzu gängigen Klischees garniert werden: Das Raubein erweist sich im Umgang mit seinen Geschwistern als liebevoller Ersatzvater, die All-American-Beauty aus gutem Hause leidet unter einer kaltherzig-karrierebewussten Mutter ebenso wie unter dem Verlust des verstorbenen verständnisvollen Vaters und die Schwarzen knacken Autos, bis sie im Bandenkrieg untergehen. Getreu des uramerikanischen Glaubens, dass jeder mit dem richtigen Willen alles erreichen könne, tragen sich die Underdogs gegenseitig Erbauungsreden vor, als hätten sie sämtliche Thesen von Martin Luther King und Malcolm X zusammen auswendig gelernt. Beim Weißen genügt die Liebe und die Faszination dessen, was man mit Disziplin erarbeiten kann, um den richtigen Weg einzuschlagen, beim Schwarzen braucht es eine persönliche Tragödie. Am Ende sind beide auf wundersame Weise durch das Wahre, Schöne, Gute der Kunst geläutert und haben den Glauben daran gewonnen, dass sie etwas Besseres sein können, als sie sind.

Die Grundhaltung der Möglichkeit von Grenzüberschreitungen durch gemeinsame Aktivitäten wäre dem Film nicht vorzuwerfen, wenn sie denn nicht in so plumpen Phrasen und unmotivierten Wendungen im Handlungsverlauf daher käme. Keine einzige Person entwickelt sich aus eigener Kraft heraus, immer ist es ein äußeres Ereignis, das Änderungen in der Haltung erzwingt. Vom selbstverliebten Freund trennt sich Nora wie auch ihre Freundin erst, als diese sich unübersehbar fehlverhalten, Tyler kommt nur deshalb doch noch auf die Bühne, weil sein Gegenspieler verletzt ist. Zum Hinterfragen der eigenen Position aus eigenem Antrieb schafft es keiner, was traurig ist für die offensichtliche Intention des Films. Dass oder ob überhaupt innerlich mit diesen Menschen etwas geschieht, sieht man nicht. Damit wäre wohl auch der Großteil der Darsteller überfordert gewesen. Während Channing Tatum sich immerhin bemüht, sich die Zerrissenheit zwischen Härte und Verletzlichkeit in die Miene zu legen, begnügt sich Jenna Dewan damit, hübsch zu sein und tanzen zu können. Deswegen wird auch alles explizit gesagt, was gefühlt wird. Am überzeugendsten wirkt über weiter Strecken Mario, der sich als R & B-Musiker im Prinzip selbst spielt.

Bei der Vorhersehbarkeit der Story kann man also getrost die Aufmerksamkeit auf anderes richten. Da bietet sich natürlich die Musik an, die hier als eigenständige Kunst wie als Begleitung für den Tanz eine wesentliche Rolle einnimmt. Durch ihr hohes Identifikationspotential steht sie in gewisser Weise auch für die verschiedenen Welten von Tyler und Nora. Überdeutlich in der Anfangssequenz und später immer stärker zeigen sich die Gemeinsamkeiten von Musik und Tanz seitens der Klassik und des Hip-Hop. Die zaghafte und am Ende mitreißende Annäherung der beiden Musikstile drückt ungleich empfindsamer als die Protagonisten aus, wie aus Verschiedenheit interessantes Neues entstehen kann, wenn sich beide Seiten aufeinander einlassen. Verdienstvoll in ihrer Rolle als konsequente Vertreterin von Qualität jenseits von Moden sieht man Rachel Griffith, die für „Six Feet Under“ immerhin einen Golden Globe erhielt. Dieser Part rund um die Musik ist einer der wenigen gelungenen in diesem Film, der damit allein seine jugendliche Zielgruppe befriedigen kann. Doch auch diese müsste man nicht unbedingt für so einfach gestrickt halten, wie es Anne Fletcher mit diesem Streifen tut.
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