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Höllentour
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Höllentour
Von Susanne Picard
Die Tour de France. Ein Ereignis, das wohl in der Sportgeschichte unvergleichlich ist. Sporthistoriker Serge Laget beschreibt es schon zu Beginn des Films: Die „Tour der Leiden“ ist etwas anderes als etwa die Olympischen Spiele („Welche meinen Sie? Die von München, die von Moskau? Die von Los Angeles? Oder vielleicht die Fußball WM? Welche? Die Tour ist unvergleichlich!“) und eins der extremsten Sportereignisse. Und im Jahr 2003 feierte sie ihren hundertjährigen Geburtstag, was Oscarpreisträger Pepe Danquart zum Anlass nahm, das Team Deutsche Telekom auf diesem härtesten Radrennen der Welt mit der Kamera zu begleiten.

Die Eindrücke, die er von diesen rund 20 Tagen, die eine der „Schleifen durch Frankreich“ dauert, mitgenommen hat, sind so vielfältig wie bekannt und doch gleichzeitig banal: Da sind die Gedanken von Telekom-Sprintstar Erik Zabel über seinen langjährigen Zimmergenossen und Mannschaftskameraden Rolf Aldag („Wie so’n kleines Eheleben“), das gründliche Rasieren der Beine („Is’ schon komisch, aber anders ist es noch unangenehmer!“), die täglichen Massagen und die zahlreichen Verletzungen, die jeder Fahrer in Kauf nimmt, der an dieser 3.427 Kilometer langen über 20 Etappen (plus Prolog) verteilten Tortur teilnimmt. Da werden Fans gezeigt, die die ganze Tour mit abfahren und bei jeder Etappe dabei und vor Ort sind, und der verhaltene Stolz des Teams, wenn ein Kollege eins der begehrten Trikots bekommt, die die Fahrer als die besten auszeichnen: Das Grüne für den schnellsten Sprinter, das Gelbe für den Gesamtführenden, das Weiße für den besten Jungfahrer und das Rotgepunktete für den besten Bergfahrer.

Langsam aber sicher wird auch klar, dass das Radfahren entgegen der landläufigen Meinung kein Sport für Einzelkämpfer ist, sondern ein Mannschaftssport. Da ist Rolf Aldag, der als Helfer gut am Berg fährt, Erik Zabel, der Sprinter und der Chef des Teams, der Kasache Alexander Winokurow, den seine Mitfahrer in jeder Situation unterstützen, um ihn in der Gesamtwertung nach vorn zu bringen. Dass sich Kollege Andreas Klöden schon am ersten Tag in einer Massenkarambolage schwer verletzt, ist Pech. Am Schluss stellt sich heraus, dass es ein heimliches Mannschaftsmitglied gibt: den Toursieger von 1997 Jan Ullrich. Ohne Neid konstatiert Zabel, dass „Ulle“ wohl diese einzigartige Gabe hat, ein Ausnahmesportler zu sein. Das gesamte Interesse der deutschen Medienlandschaft potenziert sich auf Ullrich, der 2003 für das italienische Team Bianchi fuhr, später aber wieder zum deutschen Vorzeigerennstall zurückkehrte. Deswegen schwebte das Phänomen Ullrich während der Tour 2003 immer wie ein Schatten über dem Team Telekom.

Und da sind nicht zuletzt die Fans, besonders die Franzosen, die aus der schnellen Durchfahrt der Fahrer durch den eigenen Ort eine Art Volksfest machen und aus dem Radsport eine Religion: Serge Laget mit seinem Archiv und den unzähligen Anekdoten, die er im Kopf hat, der begeisterte Abbé, der in seiner kleinen Kapelle unzählige Radtrikots aufgehängt hat, die Alpendorfbewohner, die sich mit Fernseher zum Picknick treffen und die vollgestopften Brasserien, in denen alle gebannt auf den Bildschirm starren. So etwas ist wohl der wahre Sportsgeist, den der begeisterte Serge Laget denn auch zwischendurch immer wieder besonders der Tour de France zuerkennt – hier werden die Helden gemacht und nicht bei den ach so berühmten Olympischen Spielen, jawohl.

So entsteht vor den Augen des Kinozuschauers - auch des sportunbegeisterten - in Fragmenten ein rundes Bild dieses sportlichen Großereignisses. Die Begeisterung zu Beginn, das Deprimiertsein nach einer anstrengenden, aber verlorenen Etappe, der Teamgeist, die kleinen Momente und großen ergeben einen filmischen Flickenteppich, der einen weit hinter die Kulissen blicken lässt, ohne dabei den Mythos, den die Tour de France mittlerweile gebildet hat, zu zerstören. Auch das will gekonnt sein. Ein Dokumentarfilm über ein Sportgroßereignis, das von Menschen gemacht wird. Und vielleicht deshalb zur Legende wurde.

Alle Toursieger
1903 M. Garin (Frankreich)
1904 H. Cornet (Frankreich)
1905 L. Trousselier (Frankreich)
1906 R. Pottier (Frankreich)
1907 L. Petit-Breton (Frankreich)
1908 L. Petit-Breton (Frankreich)
1909 F. Faber (Luxemburg)
1910 O. Lapize (Frankreich)
1911 G. Garrigou (Frankreich)
1912 D. Defraye (Belgien)
1913 P. Thys (Belgien)
1914 P. Thys (Belgien)
1919 F. Lambot(Belgien)
1920 P. Thys (Belgien)
1921 L. Scieur (Belgien)
1922 F.Lambot (Belgien)
1923 H. Pelissier (Frankreich)
1924 O. Bottecchia (Italien)
1925 O. Bottecchia (Italien)
1926 L. Buysse (Belgien)
1927 N. Frantz (Luxemburg)
1928 N. Frantz (Luxemburg)
1929 M. Dewaele (Belgien)
1930 A. Leducq (Frankreich)
1931 A. Magne (Frankreich)
1932 A. Leducq (Frankreich)
1933 G. Speicher (Frankreich)
1934 A. Magne (Frankreich)
1935 R. Maes (Belgien)
1936 S. Maes (Belgien)
1937 R. Lapebie (Frankreich)
1938 G. Bartali (Italien)
1939 S. Maes (Belgien)
1947 J. Robic (Frankreich)
1948 G. Bartali (Italien)
1949 F. Coppi (Italien)
1950 F. Kübler (Schweiz)
1951 H. Koblet (Schweiz)
1952 F. Coppi (Italien)
1953 L. Bobet (Frankreich)
1954 L. Bobet (Frankreich)
1955 L. Bobet (Frankreich)
1956 R. Warkowiak (Frankreich)
1957 J. Anquetil (Frankreich)
1958 C. Gaul (Luxemburg)
1959 F. Bahamontes (Spanien)
1960 G. Nencini (Italien)
1961 J. Anquetil (Frankreich)
1962 J. Anquetil (Frankreich)
1963 J. Anquetil (Frankreich)
1964 J. Anquetil (Frankreich)
1965 F. Gimondi (Italien)
1966 L. Aimar (Frankreich)
1967 R. Pingeon (Frankreich)
1968 J. Janssen (Niederlande)
1969 E. Merckx (Belgien)
1970 E. Merckx (Belgien)
1971 E. Merckx (Belgien)
1972 E. Merckx (Belgien)
1973 L. Ocana (Spanien)
1974 E. Merckx (Belgien)
1975 B. Thevenet (Frankreich)
1976 L. van Impe (Belgien)
1977 B. Thevenet (Frankreich)
1978 B. Hinault (Frankreich)
1979 B. Hinault (Frankreich)
1980 J. Zoetemelk (Niederlande)
1981 B. Hinault(Frankreich)
1982 B. Hinault (Frankreich)
1983 L. Fignon (Frankreich)
1984 L. Fignon (Frankreich)
1985 B. Hinault (Frankreich)
1986 G. Lemond (USA)
1987 S. Roche (Irland)
1988 P. Delgado (Spanien)
1989 G. Lemond (USA)
1990 G. Lemond (USA)
1991 M. Indurain (Spanien)
1992 M. Indurain (Spanien)
1993 M. Indurain (Spanien)
1994 M. Indurain (Spanien)
1995 M. Indurain (Spanien)
1996 B. Riis (Dänemark)
1997 J. Ullrich (Deutschland)
1998 M. Pantani (Italien)
1999 L. Armstrong (USA)
2000 L. Armstrong (USA)
2001 L. Armstrong (USA)
2002 L. Armstrong (USA)
2003 L. Armstrong (USA)
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