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    Nichts bereuen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Nichts bereuen
    Von Christian Horn
    Viel zu selten ist ein Film so erfrischend wie „Nichts bereuen“. Benjamin Quabecks („Verschwende deine Jugend“) Erstling erzählt zwar keine tief greifende Geschichte, kann aber durch eine innovative Machart und charismatische Darsteller überzeugen. Man merkt dem Drama deutlich an, dass es mit Herzblut gemacht worden ist und sich bewusst einer konversativen Ästhetik entziehen will, was ihm in den meisten Fällen auch gelingt.

    Das Thema ist allerdings altbekannt: Ein junger Mann, frisch von der Schule, ist an der Schwelle zum Erwachsenwerden angekommen. Er muss seiner Jugend den Abschiedsgruß geben, was nicht das Leichteste ist und wie meistens auch hier durch Liebesprobleme eingeläutet wird. In „Nichts bereuen“ heißt dieser junge Mann Daniel (Daniel Brühl; Was nützt die Liebe in Gedanken, Good bye, Lenin!). Daniel ist 19, hat gerade sein Abitur gemacht und war noch nie mit einer Frau zusammen. Er hat „noch nicht mal eine geleckt“, wie er dem Zuschauer schon am Anfang mitteilt. Seit Jahren ist er in Luca (Jessica Schwarz; Das Parfum, Der rote Kakadu) verliebt, und die wird ihn das erste Drittel des Films auch noch eingehend beschäftigen. Er holt sich Tipps von seinem besten Freund Denis (Denis Moschitto), vermasselt trotzdem ein Date mit der Flamme, versaut ihr schließlich die Fahrschulprüfung und hängt sich als Liebesbeweis selbst ans Kreuz. Dann lernt er die ältere Anna (Marie-Lou Sellem) kennen, die zweite Frau in seinem Leben, und die Dinge werden komplizierter. Er hat zum ersten Mal Sex, sammelt Erfahrungen bei seiner Zivildienststelle und emanzipiert sich von seinem Vater. Schließlich wird auch noch Denis in die Sache mit Luca involviert und die Männerfreundschaft auf eine harte Probe gestellt. Das hört sich alles sehr abgestanden und abstrus an, macht aber aufgrund der atmosphärischen Dichte von „Nichts bereuen“ im Kontext des Films durchaus Sinn. Und die beachtlichen Leistungen aller Darsteller, allen voran Jessica Schwarz und Daniel Brühl, der für seine erste Hauptrolle mit dem Bayerischen Filmpreis 2001 als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde, tun das Übrige.

    Und trotzdem: Man kennt das. Und es liegt auf der Hand, dass diese Art von Geschichte vor allem für die Betroffenen interessant ist. Was an „Nichts bereuen“ letztlich überzeugt, ist weniger sein Inhalt als seine äußere Form. Benjamin Quabeck erzählt mit sehr geringen finanziellen Mitteln auf eine Art, die mit einer lebendigen Leichtigkeit die Stimmungen der Protagonisten einfängt und an keiner Stelle prätentiös wirkt. Die insgesamt knallige Oberfläche nimmt sich Zeit für ruhige und intime Momente und wagt auch das Durchbrechen einer üblichen Dramaturgie und Erzählweise. Sehr gelungen ist etwa die Szene, in der Daniel zum ersten Mal auf Anna trifft und der Dialog von der eingespielten Musik übertönt wird. Quabeck setzt Untertitel, damit der Zuschauer dem Gespräch folgen kann und findet eine wunderbare filmische Metapher für den Moment, in dem es zwischen zwei Menschen funkt. Überhaupt ist „Nichts bereuen“ eine treffende Beschreibung der Zeit des Erwachsenwerdens und kommuniziert das dabei empfundene Gefühl sehr plastisch, ohne die übliche komödiantische Überzeichnung des Geschehens. Quabeck balanciert humorvolle und traurige Momente aus und kreiert einen Sog, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann. Schade, dass ihm das mit seinem zweiten Film, „Verschwende deine Jugend“, nicht ganz so gut gelungen ist.

    Eine Referenz an das Leben ist „Nichts bereuen“ auch. Alles lieben, alles leben, nichts bereuen, lautet das Credo des Films. Das Leben mit dem großen Löffel essen, und genau das macht Daniel und es ist angenehm, ihm dabei zuzusehen – bei den Erfolgen und Niederlagen. Im Lauf des Films macht er einen Prozess durch, der ihn am Ende zur Schwelle des Erwachsenseins führt, zu einem bewussten Leben mit eigenen Überzeugungen und Prinzipien, die in den gemachten Erfahrungen wurzeln. Und in Bezug darauf hat Quabeck das Schlussbild sehr treffend und einen Kreis schließend gesetzt. Auf dem Weg dahin, der auch hier das Ziel ist, hat er schon das Ein oder Andere über sich und das Leben raus gefunden. „Vergiss mal kurz, was Denis sagt“, lässt er uns mit Blick in die Kamera nach seinem ersten Kuss mit Luca wissen, „ich weiß nämlich auch was: Wenn die Luft, die sie ausatmet, besser riecht als die Luft drum herum, dann ist sie es. Und dann schnapp sie dir, wenn du kannst.“ Eine Erkenntnis über die Liebe, smart verpackt und absolut nachvollziehbar – völlig unprätentiös eben.

    Freunde des deutschen Films werden von „Nichts bereuen“ wahrscheinlich nicht enttäuscht sein, denn trotz der handelsüblichen Geschichte ist der Film auf eine eigene Art umgesetzt. Quabecks Debütfilm ist ein ausreichend innovatives Jugendrama über Liebe, Freundschaft und das Leben im Allgemeinen, das weder langweilig noch dumm ist und eine funktionierende Mischung zwischen Kunstanspruch und Unterhaltung gefunden hat. Ein lebendiger, stellenweise überzogener Film.
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