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Martyrs
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Martyrs
Von Wolf Speer
Was wurde Horrorfans in den vergangenen Jahren nicht alles versprochen. Seit Eli Roth mit seinem Metzelfilmchen Hostel im Jahr 2005 die aktuelle Folterwelle losgetreten hat, giert die Klientel nach mehr. Noch härter, noch blutiger, noch krasser lautet die Devise. Vor allem unsere französischen Nachbarn empfehlen sich seit einiger Zeit als Experten für grimmigen Realo-Horror. Ob nun Alexandre Ajas High Tension, die degenerierte Nazifamilie in Frontier(s) oder der Schwangerschafts-Schocker Inside – jedes Mal versprechen uns die Macher, dass das aber nun wirklich „der härteste Film aller Zeiten“ sei, der Dinge zeige, die man so vorher noch nicht gesehen hat und ganz sicher auch nicht wieder vergessen werde und überhaupt, bla bla bla, schon klar. Letztendlich konnten auch die jungen französischen Wilden ihre vollmundigen Versprechen nur bedingt halten – und der hart gesottene Genrefan wartet noch immer auf „diesen einen Film“, der sich endlich traut. Der weiter geht als alle anderen. Der Tabus bricht, Grenzen überschreitet. Der sich tief in den Magen und die Seele bohrt und dort ein blutiges Chaos aus Entsetzen und Verstörung hinterlässt. Pascal Laugiers „Martyrs“ ist nun „dieser eine Film“. Zartbesaitete Sensibelchen können direkt weiter klicken, denn „Martyrs“ meint es ernst. Todernst. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Und dabei fängt alles so konventionell an: 1971 schleppt sich ein junges Mädchen, brutal zusammengerichtet und am Ende seiner Kräfte, durch ein verlassenes Fabrikgelände irgendwo in Frankreich. Schließlich wird die Kleine von der Polizei aufgelesen und als Lucie (Jessie Pham) identifiziert, die seit mehr als einem Jahr als vermisst gilt. Eine Untersuchung im Krankenhaus ergibt, dass Lucie während ihrer Gefangenschaft sexuell nicht missbraucht wurde. Aber warum wurde sie dann so lange an einem geheimen Ort festgehalten? Und von wem? Das völlig verängstigte Mädchen kann oder will keinerlei Angaben zu seinen Entführern machen, die Hintergründe der Tat bleiben im Dunkeln. Nachdem sie von den ratlosen Beamten in ein Waisenhaus überführt wird, freundet sie sich dort vorsichtig mit der gleichaltrigen Anna (Erika Scott) an. Ihr gegenüber gibt Lucie zögernd ihr Geheimnis preis: Ein Kreatur verfolge sie, hierher ins Waisenhaus, und tue ihr weh. Zum Beweis zeigt sie ihre zerschnittenen Arme.

Zeitsprung. Rund 15 Jahre später macht sich die mittlerweile erwachsene Lucie (Mylène Jampanoi) auf den Weg zu einem hübschen Einfamilienhaus, eine geladene Schrotflinte in der Hand. Sie klingelt an der Tür, der Hausherr öffnet ihr. Wenige Augenblicke später liegt er mit zerfetztem Brustkorb im Flur. Doch damit ist ihr Rachedurst noch nicht gestillt, sie lädt die Waffe durch und tritt in die Küche. Eiskalt erschießt sie jedes Mitglied der Familie, verschont weder die flehende Mutter noch die beiden Kinder. „Weißt du, was deine Eltern damals getan haben?“, fragt sie den halbwüchsigen Sohn, bevor sie ihn tötet. Offenbar glaubt sie, ihre Peiniger gefunden und sich für das ihr zugefügte Leid endlich gerächt zu haben. „Ich hab’s getan!“, schreit sie ins Telefon von Anna (Morjana Aloui), die im Auto auf Nachricht von ihr wartet. Am Tatort angekommen, bietet sich Anna ein grauenvolles Blutbad; sie ist entsetzt über die Kaltblütigkeit ihrer Freundin. Wie kann Lucie nach 15 Jahren so sicher sein, keinen tödlichen Fehler gemacht zu haben? Waren das wirklich ihre Folterer von damals oder hat sie im Wahn eine unschuldige Familie ermordet? Was ist vor all der Zeit nur geschehen, das so ein Massaker rechtfertigen könnte? Und dann taucht im Haus plötzlich eine Kreatur auf, die Lucie nur zu gut kennt. Es ist noch nicht vorbei…

Noch mehr zu verraten, käme einem Sakrileg gleich. Wer bislang noch nichts über den Film gelesen hat und auch noch keinen Trailer gesehen hat: Gut so! Je weniger man über die weitere Handlung weiß, umso besser. Denn „Martyrs“ ist – und dieses Mal ist die Bezeichnung wirklich angebracht – eine filmische Grenzerfahrung. Ein Experiment aus Schmerz und Qual, das am besten funktioniert, wenn es einen unvorbereitet erwischt. Wer glaubt, die scheinbar simple Rahmenhandlung um späte Rache durchschaut zu haben, dem sei gesagt: Vergiss es! Wirklich nichts könnte einen auf die Abgründe aus Folter und Perversion vorbereiten, in die einen die folgenden knapp 90 Filmminuten führen. Manche haben „Martyrs“ mit einer Reise ins Herz der Finsternis verglichen, aber das ist falsch. „Martyrs“ hat kein Herz.

Ausnahmsweise sind die Kontroversen, die der Film auf internationalen Festivals ausgelöst hat, absolut berechtigt. Selbst in seinem Heimatland Frankreich, das traditionell Filmkunst gegenüber liberal eingestellt ist, wurde Pascal Laugier mit seinem Schocker von nahezu allen großen Filmstudios abgewiesen. Und während dort auch derbe Kost meistens mit einem großzügigen Ab-16-Rating durchgewunken wird, wurde „Martyrs“ zunächst ausschließlich für Erwachsene freigegeben – eine Einstufung, die sonst nur Hardcore-Pornographie vorbehalten ist. Erst durch den Einsatz der Kultusministerin Christine Albanel kamen auch jugendliche Kinogänger in den „Genuss“ des Streifens. Scheinbar liegt selbst den so aufgeschlossenen Franzosen schwer im Magen, was ihr schönes Land als momentaner Tonangeber im Horrorgenre da hervorgebracht hat. Aber was macht „Martyrs“ denn nun so hart, dass selbst abgebrühte Allesgucker benommen aus dem Kino torkeln?

In „Martyrs“ geht es – im Gegensatz zu den meisten Genre-Verwandten - nicht um Sadismus. Das mag paradox klingen bei einem Film, der wegen seiner ausufernden Gewalt- und Folterszenen für Aufsehen sorgt. Doch Regisseur Pascal Laugier ist nicht am billigen Blutrausch oder an der Triebbefriedigung durchgeknallter Hobby-Metzger interessiert. Degenerierte Hinterwäldler oder reiche Psychopathen findet man in anderen Filmen, das kennen wir schon. „Martyrs“ hingegen macht aus Schmerz Wissenschaft und aus Folter System. Am Ende blicken wir fassungslos auf ein kaum noch menschliches Wesen, das einmal ein junges Mädchen war. „Es ist so leicht, ein Opfer zu schaffen“, sagt jemand an einer Stelle des Films. Es braucht nur Gewalt; Schläge, Schnitte und Demütigungen, immer wieder, bis ein Mensch endgültig gebrochen wird, körperlich und geistig. „Martyrs“ führt uns das mit einer Konsequenz vor Augen, die ungeheuerlich ist.

Muss das sein? Muss man brutalste Misshandlungen zu einer viertelstündigen Sequenz ausdehnen, um das Ausmaß menschlichen Leidens begreifbar zu machen? Die Debatte ist wohl so alt wie das Genre selbst. Im diesem Fall lautet die Antwort jedoch: Ja, das muss man. Wäre Pascal Laugier so feige gewesen wie viele seiner Regie-Kollegen, die im letzten Moment gnädig abblenden und ihren geschundenen Protagonisten die Möglichkeit auf Erlösung einräumen, hätte „Martyrs“ nicht funktioniert. So aber trifft er mit der Wucht eines Dampfhammers – er zwingt uns hinzusehen, wenn wir wegsehen wollen. Er zeigt das Unzeigbare. Er inszeniert den Schmerz so unmittelbar, dass wir ihn im Kinosessel körperlich mitfühlen. Das ist schwer zu ertragen (nicht selten verlassen ganze Zuschauergruppen die Vorführungen), aber brutal ehrlich und konsequent. So wie auch Gaspar Noes großartiger Irréversible, der die Vergewaltigung im Mittelteil nicht ausspart, weil sie integraler Bestandteil der Geschichte ist. Wer die Qual begreiflich machen will, muss sie auch zeigen. Bis zur Schmerzgrenze. Und darüber hinaus.

„Martyrs“ wird erbitterte Diskussionen auslösen. Darüber, was man in einem Film zeigen kann, zeigen muss und ob man einen derart mitleidlosen, fast schon asozialen Film überhaupt zeigen darf. Laugier selbst bezeichnete in einem Interview den Horrorfilm als das freieste aller Genres. Diese Freiheit hat er in „Martyrs“ ausgenutzt, ohne falsche Rücksicht auf erzählerische Konventionen oder ethische Tabus. In seiner Radikalität löst er damit ein Versprechen ein, an das wir kaum noch glauben wollten: Er zeigt uns etwas, das wir garantiert noch nie gesehen haben. „Martyrs“ hat nichts mit dem üblichen 08/15-Splatter zu tun, der uns permanent als neue Stufe des Horrors verkauft wird und mittlerweile nur noch ermüdet. Das hier ist die wirkliche Evolution des Terrors. Dieser Film wird nur einen Bruchteil der Zuschauer erreichen und ist doch einer der wichtigsten und besten des Jahres. Ganz große Filmkunst, die weh tut, aber an der man nicht vorbeikommt. Ansehen auf eigene Gefahr – das ist ausnahmsweise kein Werbespruch, sondern eine ernst gemeinte Warnung vor einer filmischen Schocktherapie. Sagt hinterher nicht, wir hätten euch nicht gewarnt.
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Kommentare

  • Jan23
    "...das hat nichts mit Unterhaltung zu tun."Sagt er ja auch nicht.
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