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Shutter Island
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Shutter Island
Von
Der Vorhang ist gelüftet und eine der scheinbar kuriosesten Studioentscheidungen der jüngeren Geschichte bekommt seine Auflösung. Was war passiert? Der US-Major Paramount Pictures hatte den Start seines heißen Oscar-Kandidaten „Shutter Island“, einen Thriller von Meisterregisseur Martin Scorsese nach dem Bestseller von Dennis Lehane (Mystic River) mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, von Oktober 2009 auf Februar 2010 verschoben und somit die finanziell so lukrative Award Season bewusst sausen lassen. „Ökonomische Gründe“, ließ Paramount-Chef Brad Grey lapidar verlautbaren. Doch nun, wo „Shutter Island“ auf der 60. Berlinale seine Uraufführung hatte, ist gewiss, dass man einem großen Mann wie Martin Scorsese einfach die Schmach, die beispielsweise ein Peter Jackson jüngst mit seiner Nicht-Berücksichtigung für seinen Mystery-Thriller In meinem Himmel erlitten hatte, ersparen wollte. „Shutter Island“ ist zwar durchaus ein guter Psycho-Thriller, aber kein Meisterwerk mit Preispotential.

Shutter Island, 1954. US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und sein neuer Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) reisen auf die abgelegene Insel vor der US-Ostküste, um das mysteriöse Verschwinden der Patientin Rachel Solando (Emily Mortimer) aufzuklären. Doch in der Anstalt für geistesgestörte Gewaltverbrecher stoßen die Bundesbeamten auf eine Mauer des Schweigens. Der ärztliche Leiter Dr. Cawley (Ben Kingsley) verweigert den Cops die Einsicht in die Akten und auch seine Mitarbeiter stellt er nur sehr widerwillig für Befragungen zur Verfügung. Daniels und Aule finden schnell heraus, dass Solando nicht ohne Hilfe geflohen sein kann. Ihre Chance von der Insel zu entkommen, ist aber verschwindend gering. Die einzige Verbindung zum Festland ist eine Fähre, zu schwimmen wäre reiner Selbstmord. Nachdem Solandos behandelnder Arzt Dr. Sheehan überstürzt in den Urlaub abgereist und nicht mehr zu erreichen ist, intensiviert Daniels seine Bemühungen und will mit aller Macht herausfinden, was auf der Insel gespielt wird. Aber auch der Marshal verfolgt ganz eigene Interessen, er vermutet, dass im Ashecliffe Hospital geheime Experimente an lebenden Patienten durchgeführt werden. Ferner macht ihm immer noch der Tod seiner geliebten Frau Dolores (Michelle Williams) zu schaffen, die in ihrem Appartement bei einem Brand erstickte…


Martin Scorsese spielt in jener exquisiten Oberklasse von Regisseuren, die höchstens eine Handvoll Mitglieder zählt. Wenn der New Yorker einen neuen Kinospielfilm an den Start bringt, ist das schon für sich genommen ein Ereignis. Hatte der Italo-Amerikaner früher in Robert De Niro (Hexenkessel, Taxi Driver, Wie ein wilder Stier, Kap der Angst, GoodFellas, Casino) seine Muse, übernahm Leonardo DiCaprio 2002 bei Gangs Of New York den Staffelstab und spielt nun nach Aviator und The Departed schon seine vierte Hauptrolle für den Großmeister. Die Vorzüge liegen auf der Hand: DiCaprio ist nicht nur einer der besten Schauspieler seiner Generation, sondern auch ein echter Filmstar, der die Menschen alleine mit seinem Namen in die Kinos locken kann. Das mag auch mit „Shutter Island“ gelingen, immerhin hat das Studio die mögliche negative Publicity bei einem Oscar-Reinfall vermieden.

Scorsese geht gleich zu Beginn in die Vollen. Der Score tost pompös-offensiv voran und schafft eine Atmosphäre wie in einem B-Horror-Thriller, die von Robert Richardsons (Inglourious Basterds, „Aviator“) überragender Kameraarbeit veredelt wird. Der cinephile Regisseur vermischt die Genres und nimmt mit der visuellen Gestaltung sowie mit Hard-Boiled-Dialogen Anleihen beim Film Noir, während er immer tiefer in die Psyche seiner Hauptfigur eintaucht, die versucht, das Rätsel von Shutter Island zu lösen.

Die Puzzlestücke, die von Drehbuchautorin Laeta Kalogridis (Pathfinder, Alexander) geschickt ausgelegt werden, beschäftigen das Publikum erst einmal eine Weile, jeder Zuschauer kann sich einen eigenen Reim darauf machen und wer sich dafür viel Zeit lässt, hat keine Nachteile, denn mit einem Wendungs-Coup werden die Karten neu gemischt. Unabhängig davon schleichen sich im Mittelteil einige Längen ein, die Handlung kommt nicht voran und verliert ihren Fokus. Aber das ist die Ruhe vor dem Sturm: Im dritten Akt überschlagen sich schließlich die Ereignisse.

DiCaprio (Blood Diamond, Zeiten des Aufruhrs), den gern unterschätzten, aber oft ausgezeichneten Mark Ruffalo (Zodiac, Collateral, Die Stadt der Blinden) und Ben Kingsley (Gandhi, Schindlers Liste) zur Verfügung zu haben, ist ein Segen, aus dem aber auch eine Verpflichtung erwächst. DiCaprio ist der klare Dominator des Films. Alles ist auf den Kalifornier zugeschnitten, der mit purer Präsenz Akzente setzt. Sein Marshal Daniels wird von inneren Dämonen gejagt, die ihn aber nicht hemmen, sondern anspornen, weiter zu ermitteln. Leider übertreibt es Scorsese mit geradezu epischen Rückblenden, die Daniels‘ mentale Instabilität bebildern. Immer wieder geht es zurück in Daniels‘ Zeit im Zweiten Weltkrieg. Er hat als US-Soldat an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau mitgewirkt, sich aber auch selbst kaltblütiger Morde schuldig gemacht. Damit nicht genug, in einer zweiten Flashback-Ebene plagt ihn der Tod seiner Frau Dolores, die in seinen Träumen zu ihm spricht und ihm Ratschläge gibt, was als nächstes zu tun sei. Diese Ausflüge in die Psyche sind für die Prosa eines Romans ein Geschenk, aber ihre filmische Illustration ist generell heikel. Während der Zuschauer gespannt die Thrillerhandlung weiter verfolgen will, hemmen die Rückblenden immer wieder den Erzählfluss.

DiCaprios Co-Star Mark Ruffalo steht unübersehbar im Schatten des großen Leo. Er erfüllt überwiegend die Funktion eines Stichwortgebers für seinen Boss. Ruffalo erhält wenig Gelegenheiten zu eigenen Akzenten, aber überzeugt bei diesen mit seiner ruhigen Art. Ben Kingsley als Gegenpol zu den beiden US-Marshals hat im Vergleich dazu die weitaus dankbarere Rolle. Der Oscarpreisträger gefällt mit zurückhaltendem Spiel, was seine Figur des undurchsichtigen Dr. Cawley noch einmal geheimnisvoller erscheinen lässt.

Mag es dramaturgisch auch einige Holprigkeiten geben, stilistisch ist „Shutter Island“ absolut über jeden Zweifel erhaben. Die abgelegene Insel ist ein perfekter Drehort, die raue Landschaft und deren Inszenierung gemahnt an Klassiker der Sechzigerjahre und das Wetter nimmt teilweise gar die Funktion einer Nebenrolle ein, wenn ein kräftiger Sturm über das Eiland zieht und den Mikrokosmos Shutter Island ins Chaos stürzt.

Fazit: Martin Scorseses „Shutter Island“ ist kein Meisterwerk. Oft sind die Einzelteile des Thrillers besser als das Ganze, daran ändert auch die herausragende Kameraarbeit von Robert Richardson und das engagierte Auftreten von Leonardo DiCaprio nichts. Ansonsten gibt es von allem etwas zu viel: Die Cops sind ein bisschen zu abgebrüht, die Anstaltsaltvorderen ein wenig zu finster und die Schatten, die das Ungemach wirft, einen Tick zu lang. Doch die Brillanz, mit der Scorsese das alles inszeniert, ist trotz aller Einwände bewundernswert und macht aus „Shutter Island“ einen absolut sehenswerten Film.
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