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    Jesus Christus Erlöser
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Jesus Christus Erlöser
    Von Christian Horn
    „Ich steige auf den ersten besten Tisch
    und spreche, schreie, brülle, flüstere
    hauche, keuche, weine, lache die Balladen
    des François Villon aus meiner Seele.
    Barfuß, in zerrissenem Pullover und mit
    Schiebermütze, in der ich nach jeder Ballade
    Geld einsammle.“
    (Klaus Kinski)


    Er ist unglaublich, dieser Kinski. Er stößt vor den Kopf, regt auf, verwirrt – begeistert, weckt Interesse und übt eine ganz eigene Faszination aus, die Regisseur Peter Geyer in seinem erschütternden Zeitdokument „Jesus Christus Erlöser“ für die große Leinwand urbar macht. Obwohl er meistens in schlechten, trashigen Filmen gespielt hat, ist er einer der wichtigsten und umtriebigsten deutschen Schauspieler. Auf jeden Fall einer der markantesten. Einer, an dem man schlicht und ergreifend nicht vorbei kommt; ob man ihn nun liebt oder hasst, bewundert oder verachtet. Kinski reibt auf, polarisiert. Er ist der Bösewicht und Standard-Psychopath aus den Edgar-Wallace-Verfilmungen („Der Zinker“, „Der schwarze Abt“), einer der wesentlichen Schauspieler der Italo-Western (Leichen pflastern seinen Weg, Für ein paar Dollar mehr) und das Alter Ego, die Muse (wenn man so will) von Werner Herzog (Fitzcarraldo, Nosferatu - Das Phantom der Nacht). Und noch mehr: Er stand auf der Bühne, inszenierte fürs Theater (zum Beispiel Dostojewskijs „Schuld und Sühne“; für die Aufführung entwarf er auch die Kostüme), war als Autor tätig und als Selbstdarsteller.

    In seiner Anfangszeit, bevor er zum Superstar geworden ist, machte er sich zwischen 1952 und 1962 einen Namen als Bühnenredner. In zumeist ausverkauften Sälen zitierte (und damit: interpretierte) er unter anderem Textstellen von Schiller, Goethe und Shakespeare, sprach Texte von Rimbaud und Märchen von Oscar Wilde. Eine Anhängerschaft formierte sich um ihn (in nur vier Jahren veröffentlichte Kinski 30 Hörplatten), doch Kinski wandte sich dem Filmgeschäft zu; bis er am 20. November 1971 wieder als Redner auf der Bühne stand, in der Berliner Deutschlandhalle – für seine mittlerweile legendäre „Jesus Christus Erlöser“-Tour, in der er das Neue Evangelium neu deutet. Die etwa 5.000 Zuhörer fühlten sich schnell provoziert, sie waren zum Diskutieren gekommen und nicht, um sich einen zornigen Monolog entgegen schmettern zu lassen. Der „Abend mit Klaus Kinski“ eskalierte und wurde zum Fiasko.

    „Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen...“

    Der in Leben und Werk Klaus Kinskis sehr bewanderte Regisseur Geyer hat aus allen verfügbaren Bild- und Tonaufnahmen nun einen Film montiert, dessen Ziel es ist, den Vortrag und vor allem die aufgeladene Atmosphäre des Abends möglichst genau zu rekonstruieren. Kinski selbst hatte 16-Millimeter-Aufnahmen angeordnet und Standfotos des Auftritts immer wieder für Plattencover und ähnliches verwendet, sträubte sich aber dagegen, das Material zu editieren. Denn: „Wenn ich das täte, würde das Pack mir nur nachsagen, dass ich ein schlechter Verlierer sei. Solange ich lebe und nicht irgendwelche beschissenen „Lifetime achievement awards“ küsse, würden die mich nur noch mal ans Kreuz schlagen. Das musst du nach meinem Tod versuchen, dann werden sie mich endlich vermissen.“ Peter Geyer, der über Umwege an das Material gelangt ist, hat dies nun vorbildlich gemacht. Der Dokumentarfilm „Jesus Christus Erlöser“ kommt ohne jeglichen Schnörkel aus. Die lange, immer wieder (und wortwörtlich) neu begonnene Rede ist absolut ungekürzt, es gibt keinen Kommentar oder eingeschnittene Interviewaufnahmen. Nur Kinski und sein Publikum – und die Chronologie eines aufgepeitschten Abends. Die Inszenierung, beziehungsweise die Montage, ist ganz und gar dem Auftritt verpflichtet und erinnert zum Beispiel an John Waters One-Man-Show „This Filthy World“, die – wie auch „Jesus Christus Erlöser“, allerdings ein Jahr vorher – auf der Berlinale aufgeführt worden ist. Nur, dass es bei Waters was zu Lachen gab, während Kinski schockiert und aufwühlt. Oder so: Kinskis Monolog, der mit den Worten „Gesucht wird Jesus Christus“ eröffnet, kommt einer Katharsis gleich: Durch Jammer und Schrecken, Schock und Angst animiert er das Publikum zum Denken, zu einer – wie auch immer gearteten – (Selbst)Erkenntnis.

    „Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.“
    (Kinski in seiner Autobiografie „Ich brauche Liebe“)


    Die zentrale Rolle dabei und in dem Dokument überhaupt nimmt die Beziehung zwischen Kinski und seinem Publikum ein. Die Zuhörer sind zum Diskutieren gekommen, sie lehnen Autoritäten ab, immerhin ist ja 1971 – Kinski ist gekommen, um einen auswendig gelernten Monolog zu sprechen, immerhin ist er ja Klaus Kinski. Einen radikalen, provokanten Monolog, den das Publikum, das dem Redner unterstellt, Jesus sein zu wollen, nicht hinnehmen kann. Zwischenrufe wie „Phrasendrescher!“, „Du streust Hass!“ oder auch „Arschloch!“ stören Kinskis Konzentration und lassen ihn rasend werden. Er schimpft zurück, straft mit seinen blauen, halb wahnsinnigen Augen: „Wer von euch nicht nur eine große Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Oder: „Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!“ Er verlässt die Bühne, kommt zurück, verlässt wieder die Bühne. Wird gegenüber einem Gast handgreiflich, der ins Mikrofon spricht, schubst ihn weg und beschimpft ihn als „dumme Sau“. Diese harten Auseinandersetzungen sind nicht nur erschütternd, sondern geben auch ein Zeugnis von der Zeit um 1968. Somit ist „Jesus Christus Erlöser“ nicht nur eine Art Kinski-Porträt, sondern auch ein zeitgeschichtliches Dokument.

    „Schnauze halten zum Evangelium“ titelte die FAZ damals; Presse und Publikum warfen dem Redner vor, sich als Jesus zu stilisieren und sahen den Auftritt als gescheitert an. Was nicht wirklich stimmt: „Gesucht wird Jesus Christus“ ist Kinskis berühmteste Rede und vielleicht auch der Motor für seinen Status als Kultfigur, als Mythos und irres Genie. Die Tour wurde zwar nicht zu Ende geführt (es gab noch einen Auftritt in Düsseldorf – ohne Unterbrechungen), aber das war wohl auch nicht mehr nötig. Dass der Abend nun im Kino zu sehen ist, erscheint mehr als gerechtfertigt. Und ihm dort beizuwohnen, kann vielleicht aufregen oder wütend machen, aber in keinem Fall schaden.
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