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Last Goodbye
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Last Goodbye
Von Stefan Ludwig
Episodenfilme sind ein nicht immer einfaches Sujet. Es müssen deutlich mehr Charaktere als üblich eingeführt werden – was meist zur Vernachlässigung von deren Zeichnung führt. Außerdem muss der Zuschauer irgendwie den Überblick behalten können, oder zumindest das Gefühl haben. Und bei der Auflösung der Handlungsknoten ist die Erwartungshaltung dann auf hohem Niveau. Beispiele für gutes Gelingen waren zuletzt L.A. Crash oder 11:14. Nun versucht sich Regie-Neuling Jacob Gentry mit „Last Goodbye“ an diesem schwierigen Genre. Entgegen dem nahe liegenden Scheitern meistert er seine Feuertaufe ohne größere Schwierigkeiten, auch wenn einige vielleicht kleine Ungereimtheiten finden mögen.

Agnes Shelby (Clementine Ford) ist Vampirjägerin, eine Art Buffy-Klon. Sie prügelt sich fleißig mit den Untoten oder greift zum Schwert, wenn sie es mit ihrem Erzfeind zu tun hat. Agnes ist Heldin der trashigen Vampirserie „Southern Gothic“. Im richtigen Leben allerdings will sich dieser Status der Unbesiegbaren nicht fortsetzen. Stattdessen endet ihre Liason mit dem Rockmusiker Peter (Liam O´Neal), als sie dessen attraktiven Bandkollegen Seymour (Chad McKnight) kennen lernt. Außerdem gibt es da noch Robert (Chris Rydell), der nach einem Unfall mit einem Dachschaden ausgestattet ist, den der ständige Alkoholfluss auch nicht verschwinden lassen will. Er hat sich in die 16-jährige Jennifer (Maggie Blye) verliebt, ausgerechnet die Tochter seines Chefs. Die allerdings flirtet und schläft gerade noch fleißig mit Peter.

Die Story von „Last Goodbye“ erstreckt sich auf verschiedene Handlungsstränge, die zu einem verwirrenden Spiel zusammengestrickt werden. Mit der Zeit werden diese mehr und mehr vereint, was natürlich auf eine Schlusspointe hinausläuft. Das ist der Clou des Films, der nicht völlig zu Unrecht mit „L.A. Crash“ verglichen wird. Allerdings darf dies lediglich aufgrund der Drehbuchdramaturgie geschehen – inhaltlich haben sie nicht viel gemein. Die absichtliche Verworrenheit macht aber bei beiden Filmen den Reiz aus. Der Zuschauer fragt sich lange, welche Rolle die einzelnen Personen wohl spielen mögen. Roberts Midlife Crisis scheint zunächst völlig unabhängig vom restlichen Geschehen zu sein. Die digitale Optik und die teilweise typisch wacklige Handkamera sind hierzu praktisch in logischer Konsequenz im Einsatz.

Regisseur und Co-Autor Jacob Gentry ist ein ziemlich unbeschriebenes Blatt – es handelt sich um sein Debüt als Regisseur. Wenn der 29-Jährige so weitermacht, ist von ihm noch einiges zu erwarten. Gezielt setzt er seine Schauspieler in Szene, lässt sie vor der Kamera wie wahre Menschen wirken und kann mühelos die Handlungen vereinen. Als sich später die Ereignisse überstürzen, schneidet er die Geschehnisse ineinander, was Spannung und damit Puls merklich erhöht. Die Einsätze von vereinzelter, passender Slow-Motion und häufigen, innovativen Kamerafahrten sprechen ebenfalls für seine Qualitäten. Als nächste Arbeit ist er für ein Horrorprojekt namens „The Signal“ eingespannt – hier teilt er sich allerdings den Regiestuhl mit den beiden weiteren Neulingen Dan Bush und David Bruckner.

Das erste Highlight – nach dem hervorragenden Vorspann – ist ein TV-Interview. Agnes sitzt vor einem Moderatorenpärchen, ist sichtlich nervös. Sie gibt zögerliche Antworten, doch das spielt ohnehin kaum eine Rolle: Die beiden lassen sie nämlich nicht zu Wort kommen. Offensichtlich geht es ihnen nur darum, sich selbst und ihre Show in Szene zu setzen. Selten wurde so überspitzt dargestellt, dass es einer TV-Show nicht um den Mensch geht, der eingeladen wird, sondern sozusagen nur darum, den Star in der Sendung zu haben. Die Einschaltquoten lassen grüßen. Auch später sorgt Clementine Ford für bewegende Bilder, wenn sie sich von einer Produzentin, ausgezeichnet gespielt von Altstar Faye Dunaway, zum Trinken verleiten lässt. Ihr Unvermögen, mit dem Starleben umzugehen, macht sie buchstäblich sichtbar, sie erscheint als Marionette der umgebenden Personen.

Als solche wird Roland zwar bezeichnet, kann sich aber im Laufe der Zeit aus dieser Rolle befreien. Als plötzlich Jennifer vor ihm steht, ist er zunächst überfordert, schafft später dank Fred jedoch aus diesem Käfig auszubrechen. Dieser wird verkörpert von David Carradine, der zuletzt in Kill Bill Vol. 2 ein sehenswertes Comeback feierte. Auch hier dominiert er die Szenerie - sobald er sich im Bild befindet, spielt er alles und jeden an die Wand. Gerade mit dieser Besetzung der Nebenfiguren durch altbekannte Stars kann „Last Goodbye“ punkten. Ein weiterer Pluspunkt ist der stilvolle Score und selbstverständlich die Hintergrundmusik von Altruistic, die mit ein paar Bühnenauftritten zu sehen sind. Ihr emotionaler Rock fügt sich in „Last Goodbye“ wie das heiße Messer in die Butter.

Es macht Spaß, dem Co-Autor und Regisseur Gentry bei seinem ersten Spielfilm sozusagen über die Schulter zu schauen. Er hat für jede Rolle die ideale Besetzung gefunden, schauspielerisch lassen sich keine negativen Kritikpunkte ansetzen. Mit der Novelle „Last Goodbye From Way Down Here“ von Patrick Kaye hat er ein gutes Händchen für eine Vorlage bewiesen. Das Drehbuch ist sicherlich nicht frei von Macken, so hätte ein bisschen weniger Komplexität dem Film durchaus zu mehr verhelfen können. Doch wie eingangs erwähnt, liegt genau hier die Falle von Episodenfilmen versteckt. Es verwundert nicht, wie für „Last Goodbye“ derart hochkarätige Nebenrollen besetzt werden konnten. Die weitgehend unbekannten Hauptdarsteller können ebenso allesamt überzeugen.
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