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    Ganz weit hinten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Ganz weit hinten
    Von Christoph Petersen

    Gleich für ihr erstes Spielfilmskript zu Alexander Paynes „The Descendants“ mit George Clooney haben Nat Faxon („Der Zoowärter“) und Jim Rash (der Schulleiter aus „Community“) einen Oscar gewonnen. Aber auf diesem Erfolg ruhen sich die eigentlich als Comedians bekannten Autoren nicht aus, ganz im Gegenteil: Bei der Verfilmung ihres zweiten Drehbuchs zu der sommerlichen Tragikomödie „Ganz weit hinten“ hat das Duo nun auch noch selbst die Regie sowie kleinere Nebenrollen übernommen – mit einem Oscar im Rücken lebt es sich in Hollywood eben deutlich leichter! Und das gilt offensichtlich auch fürs Anheuern von Schauspielern: Der Independentfilm ist gerade in den Nebenrollen förmlich mit namhaften Mimen vollgestopft, wobei vor allem „Sieben Psychos“-Star Sam Rockwell einmal mehr nachhaltig begeistert. Das Ergebnis: eine saustark gespielte Coming-of-Age-Ensemble-Komödie in der Tradition von „Little Miss Sunshine“, bei der Faxon und Rash allerdings nicht nur auf die gängigen Wohlfühl-Mechanismen setzen, sondern ihrem Publikum zwischendurch auch sehr ernste Töne zumuten und auf Beschönigungen verzichten.

    Auch wenn er viel lieber zu seinem Vater gefahren wäre, muss der 14-jährige Duncan (Liam James) die Ferien mit seiner Mutter Pam (Toni Collette) und ihrem arroganten Freund Trent (Steve Carell) in dessen Sommerhaus am Meer verbringen. Während die Erwachsenen abends Partys feiern und sich nach zu viel Rotwein zunehmend peinlich aufführen, fällt es dem schüchternen Duncan schwer, irgendwo Anschluss zu finden – zumindest bis er dem Wasserpark-Manager Owen (Sam Rockwell) begegnet. Der nimmt das Leben nicht nur viel lockerer als all die anderen Erwachsenen, er verschafft dem verloren wirkenden Teenager auch einen Job im „Water Wizz“ und damit dringend nötiges Selbstvertrauen. Vielleicht bekommt Duncan so ja noch rechtzeitig vor dem Ende des Sommers den nötigen Mut zusammen, um dem süßen Nachbarsmädchen Susanne (AnnaSophie Robb) seine romantischen Gefühle zu gestehen…

    Es gehört zur Natur des Teenagerlebens und damit auch der Coming-of-Age-Komödie, dass sich die Jugendlichen mit ihren Eltern in die Haare bekommen: die Kleidung, die Musik, die Ideen für die eigene Zukunft – es ist mehr als genügend Zündstoff für den Zoff zwischen den Generationen vorhanden. Zu den Regeln des Genres gehört normalerweise auch, dass das Publikum sich bereitwillig auf die Seite des gegen seine Eltern und die Erwachsenenwelt aufbegehrenden Heranwachsenden schlägt. Im Fall von „Ganz weit hinten“ fällt die Parteinahme allerdings gar nicht so leicht. Der selbstverliebte Trent eröffnet dem Sohn seiner Freundin zwar gleich in der ersten Szene, dass er ihn nur für eine 3 von 10 hält, womit er sich direkt als ziemlicher Kotzbrocken outet. Aber auch Liam James („Psych“) als Duncan taugt kaum als Identifikationsfigur: Zumindest in den ersten zwei Dritteln des Films tritt er derart lethargisch auf, dass man ihn am liebsten an der Gurgel packen und irgendwie wachrütteln möchte. Die Rollen sind hier also lange Zeit weit weniger offensichtlich verteilt als in vergleichbaren Filmen und die Probleme der Erwachsenen (was am Ferienort abgeht, wird von Susanne einmal sogar als „Spring Break für Eltern“ beschrieben) werden ebenso ernstgenommen wie die der Teenager.

    Steve Carell („Get Smart“) als 3-von-10-Trent, Allison Janney („The West Wing“) als alkoholkranke Nachbarin Betty, Amanda Peet („Keine halben Sachen“) als fremdgehende Familienbekannte Joan und schließlich Toni Collette („In den Schuhen meiner Schwester“) als Duncans Mutter, die ganz genau weiß, dass sie mehr für ihren Sohn da sein müsste, momentan aber eben erst einmal mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat – aus dieser hochkarätig besetzten, Rotwein trinkenden und Meeresfrüchte naschenden Lagerfeuerrunde ist absolut niemand als nacheiferungswürdiges Vorbild für Duncan geeignet, geschweige denn als uneingeschränkter Sympathieträger für den Zuschauer. Das sind eben keine Karikaturen wie Alan Arkins Großvater Hoover aus „Little Miss Sunshine“, der seine Enkelin auf eine Stripshow vorbereitet, sondern real wirkende Erwachsene mit Ecken und Kanten, die über das Leben in Wahrheit auch kaum mehr wissen als ihre Teenager-Kinder. Mit einer solch eindrucksvollen Galerie ernsthafter Figuren ist „Ganz weit hinten“ gelegentlich mehr Drama als Komödie, aber Rash und Faxon sorgen dafür, dass der Film nie ins Weinerlich-Schwermütige abdriftet.
     
    Das klingt trotzdem alles erst mal ziemlich depressiv… aber schließlich gibt es ja auch noch die Szenen im Wasserpark: Dort findet Duncan nicht nur einen Job, sondern in dem das Leben auf die leichte Schulter nehmenden Manager Owen auch den väterlichen Freund, den er so dringend braucht. Sam „Gebt ihm endlich eine Oscar-Nominierung!“ Rockwell („Moon“) und Maya Rudolph („Brautalarm“) als von Owen angehimmelte Co-Bademeisterin Caitlin lockern den Film dabei als charmant-coole Schwimmbad-Slacker so feinfühlig auf, dass „Ganz weit hinten“ durchaus auch das Versprechen einer Independent-Sommerkomödie einlöst. Der emotionale Kern der Geschichte wird dabei nie verraten: Hier löst sich nichts zum Ende hin einfach in Eitelsonnenschein auf, stattdessen gibt es nur einen angedeuteten Sonnenstrahl, über den man sich dann aber nur umso mehr freut. Und wenn der Abspann rollt, kann der Zuschauer ebenso wie die Kinder im „Water Wizz“ mal versuchen, auf einer Serviette aufzuzeichnen, wie das mit dem Überholen in der Wasserrutsche wohl tatsächlich möglich ist.

    Fazit: Ein bittersüßer Sommerfilm und ein gelungener Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen leichter Coming-of-Age-Komödie und ernstem Charakter-Drama.

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