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Dogtooth
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Dogtooth
Von Jan Görner
Die Geschichte des Josef Fritzl aus Amstetten mag besonders schlagzeilenträchtig gewesen sein, dennoch: Familie als totalitärer Überwachungsstaat, als inzestuöser Albtraum – das ist leider Gottes ganz und garkein Einzelfall. Mit seinem Psycho-Drama „Dogtooth" treibt der griechische Filmemacher Giorgos Lanthimos das fürchterliche Szenario auf die Spitze und liefert ein sperriges Meisterwerk ab, das gleichzeitig anwidert, bestürzt und fasziniert. Dass die Familien-Groteske, immerhin mit einer Oscarnominierung als bester nicht-englischsprachiger Film und einem Prix Un Certrain Regard bei den Filmfestspielen in Cannes geadelt, keinen deutschen Kino-Verleih gefunden hat, ist bedauerlich. Umso weniger sollten deutsche Filmfreunde sich die Gelegenheit entgehen lassen, diese Perle auf DVD nachzuholen.

In einer entlegenen Villa irgendwo in Griechenland hat sich ein Ehepaar eine eigene Welt erschaffen. Ihre Kinder haben die Mutter (Michele Valley) und der Vater (Christos Stergioglou) Zeit ihres Lebens von der Außenwelt abgeschottet. Wie auf einer einsamen Insel wachsen die inzwischen volljährigen Geschwister, ein Sohn und zwei Töchter, auf. Die Kinder folgen ihren Eltern bedingungslos, immer im Glauben jenseits der blickdichten Zäune lauerten tödliche Gefahren - bis eines Tages Eindrücke der Realität in die überbehütete Scheinwelt einbrechen. Und zwar in Gestalt der vom Vater angeheuerten Christina (Anna Kalaitzidou), die dem Sohn sexuell dienstbar sein soll...

Auf eine Exposition hat Giorgos Lanthimos bewusst verzichtet; die Motive des Ehepaares, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni, Hristos Passalis) hinter Schloss und Riegel zu halten, bleiben nebulös. Die Figuren haben keine Namen, der provinzielle Raum wird nicht näher verortet. Wohl aber beschreibt der Regisseur, der in seiner griechischen Heimat mit Musikvideos auf sich aufmerksam machte, von der ersten Einstellung an die Machtmechanismen hinter diesem grotesken Familienalltag. Mittels selbst gemachter Kassetten erteilen Mutter und Vater bizarren Hausunterricht, jeden Tag geben sie neue Vokabeln auf. „Autobahn" wird als starker Wind definiert, „Gewehr" als schöner, weißer Vogel und das „Meer" als Lehnsessel. Die Eltern kontrollieren die Sprache und darüber auch die Weltwahrnehmung ihrer Sprösslinge, ganz im Sinne von George Orwells „1984"-Neusprech.

Lanthimos nähert sich diesem Szenario mit eigentümlichem, tiefschwarzem Humor. Wenn der ängstliche Sohn eine durch den weitläufigen Garten irrende Katze tötet und der Vater dies als Vorwand nimmt, diese Spezies zum gefährlichsten Räuber der Erde zu erklären, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Zum Beweis der abstrusen These präsentiert sich der Hausherr blutverschmiert und in zerrissener Kleidung. Gezielte Desinformation, räumliche Isolation und Schauergeschichten über die Welt da draußen: „Dogtooth" ist eine monströse Parabel und ein ausgesprochen politischer Film. Schnell wird ersichtlich, dass hier Soziopathen herangezogen werden. Sexuelle Frustration und aufgestaute Aggression brechen sich Bahn in perversen Gewaltausbrüchen, die sich keineswegs nur gegen arglose Stubentiger richten. Umso bemerkenswerter, wie zurückgenommen das vorzügliche Ensemble diese Tour de Force spielt.

Auch Lanthimos Bildsprache ist der strengen Versuchsanordnung des Drehbuchs angepasst. Oft verharrt sein Kamerablick in bestimmten Einstellungen, ohne spezielle Details zu fokussieren. Das Licht wirkt diffus, nahezu träumerisch. Den Hausregeln zufolge ist ein Kind dann reif, das Nest zu verlassen, wenn ihm der rechte Eckzahn ausfällt. Bloß, diese jungen Menschen haben keine Peer group, sie können sich nicht an Autoritätsfiguren reiben, nicht auf jugendliche Identitätssuche gehen. Als sich die zur Triebabfuhr herbestellte Christina auch noch auf ein Tauschgeschäft mit der ältesten Tochter einlässt und ihr zwei VHS-Filme zuspielt, ist die Sehnsucht nach der mysteriösen Welt jenseits der Mauer endgültig geweckt. Was dann geschieht, soll nicht vorweggenommen werden – ein joviales Happy End jedoch, so viel sei verraten, wäre hier freilich völlig inkonsequent. „Dogtooth" ist eine neue Herausforderung an ein Publikum, das seinen Michael Haneke kennt und schätzt.
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