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Good Food, Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Good Food, Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft
Von Michael Smosarski
Vom Tagesschau-Bericht bis zur Arte-Doku, die Frage nach Strategien ökologischen und fairen Wirtschaftens ist medial präsenter denn je. Damit einher geht ein neues Bewusstsein elementarer Abhängigkeiten: Fleischproduktion und CO2-Ausstoß, Transportwege und Klimawandel. Auch das Kino trägt dieser Entwicklung Rechnung, beispielsweise in Form von ambitionierten aufklärerischen Filmen wie „We Feed The World", die mittels teils drastischer Bilder auch auf plakative Schauwerte setzen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Im Fall von Coline Serreaus Dokumentation „Good Food Bad Food" sind Anspruch und Umsetzung etwas anders gelagert, denn der Film verzichtet weitestgehend auf visuell eindringliche Appelle und versucht stattdessen, differenziert und ausführlich zu argumentieren. So sticht Serreaus Film paradoxerweise gerade durch seinen Verzicht auf originär filmische Qualitäten heraus und ist ein bereichernder Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion.

Ein profitorientierter globaler Handel basiert nicht nur auf naiv-glücklichen Konsumenten in der westlichen Welt, sondern auch auf der Ausbeutung am anderen Ende der Nahrungskette. Die westlich geprägte Wirtschaft, so argumentiert „Good Food Bad Food", schafft haarsträubende Rahmenbedingungen für Kleinbauern in der Dritten Welt. Großkonzerne kontrollieren weltweit das Saatgut und zwingen die Landwirtschaft dazu, sterile, ertragsoptimierte Samen anzupflanzen, die nur durch massiven Einsatz von Pestiziden und Bewässerung gedeihen. So zahlen Bauern Jahr für Jahr hohe Beträge für die kontinuierliche Vernichtung ihrer eigenen Lebensgrundlage, der Böden. „Good Food Bad Food" stellt in zahlreichen Interviews die Perspektiven von Betroffenen dar, die aktiv nach Lösungsansätzen suchen: indische Bauern, ukrainische Landwirte und französische Biologen, die traditionellen Ackerbau und Regionalwirtschaft als nachhaltige Strategien vorstellen.

Serreau will in erster Linie argumentativ überzeugen und nicht betroffen machen, obwohl natürlich auch das nicht ausbleibt, etwa wenn davon berichtet wird, dass indische Kleinbauern mit den Pestiziden, die sie ruiniert haben, in Massen Selbstmord begehen. Dieser Anspruch ist sehr konsequent umgesetzt: Lange Zeit fragt man sich, wann der Film zum Film wird, denn die Regisseurin präsentiert eine atemlose Abfolge von Protagonisten in ästhetisch spaßfreien Frontalinterviews. Wirklich nichts lenkt ab von der reinen Präsenz der jeweiligen Sprecher, die wortreich ihre Lebenssituation und ihr Denken erläutern. Off-Kommentare dienen als Brücke zwischen den einzelnen Positionen, größtenteils aber ist der Zuschauer gezwungen, das Gehörte gedanklich selbstständig nachzuvollziehen.

So, wie Serreaus Protagonisten sich im „unbewaffneten Widerstand" befinden, verfolgt auch die Regisseurin eine Guerillataktik des Filmemachens, die darin besteht, dem Zuschauer einen linksaktivistischen Fachartikel im Kinos unterzuschmuggeln – ob dazu aber zwingend auch einige wirklich ungeschickte Schnitte gehören, bleibt aber fraglich. Auch das Beharren darauf, „Männer" und „Patriarchat" gleichzusetzen, ließe sich aus Gender-Sicht bestimmt diskutieren. Irritierend ist außerdem der ein oder andere Verweis auf Astrologie und Esoterik - eine im Gesamtzusammenhang des Films überraschend sentimentale Schlusssequenz wäre ebenso nicht nötig gewesen.

Insgesamt jedoch funktioniert „Good Food Bad Food" sehr passabel. Der Film ist spröde, er zwingt den Zuschauer, sich intellektuell daran abzuarbeiten, und wird so seinem Stoff letztlich gerecht. Es wäre nett gewesen, wenn Serreau ihre Position auch ansprechend bebildert hätte, schließlich ist es ja ein (Kino!)-Film und keine Reportage in den Öffentlich-Rechtlichen anno 1980. Es ist allerdings auch konsequent, in einem konsumkritischen Film einfachen Konsum zu unterbinden, auch wenn das bedeutet, dass saure Äpfel als Kinosnack besser passen als Popcorn. So kann man der Aktivistin Serreau, abseits aller ästhetischen Urteile, letztlich nur das größte aller möglichen Komplimente machen: Man glaubt ihr.
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