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Berlin '36
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Berlin '36
Von Christian Horn
Oberhausen ’62: „Papas Kino ist tot!“ verkünden die ersten Vertreter des Neuen Deutschen Films. Inspiriert von der französischen Nouvelle Vague lehnen junge Autorenfilmer sich gegen das größtenteils handzahme und öde deutsche Qualitätskino der Fünfziger auf. Nun währte der Neue Deutsche Film nur bis in die frühen Achtziger und das deutsche Kino versackte erneut in einer künstlerischen Krise, die in den Neunzigern ihren traurigen Tiefpunkt erreichte. Heute geht es dem deutschen Film wieder gut. Er ist international anerkannt, bringt auch mal einen Oscar heim und hat mit der sogenannten Berliner Schule sogar so etwas wie eine Avantgarde. Kein Wunder also, dass auch das deutsche Qualitätskino wieder reüssiert. Und das bedient sich beinahe ausschließlich bei der deutschen Geschichte (Der Untergang, Das Leben der Anderen, Der Baader-Meinhof-Komplex) oder der deutschen Literatur (Das Parfum, Buddenbrooks, Effi Briest) – sogar der „Faust“ wird bald mal wieder verfilmt. Auch „Berlin ’36“, nach vielen Fernsehproduktionen das Kinodebüt von Kaspar Heidelbach, schlägt nun in diese Kerbe und buddelt eine alte Nazi-Anekdote aus, um sie mit einer recht namhaften Besetzung und gelackt-unspektakulären Bildern zum deutschen Blockbuster zu pushen. Das ist nicht nur deshalb schief gegangen, weil der Film diesen öden und handzahmen Fünfziger-Muff atmet, sondern vor allem, weil „Berlin ’36“ nicht wie Kino, sondern vielmehr wie ein leidlich ambitionierter Fernsehfilm anmutet.

Als Hitler-Deutschland 1936 die Olympiade vorbereitet, droht von amerikanischer Seite der Boykott, da die Nazis jüdischen Sportlern die Wettbewerbs-Situation erschweren und am liebsten gar keine Juden dabei haben wollen. Notgedrungen beordern die Nazis die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann (Karoline Herfurth, Im Winter ein Jahr, Der Vorleser) aus ihrem Exil in Großbritannien nach Deutschland, damit sie in Berlin für die deutsche Mannschaft antreten kann. Da Gretel aber die wohl beste Hochspringerin unter den Damen ist und die Nazis unmöglich eine Jüdin Gold holen lassen wollen, suchen sie händeringend nach einer Gegenkandidatin. Und die finden sie in Marie Ketteler (Sebastian Urzendowsky, Lichter, Pingpong), einer jungen Dame, die in Wirklichkeit ein Mann ist. Den Nazis soll’s recht sein, Hauptsache ihre Kandidatin springt höher als die Bergmann...

Es ist kaum zu glauben, aber diese haarsträubende Geschichte ist tatsächlich so passiert. Während der Olympiade 1936 trat eine gewisse Dora Ratjen (im Film wurde der Name geändert) beim Damenhochsprung an. Dora hieß eigentlich Horst, band sich das Geschlechtsteil nach oben und ging als Frau durch, auch wenn dies – sieht man sich zeitgenössische Fotos wie dieses an – nur schwer nachzuvollziehen ist.

Kaum zu fassen ist auch, dass Sebastian Urzendowsky den ganzen Film über in Frauenklamotten rumläuft. Unweigerlich muss man an Norman Bates in Psycho denken, wie er am Ende in den Kleidern seiner Mutter auftritt. So bleibt es auch nicht aus, dass die Urzendowsky-Frau für etliche unfreiwillig komische Momente sorgt, etwa wenn sie gefragt wird, ob sie denn noch nie ihre Tage hatte oder ein Nazi-Scherge resigniert feststellt: „Bei Ihnen ist aber einiges schief gelaufen.“ Auch wenn Urzendowsky zu den besseren jungen Darstellern des deutschen Kinos zählt, ist er in „Berlin ’36“ eine Fehlbesetzung. Es wäre sinnvoller gewesen, einen gänzlich unbekannten Schauspieler als Frau zu besetzen, wenn man nicht gerade auf eine Travestie-Klamotte zusteuern will.

Aber davon mal abgesehen, läuft in Heidelbachs Film auch noch einiges anderes schief. Negativ fällt vor allem die ätzende Schwarz-Weiß-Zeichnung auf, die dem Zuschauer keinerlei eigene Wertung gestattet und von einer differenzierten Darstellung kaum weiter entfernt sein könnte. Die Nazis sind von Grund auf böse und werden nicht mal für einen Mikro-Moment menschlich dargestellt. Und die beiden Protagonistinnen des Films erstrahlen im Gegenzug in strahlendstem Weiß ohne Fehl, wenn man mal davon absieht, dass die eine der beiden Frauen ein Mann ist. Die Trainingspartnerinnen der beiden sind dann wieder die bösesten Nazi-Mädels, die bei jeder Gelegenheit geifern und hetzen: Mit dem Vorschlaghammer bekommt der Zuschauer eingetrichtert, dass er die beiden Nazi-Hüpfer bitteschön mal überhaupt nicht leiden soll. Und dann hätten wir da noch Axel Prahl (Halbe Treppe), den fairen Trainer, der vom Regime abgesetzt und bei Seite geschafft wird. Einer, der sich zumindest im Kleinen auflehnt und daher die Sympathie-Punkte des Publikums auf seiner Seite hat.

Da hätten wir nun also die Guten und die Bösen, die Nazi-Opfer und die Nazi-Täter. Und auf keiner der beiden Seiten bemüht der Film sich um eine tiefergehende, differenzierte Charakterzeichnung. Wie Marie Ketteler sich als Pseudo-Frau fühlt, scheint Heidelbach nicht wirklich zu interessieren. In einigen kurz eingeschobenen Szenen wird der familiäre Hintergrund oberflächlich abgehandelt und als Erklärung für Kettelers lebenslange Verkleidung als Frau muss der platte Kniff herhalten, dass die Mutter immer eine Tochter wollte und den Sohn daher in die Mädchenrolle zwang. Und auch sonst erfährt man von den Figuren nur das Naheliegendste. Schade, dass Sebastian Urzendowsky und Karoline Herfurth, die beide gute Schauspieler sind, ihr Talent für solches Pseudo-Qualitätskino hergeben.

Dass „Berlin ’36“ dann auch noch wie ein Fernsehfilm inszeniert ist, macht die Sache natürlich nicht gerade besser. Die Dramaturgie ist so simpel gestrickt, dass man nebenher problemlos kochen könnte, ohne großartig etwas zu verpassen. Als kurzweilige Unterhaltung mag das durchgehen und immerhin weiß man nun um diese skurrile Olympia-Anekdote. Wenn man sich aber ernsthaft mit dieser Zeit beschäftigen möchte, sollte man lieber zum Original greifen und sich die – freilich umstrittenen – „Olympia“-Filme von Leni Riefenstahl ansehen.
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