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    Ekel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Ekel
    Von Gregor Torinus
    „Ekel" ist eine Mischung aus Psycho-Drama und Horrorfilm, 1965 in Schwarzweiß gedreht von Roman Polanski. Der Film, der heute als einer der größten Klassiker des Regisseurs gilt, war seinerzeit erst die zweite lange Arbeit Polanskis überhaupt und die erste, die er außerhalb seiner polnischen Heimat realisiert hatte. Auch Hauptdarstellerin Catherine Deneuve verdankt „Ekel" ihren Durchbruch als Charakterdarstellerin. Dieses surrealistische Meisterwerk besticht sowohl durch seine Personenzeichnung als auch durch seine visuelle Kraft.

    Die zwanzigjährige Belgierin Caroline Ledoux (Catherine Deneuve) bewohnt zusammen mit ihrer Schwester Hélène (Yvonne Furneaux) eine Wohnung in London. Caroline arbeitet als Maniküre in einem Schönheitssalon. Sie stört sich sehr daran, dass Hélènes verheirateter Freund Michael (Ian Hendry) regelmäßig bei ihnen zu Besuch ist und dort auch mit ihrer Schwester schläft. Caroline ist nahezu krankhaft kontaktscheu, absolut einsam und daher stark auf Hélène fixiert. Männer scheinen sie generell regelrecht anzuekeln. Nachdem ihr Verehrer Colin (John Fraser) sie einmal küsst, putzt sich Caroline anschließend sofort die Zähne. Als Hélène zusammen mit Michael für zehn Tage nach Italien in den Urlaub fährt, fühlt sich Caroline endgültig verlassen. Es kommt zur Katastrophe.

    „Ekel" beginnt mit der leinwandfüllenden Darstellung von Catherine Deneuves Auge. Schriftzüge kreuzen von wechselnden Seiten her die Pupille. Sofort assoziiert der Cinephile die legendäre Szene aus Luis Buñuels experimentellem Kurzfilm „Ein andalusischer Hund" (1929), in der ein Auge von einer Rasiermesserklinge zerschnitten wird. Auch folgende Bilder, wie das eines verwesenden Hasen, erinnern an Buñuels Meisterwerk. In „Ekel" kommt es zu einer immer stärkeren Verschmelzung von physischen und psychischen Räumen. Die Außenwelt der menschlichen Beziehungen und der Außenraum der fremden Stadt erscheinen Caroline oft rätselhaft, wenn nicht gar bedrohlich. Ihre Wohnung ist Carolines Zuflucht und ihr Inneres ihr Schutzraum vor den anderen Menschen. Zugleich ist die Wohnung ein Spiegel für ihr Innenleben. Carolines zunehmender psychischer Verfall geht mit halluzinierten und realen Verfallserscheinungen des Apartments einher. Mehr und mehr wirkt die Wohnung selbst bedrohlich auf Caroline. Das Thema der Wohnung als Ort der Bedrohung griff Polanski noch zweimal auf. Die beiden Filme Rosemary´s Baby" (1968) und „Der Mieter" (1976) ergänzen „Ekel" zu der berühmten „Mieter-Trilogie".

    Brilliant verkörpert Catherine Deneuve diese Caroline. Man kann nie sicher sein, ob diese tatsächlich wahnsinnig ist oder vielmehr eine hochsensible junge Frau, die an der Kälte ihrer Umgebung zerbricht. Oberflächlich gesehen, bewegt sich Caroline in einem recht angenehmen sozialen Umfeld. Doch sie bemerkt auch, dass all diese Menschen sehr oberflächlich sind und andere moralische Vorstellungen hegen als Caroline selbst. Ihrer Schwester ist es egal, dass ihr Freund verheiratet ist. Carolines Chefin gibt einer Kundin den falschen Nagellack, da diese den Unterschied angeblich ohnehin nicht bemerken würde. Und Carolines Verehrer interessiert sich offensichtlich nur für ihr schönes Äußeres und nicht für sie als Person. All dies zeichnet das Bild einer kalten Großstadt, in der tiefere menschliche Beziehungen unmöglich sind.

    Als es am Ende offenbar etwas Spektakuläres in Carolines Wohnung zu begaffen gibt, da strömt die ganze Nachbarschaft herbei. So findet sich Caroline am Ende in ihrer größten Einsamkeit von einer großen Menschentraube umringt. In dieser Szene treffen Außen- und Innenwelt, kranke Gesellschaft und geisteskranke Protagonistin aufeinander. Auf einmal steht die beunruhigende Frage im Raum, vor welcher Seite man eigentlich mehr Angst haben muss. Somit ist „Ekel" gleichermaßen eine meisterhafte Studie über den geistigen Verfall einer jungen Frau wie auch eine versteckte ätzende Gesellschaftskritik.

    Fazit: In seinem zweiten Langfilm „Ekel" verwob Roman Polanski auf so sensible wie künstlerisch hochpräzise Weise halluzinatorisch-assoziative Bilder einer leidenden Seele und die kalte Wirklichkeit und Anonymität der Großstadt. Auch das großartig nuancierte Spiel von Catherine Deneuve macht innere wie äußere Entfremdung spürbar. Ein Juwel, das die Grenzen von Psychothriller und surrealistischer Fingerübung weit hinter sich lässt.
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