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Mein Glück
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Mein Glück
Von Christian Horn
„Mein Glück" ist eine bittere Pille von einem Film. Der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa („Landschaft", „Die Fabrik"), der vornehmlich in der russischen Provinz dreht, schickt seinen Protagonisten auf eine kompromisslos in den Abgrund führende Reise durchs Hinterland des post-sowjetischen Russlands. Die Klischeevorstellung vom weiten, wilden Russland, an der im Einzelfall wohl durchaus etwas dran sein mag, überzeichnet er in einer grotesken, konzeptionellen Form. Ein politisches, gesellschaftliches oder soziales Anliegen dergestalt als Konzentrat zu vermitteln, kann als Perspektivierung ganz hervorragend funktionieren und eine wie auch immer geartete „Aussage" im Formalen konturieren. Der Cannes-Wettbewerbsfilm „Mein Glück" zerfällt durch den nur oberflächlich verbundenen und wirren Spießrutenlauf der Hauptfigur jedoch in die Summe seiner Einzelteile, wobei es mitunter schwierig ist, den inhaltlichen Überblick zu wahren.

Georgy (Victor Nemets), ein russischer LKW-Fahrer, gerät auf einer Fahrt durch Russland in eine Spirale der Gewalt. Es beginnt mit einem alten Mann, der ihm eine tragische Anekdote aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt, geht weiter mit einer jungen, vermutlich minderjährigen Prostituierten, die ihren Körper am Straßenrand verkauft, und nimmt an Fahrt auf, als Diebe Georgy niederschlagen und bewusstlos im verschneiten Wald liegen lassen. In einer dörflichen Gemeinschaft und deren Umgebung, wo er sich von den Verletzungen erholt, verschwindet Georgy in der Folge immer tiefer in einem Netz aus Korruption, Habgier und knallhartem Überlebenskampf...

Egal, ob es sich um Polizisten oder Soldaten, Bauern oder Hausfrauen handelt: Auf ihren eigenen Vorteil sind sie alle bedacht – und das in aller Regel, ohne auch nur den leisesten Hauch von Mitgefühl oder Uneigennützigkeit zu zeigen. Die berühmte russische Gastfreundschaft pervertiert „Mein Glück", indem er auf den ersten Blick herzliche Begegnungen regelmäßig in Mord und Totschlag, Diebstahl und emotionale Kälte verkehrt: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Fast erfroren wird Georgy von einer alten Frau mit dem Besen davongejagt, wer unaufmerksam ist, wird um einige Rubel erleichtert, und wer der Willkür der Behörden ausgeliefert ist, endet ziemlich sicher elend verprügelt in irgendeiner Ecke. Beständig dominieren ausgemergelte, müde und resignierte Gesichter.

Obwohl „Mein Glück" die mehr oder minder zusammenhängende Passionsgeschichte Georgys erzählt, wirkt er wie ein lose verknüpfter Episodenfilm – dadurch, dass Georgy nach dem Überfall einen Bart trägt, sprachlos und gebrochen ist, könnte man ihn sogar für eine neue Hauptfigur halten (in der Tat würde das kaum etwas an der Rezeption des Films ändern). Es gelingt Sergei Loznitsa zwar immer wieder, den Blick mit Variationen, neuen Formen der Eskalation und den atmosphärischen, treffsicheren Bilder auf der Leinwand zu halten, aber mit der Zeit nutzt sich das Konzept doch merklich ab: Da keine der Stationen zwingend auf die andere folgt, stellt sich eine gewisse Stagnation, eine scheinbar beabsichtigte Redundanz ein. Wie Gewehrsalven reiht Loznitsa eine essayistische Geschichte an die nächste – „Mein Glück" könnte fraglos stärkere Konturen und eine konsistentere Struktur vertragen.

Als bitterer und zynischer, plastisch übersteigerter Kommentar zur post-sowjetischen Gesellschaftsordnung, in der die Reichen immer reicher werden, während die Armen ums Überleben kämpfen, hat „Mein Glück" seine Berechtigung (als eine Art ukrainischer Gaspar Noé oder Ulrich Seidl). Der Film erschöpft sich jedoch zu einseitig in seiner Schockwirkung, um gänzlich zu überzeugen. Stattdessen lässt Sergei Loznitsa den Betrachter ein wenig entnervt und gelangweilt, gleichzeitig aber auch nachhaltig vor den Kopf gestoßen zurück.
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